Am 28. Oktober 312 zog Maxentius mit seinem Heer aus Rom, um Konstantin an der Milvischen Brücke zu stellen. Es war der sechste Jahrestag seiner Machtübernahme, und die Orakel hatten ihm den Sieg versprochen. Am Abend trieb sein Leichnam im Tiber, der Kopf wurde am nächsten Tag auf einer Lanze durch die Stadt getragen. Konstantin nannte sich fortan Befreier Roms und erklärte, er habe vor der Schlacht ein Zeichen Gottes gesehen. Maxentius ging als Tyrann in die Geschichte ein. Er war der letzte Kaiser, der in Rom lebte und regierte, und die Stadt hat es ihm nie gedankt.
Um zu verstehen, warum ein Kaiser in Rom eine Ausnahme sein konnte, muss man ins Jahr 293 zurückgehen. Das Römische Reich hatte ein halbes Jahrhundert Bürgerkriege hinter sich, in dem Soldaten ihre Generäle zu Kaisern ausriefen und diese nach wenigen Monaten ermordeten. Diokletian, selbst ein Soldatenkaiser, fand eine Lösung, die in der Geschichte des Reiches beispiellos war: Er teilte die Macht. Zwei Oberkaiser, Augusti, regierten den Osten und den Westen, jedem stand ein Unterkaiser, ein Caesar, zur Seite, der nach 20 Jahren nachrücken sollte. Die Tetrarchie, die Herrschaft der vier, hatte Sitze in Trier, Mailand, Sirmium und Nikomedia, nahe den bedrohten Grenzen. Rom, die Hauptstadt seit einem Jahrtausend, war in diesem System ein Museum: verehrt, mit Getreide versorgt, aber ohne Kaiser. Der Senat tagte, die Spiele liefen, und die Entscheidungen fielen woanders.
305 traten Diokletian und sein Mitkaiser Maximian wie geplant zurück. Die Nachfolge aber überging zwei Männer, die sich als geborene Erben sahen: Konstantin, den Sohn des neuen Westkaisers Constantius, und Maxentius, den Sohn Maximians. Als Constantius 306 in York starb, riefen seine Truppen Konstantin zum Kaiser aus. Wenige Monate später, am 28. Oktober 306, erhoben die Prätorianer in Rom Maxentius, dem die Tetrarchie nur ein Landgut an der Via Appia gelassen hatte. Der Anlass war eine neue Steuer, die Rom erstmals wie eine gewöhnliche Provinz belasten sollte. Maxentius versprach, die Stadt zu ihrem Rang zurückzuführen, und die Stadt folgte ihm.
Maxentius galt nie als legitimer Kaiser, weil die Tetrarchie ihn nicht vorgesehen hatte und die übrigen Kaiser ihn als Usurpator behandelten. Zwei Feldzüge gegen ihn scheiterten, 307 der des Kaisers Severus und 308 der des Galerius, dessen Truppen vor den Mauern Roms zu Maxentius überliefen. Sechs Jahre lang regierte er Italien und Nordafrika, ohne je vom Rest des Reiches anerkannt zu werden.
In diesen sechs Jahren baute Maxentius, als wolle er Rom mit Stein an sich binden. Am Forum Romanum ließ er die größte Halle der antiken Stadt errichten, die Maxentiusbasilika, deren Gewölbe bis heute 35 Meter hoch stehen; Konstantin widmete sie später sich selbst. Er ließ den abgebrannten Tempel der Venus und Roma wiederherstellen und an der Via Appia eine Palastanlage mit einem Zirkus für 10.000 Zuschauer und einem Mausoleum für seinen früh verstorbenen Sohn Romulus. Er stellte die Prätorianergarde in den Mittelpunkt und ließ Münzen mit der Aufschrift prägen, er habe die Stadt bewahrt. Die Quellen, die von ihm berichten, stammen fast alle aus dem Lager Konstantins und schildern ihn als Wüstling, der Senatorenfrauen schändete und Christen verfolgte. Die Archäologie zeichnet ein anderes Bild: einen Herrscher, der sich um die Stadt kümmerte wie kein Kaiser seit 100 Jahren, und der die Christen Roms in Ruhe ließ.
Konstantin marschierte im Frühjahr 312 mit rund 40.000 Mann über die Alpen, schlug die Truppen des Maxentius bei Turin und Verona und rückte auf Rom vor. Maxentius verfügte über mehr Soldaten und über die Mauern der Stadt, die noch jeden Angreifer aufgehalten hatten. Doch am Morgen des 28. Oktober zog er hinaus, angeblich weil die Sibyllinischen Bücher vorhergesagt hatten, an diesem Tag werde der Feind Roms sterben. Er ließ sein Heer den Tiber über eine Pontonbrücke überqueren und mit dem Rücken zum Fluss aufstellen. Konstantins Reiterei durchbrach die Flanke, die Linie brach, und Tausende drängten zurück über die Behelfsbrücke, die unter ihnen nachgab. Maxentius stürzte in voller Rüstung in den Tiber und ertrank. Der Feind Roms, den das Orakel gemeint hatte, war er selbst gewesen.
Was Konstantin vor der Schlacht sah, wissen wir nur aus zwei christlichen Berichten. Laktanz schrieb wenige Jahre später, Konstantin habe im Traum den Befehl erhalten, ein Zeichen Christi auf die Schilde malen zu lassen. Eusebius berichtete Jahrzehnte danach von einem Kreuz aus Licht am Himmel mit den Worten, in diesem Zeichen werde er siegen. Ob es eine Vision, eine Halo-Erscheinung oder eine spätere Erfindung war, lässt sich nicht klären. Sicher ist, was folgte. Konstantin löste die Prätorianer auf, nahm den Christen 313 im Mailänder Abkommen die Angst vor Verfolgung und begann, das Christentum zur Religion des Reiches zu machen. Auf seinem Triumphbogen in Rom steht, er habe die Stadt vom Tyrannen befreit. Von Maxentius blieben Bauten, die andere Namen tragen, und 2005 ein Fund unter dem Palatin: Zepter, Lanzen und Standarten, in Kisten vergraben, vermutlich die Herrschaftszeichen des Verlierers, die seine Anhänger vor Konstantin versteckten.
Rom hatte nach 312 nie wieder einen Kaiser, der in der Stadt lebte. Konstantin gründende 330 Konstantinopel als neues Rom, die Westkaiser residierten in Mailand und Ravenna, und als 410 die Goten kamen, war die alte Hauptstadt nur noch ein Symbol. Der Mann, der sie sechs Jahre lang zum Zentrum gemacht hatte, liegt nirgends begraben. Sein Kopf wurde nach Afrika geschickt, um die Provinz zum Gehorsam zu bringen, sein Name von Inschriften getilgt. Die Maxentiusbasilika steht noch. Wer heute durch ihre Bögen geht, sieht das Werk eines Kaisers, den die Geschichte als Tyrannen abgelegt und Rom als Bauherrn vergessen hat.