Antoniusfeuer

Mutterkorn im Brot löste jahrhundertelang Massenvergiftungen aus

Mutterkorn im Brot löste jahrhundertelang Massenvergiftungen aus
(Symbolbild). Mutterkorn befällt vor allem Roggen und bildet dort dunkle, hornförmige Körner voller giftiger Alkaloide. Im Mittelalter führte verseuchtes Brot zum gefürchteten Antoniusfeuer mit Krämpfen, Wahnbildern und absterbenden Gliedmaßen. Noch im 20. Jahrhundert erkrankte eine ganze französische Kleinstadt nach dem Verzehr von Brot. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Mutterkorn ist ein Pilz, der auf Getreide wächst und vor allem Roggen befällt. In den dunklen Körnern stecken hochwirksame Gifte, die das Blut in den Adern zusammenpressen und das Nervensystem angreifen. Im Mittelalter löste verseuchtes Brot immer wieder Massenvergiftungen aus, bekannt als Antoniusfeuer. Betroffene litten unter brennenden Schmerzen, Krämpfen und Wahnvorstellungen, ganze Landstriche verloren Finger und Zehen. Noch 1951 erkrankten in einer französischen Kleinstadt über 250 Menschen nach dem Brot vom selben Bäcker.

Wer über ein reifes Roggenfeld blickt, erkennt Mutterkorn oft erst auf den zweiten Blick. Zwischen den hellen Körnern ragen dann einzelne dunkelviolette, leicht gekrümmte Gebilde hervor, die wie verkohlte Hörner aussehen. Diese Strukturen sind keine kranken Körner, sondern die Dauerform eines Pilzes mit dem Namen Claviceps purpurea. Er ersetzt das eigentliche Korn durch ein hartes Geflecht, das vollgepackt ist mit einer ganzen Gruppe von Giftstoffen, den Ergotalkaloiden. Gelangen diese Sklerotien bei der Ernte in großer Zahl ins Getreide und werden mitvermahlen, wandert das Gift direkt ins Mehl und von dort ins Brot. Genau darin lag über Jahrhunderte die Gefahr, denn Roggen war in weiten Teilen Europas das Grundnahrungsmittel schlechthin. Ein feuchtes Jahr mit schlechter Ernte konnte so eine ganze Region in eine Vergiftungswelle stürzen.

Die Wirkung dieser Alkaloide ist doppelt und macht das Gift so tückisch. Ein Teil der Stoffe verengt die Blutgefäße so stark, dass Hände und Füße nicht mehr ausreichend durchblutet werden. Betroffene spürten ein heftiges Brennen in den Gliedmaßen, weshalb man das Leiden Antoniusfeuer nannte, benannt nach dem heiligen Antonius, den man gegen die Krankheit anrief. In schweren Fällen starb das Gewebe ab, Finger, Zehen und ganze Gliedmaßen wurden schwarz und lösten sich. Ein anderer Teil der Alkaloide wirkt auf das Nervensystem und löste Krämpfe, Zuckungen und heftige Wahnvorstellungen aus. Diese zweite, krampfartige Form des Antoniusfeuers ähnelt in ihren Bildern jenen Zuständen, die später mit stark wirksamen Substanzen in Verbindung gebracht wurden, denn aus Mutterkorn wurde im 20. Jahrhundert der Grundstoff für die berühmte Substanz LSD gewonnen.

Was das Antoniusfeuer mit den Menschen machte

Historische Berichte über das Antoniusfeuer lesen sich wie Schilderungen einer Massenqual. Menschen wanden sich unter Krämpfen, sahen Feuer, Tiere und Gestalten, die nicht da waren, und klagten über ein unerträgliches Brennen in Armen und Beinen. In manchen Regionen traten die Ausbrüche über Jahrhunderte immer wieder auf, sobald eine schlechte, feuchte Ernte den Pilz begünstigte. Der Zusammenhang mit dem Brot blieb dabei lange verborgen, weil niemand die dunklen Körner mit den Symptomen in Verbindung brachte. Erst allmählich verstand man, dass das tägliche Brot selbst die Ursache war. Weil Roggen in kühleren, feuchteren Gebieten besonders verbreitet war, häuften sich die Fälle dort, wo dieses Getreide die Ernährung bestimmte. So wurde ein unsichtbarer Pilz zu einem stillen Begleiter des Grundnahrungsmittels, dessen Ausbrüche ganze Dörfer erfassen konnten.

Der Fall von Pont-Saint-Esprit

Dass die Gefahr keineswegs nur ins Mittelalter gehört, zeigt ein Ereignis aus dem 20. Jahrhundert. Am 15. August 1951 erkrankten in der südfranzösischen Kleinstadt Pont-Saint-Esprit binnen kurzer Zeit zahlreiche Menschen. Sie litten unter Übelkeit, kaltem Schweiß und schwachem Puls, viele verfielen in schwere Wahnzustände und Halluzinationen. Ein Mann glaubte, fliegen zu können und sprang aus einem Fenster, ein Kind sah sich von Tieren verfolgt. Insgesamt waren über 250 Menschen betroffen, rund 50 kamen in psychiatrische Kliniken, mehrere starben. Ein Großteil der Fachwelt und die Ärzte vor Ort führten das Unglück auf mit Mutterkorn verseuchtes Brot aus einer bestimmten Bäckerei zurück. Der Fall trägt in Frankreich den Namen Le Pain Maudit, das verfluchte Brot. Bis heute gibt es allerdings einen Deutungsstreit, da einzelne Forscher andere Ursachen ins Spiel brachten. Der bekannteste Erklärungsansatz bleibt jedoch die Vergiftung durch den alten, gefürchteten Pilz.

Warum modernes Brot heute sicher ist

Dass Massenvergiftungen durch Mutterkorn heute kaum noch vorkommen, liegt an mehreren Fortschritten. Moderne Reinigungs- und Sortierverfahren entfernen die auffälligen Sklerotien weitgehend aus dem Getreide, bevor es zu Mehl verarbeitet wird. Zusätzlich gelten für Getreide und Mehl heute Grenzwerte für Mutterkorn und die darin enthaltenen Ergotalkaloide, deren Einhaltung überwacht wird. Der Pilz selbst ist damit nicht verschwunden, denn er befällt in feuchten Jahren weiterhin Roggen und andere Gräser auf den Feldern. Die Kette vom Feld bis zum Brot ist heute jedoch so kontrolliert, dass gefährliche Mengen kaum noch ins Nahrungsmittel gelangen. Ein unscheinbares, dunkles Korn, das über Jahrhunderte Angst und Leid verbreitete, ist so von einer tödlichen Bedrohung zu einem überwachten Restrisiko geworden. Sichtbar bleibt es bis heute nur noch als seltener dunkler Fremdkörper in der reifen Ähre.

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