Sieben Millionen Kilometer entsprechen rund 175 Fahrten um die Erde. Diese Strecke hat ein Mercedes W123 auf Gran Canaria zurückgelegt, ohne die Insel jemals zu verlassen. Seit 1988 fährt der lange 240 D in Maspalomas als Taxi, Tag und Nacht, in drei Schichten. Dass ein Auto mit 72 PS aus den 1980er Jahren diese Laufleistung erreicht, hat mit einem Motor zu tun, der für genau diese Art von Dauerbetrieb gebaut wurde.
Das Taxi ist ein Mercedes W123 in der Langversion, die Mercedes intern als V123 führte. Gegenüber der normalen Limousine ist der Radstand um 630 Millimeter auf 3,425 Meter verlängert, die Karosserie misst 5,355 Meter. Im Fond findet eine zusätzliche Sitzreihe Platz, sodass neben dem Fahrer bis zu sieben Fahrgäste mitfahren können. Gebaut wurde diese Langversion für Taxibetriebe, Hotels und Fahrdienste, insgesamt entstanden nach Angaben von Fachhändlern weniger als 14.000 Exemplare. Unter der Haube arbeitet der Vierzylinder-Diesel OM 616 mit 2.399 Kubikzentimetern Hubraum und 72 PS, die schwächste Motorisierung im Programm der Langversion. Der Taxiunternehmer Domingo, auf der Insel als Dominguito bekannt, kaufte den Wagen Mitte der 1980er Jahre mit einem einzigen Extra, einem Fünfganggetriebe, und ließ ihn erst im August 1988 als Taxi zu.
Von da an stand der Mercedes kaum noch still. Drei Fahrer teilen sich den Tag in Schichten von je acht Stunden, jeder Schichtwechsel ist zugleich der einzige Halt, den das Auto regelmäßig einlegt. So kommen rund 700 Kilometer am Tag und etwa 5.000 Kilometer in der Woche zusammen, das entspricht nach einem Vergleich der Inselpresse fünf Fahrten von den Kanaren bis nach Cádiz. Auf die gesamte Laufleistung gerechnet wäre das Taxi neunmal zum Mond und zurück gefahren. Rund 1,4 Millionen Fahrgäste soll es in dieser Zeit befördert haben, vor allem Urlauber zwischen dem Flughafen und den Hotels im Süden der Insel. Der Mercedes W123 ist in Maspalomas längst eine Sehenswürdigkeit, und manche Touristen buchen gezielt eine Fahrt, um einmal in dem Auto zu sitzen, das mehr Kilometer gesammelt hat als jedes andere bekannte Taxi.
Der Mercedes W123 aus Maspalomas ist ein 240 D in der seltenen Langversion, der seit August 1988 als Taxi auf Gran Canaria fährt. In drei Schichten legt er täglich rund 700 Kilometer zurück, bekommt jede Woche einen Ölwechsel und hat nach Angaben des Betreibers inzwischen mehr als sieben Millionen Kilometer erreicht.
Offiziell beglaubigt ist die Zahl nicht, einen Eintrag bei einer Rekordorganisation gibt es nicht, sie stammt vom Betrieb selbst und seinen Aufzeichnungen. Eine einfache Rechnung zeigt aber, dass sie gut zur beschriebenen Nutzung passt. Bei 700 Kilometern täglich kommen im Jahr gut 255.000 Kilometer zusammen, über die rund 35 Jahre bis 2023 wären das knapp neun Millionen Kilometer. Die berichteten sieben Millionen liegen damit unter dem theoretischen Höchstwert, was Stillstandszeiten durch Reparaturen, ruhigere Tage und die Restaurierung abbildet. Die lokale Zeitung Maspalomas24h berichtete zudem, dass die Taxigenossenschaft von Maspalomas den Betrieb technisch unterstützt. Als Domingos Sohn Francisco das Taxi übernahm, standen bereits rund 3,7 Millionen Kilometer auf dem Zähler.
