In den Farbkästen europäischer Maler stand über Jahrhunderte eine Tube mit tiefbraunem Inhalt, dessen Rohstoff aus ägyptischen Grabkammern kam. Mumienbraun galt als besonders warmes, halbtransparentes Braun für Schatten, Lasuren und die Untermalung ganzer Bildflächen. Wer es kaufte, wusste oft nicht, woraus die Farbe tatsächlich bestand. Der letzte Londoner Anbieter stellte den Verkauf erst 1964 ein, und der Grund dafür stand in einem Satz seines Geschäftsführers.
Wer im 19. Jahrhundert in einem Londoner Farbengeschäft Ölfarben bestellte, konnte auf einen Katalogeintrag stoßen, der aus heutiger Sicht schwer zu fassen ist. Unter den Brauntönen stand Mumienbraun, ein Pigment, dessen Rohstoff aus altägyptischen Bestattungen stammte. Zermahlene menschliche und tierische Überreste, vermischt mit Erdpech, Harzen und Myrrhe aus der Einbalsamierung, ergaben eine tiefbraune Farbe mit hoher Transparenz. Sie ließ sich lasierend auftragen, eignete sich für Fleischtöne und für die damals verbreitete Braununtermalung, bei der ein ganzes Bild zunächst in Brauntönen angelegt wurde. Das Pigment war kein Sonderfall einzelner Werkstätten, sondern über Jahrhunderte fester Bestandteil des Farbhandels. Verkauft wurde es in Näpfchen, als Pulver und später in der Farbtube, oft an Käufer, die den Namen für eine bloße Farbbezeichnung hielten.
Der Weg dorthin führte über die Apotheke. Nach Europa gelangten ägyptische Mumien schon lange, bevor Maler sich für sie interessierten, denn zermahlene Mumienteile galten seit dem Mittelalter als Arznei. Aus dieser medizinischen Nachfrage entstand ein Handel, der Grabkammern leerte und die Ware bis in die Regale der Drogisten brachte. Erst als die Heilmittelgläubigkeit nachließ, wanderte der Rohstoff in die Farbindustrie. Die Verbindung zwischen Grab und Palette war damit nicht neu, sondern die Fortsetzung einer bereits eingespielten Handelskette. Wie stabil diese Kette war, zeigt ihr Ende: Nicht Empörung beendete den Verkauf von Mumienbraun, sondern schlicht der Mangel an Nachschub. Bis dahin vergingen mehr als vier Jahrhunderte, in denen die Farbe in Katalogen stand.
Mumienbraun war ein braunes Malerpigment aus zermahlenen ägyptischen Mumien. Neben menschlichen und tierischen Überresten enthielt es Bitumen, Harze und Myrrhe aus der Einbalsamierung. Verwendet wurde es vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert vor allem in der Ölmalerei, dort für Schatten, Lasuren und warme Brauntöne.
Der Farbton lag zwischen gebrannter und roher Umbra, war tief und zugleich durchscheinend. Genau diese Eigenschaft machte das Pigment beliebt, denn dünn aufgetragen ließ es die darunterliegende Malschicht durchscheinen. Technisch war es dennoch heikel. Der hohe Anteil an Erdpech trocknet nicht wie Öl aus, sondern bleibt über Jahrzehnte weich und beweglich. Liegt eine aushärtende Ölfarbe auf einer solchen Schicht, entstehen Spannungen, und die Oberfläche reißt in breiten Furchen auf. Zeitgenössische Handbücher warnten außerdem vor der schwankenden Zusammensetzung, weil jede Lieferung anders ausfiel. Der Handel mit Farbmitteln kannte solche Schwierigkeiten auch bei anderen Neuheiten, etwa als sich die Geschichte des Berliner Blau in ganz Europa verbreitete.
