Volkswille

Populismus meint nicht einfach nur volksnahe Politik

Populismus meint nicht einfach nur volksnahe Politik
(Symbolbild) Populismus ist ein politischer Begriff, der in Debatten oft ungenau verwendet wird. In der Politikwissenschaft bezeichnet er ein bestimmtes Weltbild, das die Gesellschaft in ein reines Volk und eine korrupte Elite teilt. Es kann sich mit ganz unterschiedlichen politischen Richtungen verbinden, von links bis rechts. (Foto: © Forschung und Wissen)

Kaum ein politisches Wort fällt so häufig und so ungenau wie Populismus. Es wird als Vorwurf benutzt, als Selbstbeschreibung vermieden und in Talkshows in fast jede Richtung gedreht. Dabei hat der Begriff in der Politikwissenschaft eine überraschend klare Bedeutung, die sich vom alltäglichen Gebrauch deutlich unterscheidet. Populismus meint dort nicht einfach volksnahe oder einfache Politik, sondern ein bestimmtes Bild davon, wie Gesellschaft und Macht aufgebaut sind.

Im öffentlichen Sprachgebrauch bezeichnet Populismus meist etwas Abwertendes. Wer einem politischen Gegner Populismus vorwirft, unterstellt ihm häufig, aus Berechnung einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu geben, Stimmungen auszunutzen oder dem Publikum nach dem Mund zu reden. Dieser Vorwurf überlappt sich in der Wahrnehmung oft mit Demagogie oder reinem Opportunismus. Genau diese Unschärfe ist der Grund, warum Forscherinnen und Forscher versucht haben, den Begriff präziser zu fassen und ihn von seinen politischen und medialen Beiklängen zu lösen. Sie fragen nicht, ob jemand populär sein will, sondern nach einem gemeinsamen gedanklichen Kern, der ganz unterschiedliche Bewegungen verbindet. Dieser Kern lässt sich beschreiben, unabhängig davon, ob man Populismus für gut oder schlecht hält.

Der einflussreichste Ansatz stammt vom Politikwissenschaftler Cas Mudde, dessen Definition heute in der Forschung besonders häufig zitiert wird. Er versteht Populismus als eine Ideologie, die davon ausgeht, dass die Gesellschaft in zwei gegensätzliche und in sich einheitliche Gruppen zerfällt: das reine Volk auf der einen und die korrupte Elite auf der anderen Seite. Politik soll nach dieser Vorstellung der Ausdruck des allgemeinen Volkswillens sein. Entscheidend ist dabei, dass beide Gruppen moralisch aufgeladen werden. Das Volk gilt als tugendhaft, die Elite als verderbt. Damit ist bereits der Kern benannt, um den sich alles Weitere dreht.

Der Kern: reines Volk gegen korrupte Elite

Populismus bezeichnet in der Politikwissenschaft ein Weltbild, das die Gesellschaft in ein moralisch reines Volk und eine korrupte Elite spaltet und Politik als Ausdruck des Volkswillens versteht. Er ist keine geschlossene Ideologie, sondern verbindet sich mit anderen Weltanschauungen und tritt sowohl im linken als auch im rechten politischen Spektrum auf.

Diese Gegenüberstellung von Volk und Elite ist das Merkmal, das nahezu alle Fachleute als zentral betrachten. Ein populistischer Akteur stellt sich in diesem konstruierten Gegensatz auf die Seite des einfachen Volkes und beansprucht, dessen wahren Willen zu vertreten. Etablierte Parteien, Institutionen und Eliten erscheinen dagegen als abgehoben und eigennützig. Wichtig ist, dass sowohl das Volk als auch die Elite in dieser Denkweise als jeweils einheitliche Blöcke vorgestellt werden. Innere Unterschiede, Minderheiten oder widerstreitende Interessen innerhalb des Volkes treten in den Hintergrund, weil es einen einzigen, gemeinsamen Volkswillen geben soll. Genau dieser Anspruch, für das ganze Volk zu sprechen, unterscheidet Populismus von gewöhnlicher Interessenpolitik.

