Kyoto 1889

Nintendo verkaufte über 60 Jahre lang nur Spielkarten

Nintendo verkaufte über 60 Jahre lang nur Spielkarten
(Symbolbild) Nintendo Spielkarten aus feinem Papier standen am Anfang eines Unternehmens, das heute für Videospiele bekannt ist. In Kyoto entstand 1889 eine kleine Werkstatt für handgefertigte Hanafuda-Karten. Über Jahrzehnte blieb dieses Geschäft der Kern der Firma. Wie aus einem Kartenhersteller ein Weltkonzern wurde, hat einen langen Anlauf. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein aufgefächerter Stapel fein bemalter Papierkarten und eine moderne Spielkonsole scheinen nichts miteinander zu tun zu haben. Doch die Nintendo Spielkarten stehen am Anfang genau jener Firma, die später das Videospiel prägte. Gegründet 1889 in Kyoto, war das Unternehmen über Jahrzehnte ein reiner Kartenhersteller. Erst viel später kamen Spielzeug und elektronische Spiele hinzu. Der Weg von der Werkstatt zum Weltkonzern verlief langsamer und ungewöhnlicher, als die meisten vermuten.

Wer heute an das Unternehmen denkt, denkt an Spielfiguren, Konsolen und bunte digitale Welten. Die Nintendo Spielkarten aus feinem Papier passen so gar nicht in dieses Bild, und genau darin liegt der Reiz der Firmengeschichte. Die Gründung von Nintendo fällt in eine Umbruchzeit Japans, in der sich Handwerk, Handel und staatliche Regeln stark veränderten. In Kyoto entstand damals eine kleine Manufaktur, die Karten für ein traditionelles Spiel herstellte. Über viele Jahrzehnte blieb dieses Geschäft der Kern der Firma, lange bevor überhaupt an Elektronik zu denken war. Die Vorstellung, dass dieselbe Firma später ganze Generationen von Videospielen prägen würde, hätte damals absurd gewirkt.

Um die Wende vom Kartenhersteller zum Technologiekonzern zu verstehen, lohnt der Blick auf die Ausgangslage. Spielkarten hatten in Japan eine wechselvolle Geschichte, geprägt von Verboten und Wiedererfindungen, weil das Glücksspiel immer wieder eingeschränkt wurde. In diese Lücke stieß eine Werkstatt, die bewusst auf reich bebilderte Karten setzte, die sich vom Ruch des reinen Glücksspiels abhoben. Aus diesem Handwerksbetrieb wurde über Generationen ein Unternehmen, das seine Produktpalette immer wieder umbaute. Der Sprung zu Spielzeug und schließlich zu elektronischen Spielen war kein plötzlicher Bruch, sondern das Ergebnis vieler Schritte über einen langen Zeitraum, in dem das Kartengeschäft weiterlief.

Der Anfang lag bei handgefertigten Hanafuda-Karten

Die kurze Antwort lautet: Nintendo begann 1889 in Kyoto als Hersteller handgefertigter Hanafuda-Karten, also traditioneller japanischer Blumenkarten, und blieb über Jahrzehnte ein reines Kartengeschäft. Ein Hanafuda-Satz besteht aus achtundvierzig Karten mit zwölf Monatsmotiven aus Pflanzen und Jahreszeiten statt aus Zahlen. Gefertigt wurden die frühen Karten aus dem Bast des Maulbeerbaums und von Hand bemalt. Diese Herkunft belegt das Unternehmen selbst in einem Rückblick auf seine eigenen Wurzeln. Erst danach kamen Spielzeug und Videospiele.