Nach der Übernahme bot ein Fahrer, der zugleich gelernter Mechaniker war, an, das Taxi grundlegend zu überholen. Innerhalb eines Monats zerlegte er den Wagen, entfernte Rost und brachte den Antrieb in Ordnung. Dabei rüstete er innenbelüftete Scheibenbremsen aus der S-Klasse W126 nach, ein kleineres Lenkrad aus dem Nachfolger W124 erleichtert seither den Fahrerwechsel, ein Recaro-Sitz entlastet den Rücken der Fahrer, und das Dach wurde für einen Dachgepäckträger verstärkt. Es blieb die längste Pause in der Geschichte des Autos. Seitdem wird der Mercedes nach jeder weiteren Million Kilometer zerlegt, geprüft und wieder zusammengesetzt. Der Motor musste bisher nur ein einziges Mal getauscht werden, ein Ersatzaggregat liegt im Regal bereit. Auch ein schwerer Unfall im Jahr 2022 setzte das Taxi nur kurz außer Betrieb.
Der wöchentliche Ölwechsel ist dabei kein Luxus, sondern Pflicht. Ein Vorkammerdiesel trägt bei jeder Verbrennung Ruß in das Motoröl ein, bei 5.000 Kilometern pro Woche erreicht das Öl schnell die Laufleistung, nach der Hersteller den Wechsel vorschreiben. Rund 52 Ölwechsel im Jahr kommen so zusammen, mehr als ein gewöhnliches Auto in seinem gesamten Leben erhält. Weil Motoröl in solchen Mengen verbraucht wird, sucht die Chemie auch nach neuen Rohstoffen dafür, und in Laboren entsteht inzwischen sogar Motoröl aus PVC-Müll. Für das Taxi in Maspalomas zählt etwas anderes: Frisches Öl in kurzen Abständen hält Lager, Kolbenringe und Nockenwelle sauber und schmiert sie zuverlässig. Die Wartung folgt damit einem festen Takt, der seit Jahrzehnten nicht verändert wurde.
Der OM 616 holt aus 2,4 Litern Hubraum nur 72 PS, also rund 30 PS pro Liter. Moderne Dieselmotoren erreichen ein Vielfaches davon, müssen dafür aber mit Turbolader, Hochdruckeinspritzung und Elektronik deutlich höhere Drücke und Temperaturen verkraften. Der Vorkammerdiesel des 240 D arbeitet ohne Turbolader, mit einer mechanischen Einspritzpumpe und Glühkerzen für den Kaltstart, Steuergeräte gibt es nicht. Die Bauteile sind für Lasten ausgelegt, die der Motor im Alltag nie ausreizt. Hinzu kommt ein Vorteil des Taxibetriebs: Der Motor läuft fast ununterbrochen bei Betriebstemperatur, und gerade die Kaltstarts, bei denen das Öl noch nicht überall angekommen ist, verursachen bei gewöhnlichen Autos einen großen Teil des Verschleißes. Schäden lassen sich zudem mit einfachem Werkzeug beheben, was auf einer Insel ohne großes Ersatzteillager entscheidend ist.
Bevor das Taxi aus Maspalomas bekannt wurde, galt ein anderer Diesel-Mercedes als Rekordhalter. Der griechische Taxifahrer Gregorios Sachinidis kaufte 1981 in Deutschland einen gebrauchten Mercedes der Baureihe W115 von 1976 und fuhr ihn bis 2004 in Thessaloniki und auf Hunderten Fahrten nach Belgrad. Am Ende standen 4,6 Millionen Kilometer auf der Uhr, laut Mercedes-Benz damals die höchste bekannte Laufleistung eines Autos der Marke. Sachinidis hatte zwei Austauschmotoren eingebaut und das Triebwerk elfmal überholen lassen. Das Auto steht heute in der Sammlung des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart, Sachinidis bekam zum Abschied eine neue C-Klasse. Im Guinness-Buch der Rekorde steht bis heute der Amerikaner Irv Gordon, der mit seinem Volvo P1800 bis zu seinem Tod 2018 rund 5,2 Millionen Kilometer fuhr. Das Taxi von Gran Canaria liegt deutlich über beiden Werten.
Auf dem Armaturenbrett des Mercedes W123 kleben kleine Plaketten, eine für jede erreichte Million Kilometer, damit die Fahrgäste wissen, in welchem Auto sie sitzen. Sieben davon sind es inzwischen. Draußen zieht die Küstenstraße zwischen Flughafen und Dünen vorbei, dieselbe Strecke, die der Wagen seit 1988 Tag für Tag fährt. Francisco hat angekündigt, spätestens bei der zehnten Million groß zu feiern, und der Dieselmotor unter der langen Motorhaube nagelt weiter, Schicht für Schicht, auf dem Weg zur achten Plakette.