Eine dünne Ideologie

Mudde beschreibt Populismus als sogenannte dünne Ideologie. Damit ist gemeint, dass Populismus allein keine vollständige Weltanschauung bildet. Anders als etwa der Sozialismus oder der Konservatismus liefert er kein umfassendes Programm dafür, wie eine Gesellschaft im Detail organisiert, wie Wirtschaft gestaltet oder wie das Zusammenleben geordnet werden soll. Er beschränkt sich auf die Grundfigur von Volk und Elite und den Volkswillen. Deshalb tritt Populismus fast nie für sich allein auf, sondern verbindet sich mit einer inhaltlich dichteren Trägerideologie. Diese Kombination erklärt, warum Populismus so viele Gesichter hat. Er kann sich an ganz verschiedene politische Grundhaltungen anlagern und dadurch sehr unterschiedliche Ziele verfolgen, obwohl der gedankliche Kern derselbe bleibt. Auf der bpb-Seite finden sich weitere Einordnungen zu den Wesensmerkmalen des Populismus aus politikwissenschaftlicher Sicht.

Warum es Populismus links und rechts gibt

Aus dem Konzept der dünnen Ideologie folgt unmittelbar, dass Populismus kein Phänomen nur einer politischen Seite ist. Weil er sich mit einer Trägerideologie verbinden muss, entstehen unterschiedliche Ausprägungen. Rechter Populismus koppelt die Vorstellung vom reinen Volk häufig an nationalistische oder auf die eigene Herkunft bezogene Vorstellungen, während linker Populismus die Elite oft in wirtschaftlicher Macht verortet und sich mit sozialistischen oder umverteilenden Ideen verbindet. In beiden Fällen bleibt die Grundfigur gleich: ein tugendhaftes Volk gegen eine korrupte Elite. Forscher grenzen den Populismus zudem von geschlossenen Ideologien wie dem Faschismus ab, der auf einem Führerprinzip beruht. Ein populistischer Anführer kann eine wichtige Rolle spielen, ist aber nach dieser Lesart kein zwingendes Merkmal. Damit lassen sich sehr verschiedene Bewegungen unter demselben Begriff fassen, ohne sie gleichzusetzen.

Ein Streit über das Verhältnis zur Demokratie

Besonders umstritten ist die Frage, in welchem Verhältnis Populismus zur Demokratie steht. Kritiker weisen darauf hin, dass die populistische Denkweise Probleme mit dem Schutz von Minderheiten und mit unabhängigen Kontrollinstanzen haben kann. Wenn nämlich das Volk als einheitlich gilt und nur die Elite als dessen Gegner, dann erscheinen Minderheitenrechte oder Gerichte, die den Volkswillen begrenzen, in dieser Logik als hinderlich. Andere Stimmen betonen dagegen, dass Populismus auch als eine Art Korrektiv wirken kann, indem er auf nicht vertretene Anliegen und auf ein Auseinanderdriften von Bevölkerung und politischer Führung aufmerksam macht. In der Forschung wird deshalb gefragt, ob Populismus die Demokratie eher gefährdet oder ob er auf ihre Schwachstellen hinweist. Eine einheitliche Antwort gibt es nicht, und die Bewertung hängt stark davon ab, mit welcher Trägerideologie sich der Populismus im Einzelfall verbindet und wie er mit den Regeln des Rechtsstaats umgeht.

Wer den Begriff Populismus verstehen will, kommt also mit dem Alltagsgebrauch als bloßem Schimpfwort nicht weit. In der Politikwissenschaft steht er für ein bestimmtes Weltbild mit einem klaren Kern, das sich an viele Richtungen anlagern kann. Ob dieses Weltbild eine Gefahr oder ein Warnsignal ist, bleibt eine der zentralen Debatten der Gegenwart, und gerade diese Offenheit macht den Begriff so wirkmächtig und so umstritten zugleich.

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