Die Wahl gerade dieser Karten hatte einen konkreten Hintergrund. Klassische Zahlenkarten galten lange als Werkzeug des Glücksspiels und waren zeitweise verboten. Hanafuda mit ihren bildhaften Motiven umgingen dieses Stigma, weil sie nicht sofort mit verbotenen Spielen in Verbindung gebracht wurden. Der Gründer Fusajiro Yamauchi erkannte das Potenzial dieser Nische und baute daraus ein Geschäft auf. Die handgefertigten Karten erforderten viel Sorgfalt, von der Papierauswahl bis zur Bemalung. Aus dieser handwerklichen Basis entwickelte sich ein Betrieb, der bald über Kyoto hinaus bekannt wurde. Die frühe Spezialisierung auf ein kulturell verwurzeltes Spiel legte den Grundstein für die spätere Größe des Unternehmens.

Aus der Werkstatt wurde der erste große Kartenhersteller

Nach dem Start mit Hanafuda erweiterte die Firma ihr Sortiment und wurde zum ersten japanischen Unternehmen, das auch Spielkarten im westlichen Stil herstellte. Damit erschloss sie einen neuen Markt, denn Karten mit europäischem Zuschnitt waren gefragt, aber bislang kaum im Land produziert. Der Vertrieb lief unter anderem über ein weit verzweigtes Netz von Verkaufsstellen, das die Karten im ganzen Land verfügbar machte. So stieg der einstige Handwerksbetrieb zu einem der führenden Spielkartenhersteller Japans auf. Das Geschäft mit Karten trug die Firma über einen sehr langen Zeitraum und blieb ihr wirtschaftliches Rückgrat, während andere Produktideen erst nach und nach hinzukamen.

Der Name des Unternehmens ist bis heute nicht eindeutig geklärt und trägt zur Faszination bei. Die gängige Deutung übersetzt ihn sinngemäß mit einer Formel, die das Schicksal dem Himmel überlässt, was gut zu einem Anbieter von Kartenspielen passt. Belegt ist diese Herleitung allerdings nicht abschließend, weil die Schriftzeichen mehrere Lesarten zulassen. Über Generationen blieb das Unternehmen im Besitz der Gründerfamilie und wuchs mit dem Kartengeschäft. Diese lange Kontinuität ist bemerkenswert, denn sie zeigt, dass die spätere Wende zum Technologiekonzern auf einem sehr traditionellen Fundament aufsetzte. Der Sprung in neue Branchen kam erst, als das reine Kartengeschäft an Grenzen stieß.

Der Weg zu Spielzeug und Videospielen dauerte Jahrzehnte

Der Übergang vom Kartenhersteller zum Spiele- und Technologieunternehmen zog sich über viele Jahre und war von Experimenten geprägt. Ab der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts probierte die Firma verschiedene Geschäftsfelder aus, darunter Spielzeug und mechanische Unterhaltungsgeräte. Manche Versuche blieben Randnotizen, andere legten den Grundstein für spätere Erfolge. Erst mit dem Einstieg in elektronische Spiele verschob sich der Schwerpunkt endgültig. Wichtig für das Verständnis ist, dass dieser Wandel kein plötzlicher Bruch mit der Vergangenheit war. Die Firma stützte sich lange auf ihr Kartengeschäft, während sie parallel neue Wege testete, und trug so das alte und das neue Geschäft eine Zeit lang nebeneinander.

Bemerkenswert ist, dass die Hanafuda-Karten nie ganz verschwanden. Bis heute stellt das Unternehmen solche Karten her, und sie gelten als sichtbares Bindeglied zur eigenen Frühzeit. Damit lässt sich die gesamte Firmengeschichte an einem einzigen Produkt ablesen, das den Bogen von der handbemalten Papierkarte bis in die Gegenwart spannt. Genau das macht den Fall so einprägsam: Ein weltweit bekannter Name für Videospiele verbrachte seine ersten Jahrzehnte als reiner Kartenmacher. Wer diese Herkunft kennt, sieht die scheinbar rein moderne Marke plötzlich in einem ganz anderen, überraschend handwerklichen Licht, das die lange Vorgeschichte greifbar macht.

Spannend & Interessant
VGWortpixel