Am Anfang stand ein Wort. Das persische mumiya bezeichnete ursprünglich Bergpech, also natürlich austretendes Bitumen, dem heilende Wirkung zugeschrieben wurde. Weil die dunklen, verharzten Einbalsamierungsmassen ägyptischer Toter dem Bergpech ähnelten, übertrug sich der Begriff auf sie, und von dort auf die Körper selbst. Aus einem Mineral wurde so eine Leiche. Ab dem 11. und 12. Jahrhundert erreichte diese Ware europäische Märkte, und die Nachfrage wuchs über Jahrhunderte. Berichte aus der frühen Neuzeit erwähnen Handelsverbote sowie gefälschte Lieferungen, für die frisch getrocknete Körper als altägyptische Fundstücke ausgegeben wurden. Als Maler das Material entdeckten, war die Lieferkette also längst eingerichtet, samt Zwischenhändlern, Preisen und einem eingeführten Namen.
Wie wenig manche Käufer über ihr Material wussten, zeigt eine Szene aus dem Jahr 1881. Der Maler Lawrence Alma-Tadema erzählte bei einem Besuch beiläufig, er habe bei seinem Farbenhändler gesehen, wie eine Mumie für die Pigmentherstellung zerkleinert wurde. Sein Gastgeber Edward Burne-Jones hatte bis dahin angenommen, der Name beschreibe nur einen Farbton. Er ging in sein Atelier, suchte die angebrochene Tube heraus und begrub sie im Garten, wo eine seiner Töchter anschließend ein Gänseblümchen pflanzte. Überliefert ist die Episode durch seine Frau Georgiana und durch ihren Neffen Rudyard Kipling. Sie beschreibt weniger einen Einzelfall als den Wissensstand einer ganzen Käufergruppe, die täglich mit dem Material arbeitete.
Trotz der langen Handelsgeschichte lässt sich kaum ein Bild sicher benennen, in dem das Pigment steckt. Der Grund liegt im Material selbst. Es gab keine einheitliche Rezeptur, die überlieferten Anleitungen widersprechen einander, und die Bestandteile sind organisch und damit chemisch schwer von anderen braunen Erdfarben und Bitumenprodukten zu unterscheiden. Restaurierungen haben viele Malschichten zusätzlich verändert. Selbst massenspektrometrische Verfahren liefern deshalb selten eindeutige Ergebnisse. Anders liegt der Fall bei Techniken, in denen Pigmente fest an ihren Untergrund gebunden werden, etwa bei der Freskomalerei, deren Aufbau sich an der Frage entscheidet, was ein Fresko kennzeichnet. In der Ölmalerei bleibt am Ende oft nur der Verdacht.
Wie knapp der Rohstoff wurde, zeigt eine Zeitungsanzeige der Londoner Firma C. Roberson aus dem Jahr 1904, in der das Haus offen nach einer Mumie für die Farbherstellung suchte. Sechzig Jahre später war der Vorrat aufgebraucht. Der Geschäftsführer Geoffrey Roberson-Park erklärte 1964 einem Journalisten, man habe allenfalls noch einzelne Gliedmaßen im Haus, aber nicht genug für neue Farbe, und die letzte vollständige Mumie sei Jahre zuvor für wenige Pfund verkauft worden. Damit endete der Handel. Was heute unter ähnlichen Namen verkauft wird, ist ein synthetisches Gemisch ohne menschliche Bestandteile. Eine Tube aus der Zeit um 1900 ist in der Sammlung historischer Pigmente der Harvard Art Museums erhalten geblieben.
Diese Forbes Pigment Collection umfasst mehr als 2.500 Farbmittel, und das kleine braune Röhrchen darin ist der letzte greifbare Rest einer Handelskette, die vom Nil über Apotheken und Farbenhäuser bis an europäische Staffeleien reichte. In Museen hängen bis heute Bilder aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert, deren tiefe Schattenpartien möglicherweise genau dieses Material enthalten, ohne dass es jemand nachweisen kann. Mumienbraun ist damit das seltene Beispiel eines Werkstoffs, der vollständig verschwunden ist und trotzdem an Museumswänden weiterexistiert, verteilt auf Farbschichten, die niemand mehr auseinandernehmen wird.