Eine Prise gegen den Kropf

Jodsalz: Weltweit gezielte Jodierung von Speisesalz

Jodsalz: Weltweit gezielte Jodierung von Speisesalz
(Symbolbild) In den Alpentälern der Schweiz trug um 1900 fast jeder zweite Schulkind einen Kropf, und in manchen Dörfern kamen Kinder mit schweren geistigen und körperlichen Schäden zur Welt. Die Ursache war ein Mangel an einem Spurenelement, das im Boden fehlte: Jod. Drei Landärzte experimentierten gegen den Widerstand der Fachwelt mit winzigen Mengen im Kochsalz. 1922 begann die Schweiz als erstes Land, ihr Salz zu jodieren, und die Krankheit verschwand. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Als die Schweizer Armee in den 1920er-Jahren ihre Rekruten musterte, wies in einigen Kantonen jeder dritte junge Mann einen Kropf auf, und in den Bergdörfern des Wallis lebten Menschen, die durch einen Mangel im Mutterleib taub, kleinwüchsig und geistig schwer behindert geboren waren. Man nannte sie Kretins, und man hielt ihr Leiden für eine Strafe der Berge. Drei Landärzte fanden heraus, dass die Ursache in einer Prise steckte, die dem Salz fehlte. Sie mischten Jod ins Kochsalz, gegen den Rat der Professoren, und innerhalb einer Generation waren Kropf und Kretinismus aus der Schweiz verschwunden. Es ist eine der erfolgreichsten Gesundheitsmaßnahmen der Geschichte, und sie kostet fast nichts.

Das Salz war lange das wertvollste Gut der Alpen. Aus den Bergwerken von Hallein und Hallstatt, aus den Solequellen von Reichenhall und den Salinen von Lüneburg floss das weiße Gold über Straßen, die nach ihm benannt wurden, und wer es besaß, konnte Fleisch und Fisch haltbar machen und Städte gründen. 1619 baute Bayern die erste Rohrleitung der Welt, eine Soleleitung aus Holzröhren von Reichenhall nach Traunstein, weil es einfacher war, das Salzwasser zum Holz zu bringen als den Wald zum Salz; das Sieden verschlang ganze Wälder. Noch heute gehören Bayern Waldgebiete im österreichischen Saalachtal, weil eine Salinenkonvention von 1829 dem Freistaat das Holz für seine Salzpfannen sicherte. Was niemand ahnte: Das Salz aus den Bergen enthielt keine Spur eines Elements, das der menschliche Körper in winzigen Mengen braucht, während das Meersalz der Küsten es von Natur aus mitbrachte.

Jod wurde 1811 in Paris entdeckt, als ein Salpetersieder aus Seetangasche einen violetten Dampf aufsteigen sah. Der Genfer Arzt Jean-François Coindet gab es schon 1820 Kropfpatienten, und die Geschwulst am Hals schrumpfte, doch er dosierte so hoch, dass die Nebenwirkungen ihn in Verruf brachten. Der französische Chemiker Adolphe Chatin maß in den 1850er-Jahren den Jodgehalt von Wasser und Boden in ganz Frankreich und fand, dass dort, wo wenig Jod war, viele Kröpfe waren. Die Akademie der Wissenschaften verwarf seine Ergebnisse. Die Medizin des 19. Jahrhunderts suchte Krankheitsursachen in Keimen und Giften, nicht in einem Mangel, und der Kropf blieb ein Rätsel, das man auf schlechtes Wasser, Inzucht oder die Berge schob. Dabei war die Schilddrüse, die das Jod braucht, um Hormone für Wachstum und Gehirnentwicklung zu bilden, längst bekannt. Ihr Vergrößern war der Versuch des Körpers, aus zu wenig Rohstoff genug zu machen.

Wie das Jod ins Salz kam

Das Jod kam ins Salz, weil drei Schweizer Landärzte unabhängig voneinander erkannten, dass eine sehr geringe, regelmäßig zugeführte Menge den Mangel ausgleicht, ohne zu schaden, und dass Kochsalz der einzige Träger ist, den jeder Mensch täglich in ähnlicher Menge zu sich nimmt. Heinrich Hunziker aus Adliswil forderte 1915 die Beimischung in mikroskopischen Dosen, Otto Bayard aus Grächen im Wallis und Hans Eggenberger aus Herisau erprobten ab 1918 und 1919 jodiertes Salz in ihren Gemeinden mit durchschlagendem Erfolg.

Bayard, Arzt in einem Bergdorf, in dem fast jedes Kind einen Kropf hatte, mischte das Jod zunächst selbst ins Salz der Dorfläden und beobachtete über Monate, wie die Hälse der Kinder schrumpften. Eggenberger, Chefarzt in Herisau, überzeugte 1919 die Behörden des Kantons Appenzell Ausserrhoden, das gesamte Kochsalz zu jodieren, ohne Experiment, ohne Kontrollgruppe, ein Wagnis, das die Universitäten empörte. Professoren warnten vor Überfunktion, Vergiftung und einer Volksmedikation ohne Einwilligung. Doch die Zahlen sprachen: In Appenzell gingen die Kropfneubildungen bei Schulkindern innerhalb weniger Jahre um über 90 Prozent zurück, und es wurden keine Kretins mehr geboren. 1922 empfahl die Schweizer Kropfkommission die Jodierung landesweit, die Salinen lieferten das Salz freiwillig mit dem Zusatz, und Kanton für Kanton stellte um. 1930 war die Schweiz das erste Land der Welt mit flächendeckendem Jodsalz. Als die Armee 1925 musterte, hatte der Kropf bei den Rekruten bereits die Hälfte seiner Häufigkeit verloren, und die Kretinenanstalten, die es in jedem Kanton gegeben hatte, leerten sich bis zur Schließung.

Warum die Alpen und weite Teile Deutschlands Jodmangelgebiete sind

Die Legende, die Gletscher der Eiszeit hätten das Jod aus den Böden gespült, hält sich hartnäckig und ist nach heutigem Wissen falsch; Jod wird vor allem aus dem Meer über Regen und Wind ins Land getragen, und je weiter ein Gebiet vom Meer entfernt und je stärker es von Bergen abgeschirmt ist, desto weniger kommt an. Die Alpen, das süddeutsche Hügelland, der Himalaya und die Anden gehören deshalb zu den Regionen, in denen der Kropf endemisch war. In Bayern hieß er im Volksmund Allgäuer Sportabzeichen, und Fastnachtsmasken in schwäbischen Dörfern zeigen bis heute Gesichter mit Halsgeschwulst. Deutschland folgte der Schweiz spät: Jodsalz kam 1959 in den Handel, wurde aber erst in den 1980er-Jahren verbreitet und ist bis heute freiwillig; jeder dritte Deutsche nimmt nach Erhebungen zu wenig Jod auf, seit Bäcker und Gastronomen aus Kostengründen wieder unjodiertes Salz verwenden.

Zwei Milliarden Menschen und eine Prise

Was drei Landärzte im Wallis und im Appenzell begonnen hatten, wurde zum Weltprogramm. Die Weltgesundheitsorganisation rief 1990 die universelle Salzjodierung aus, und die Zahl der Länder mit Jodsalzpflicht stieg von wenigen Dutzend auf über 120. Jodmangel war bis dahin die häufigste vermeidbare Ursache für geistige Behinderung, mit rund zwei Milliarden betroffenen Menschen. Heute erreichen etwa 90 Prozent der Haushalte weltweit jodiertes Salz, und der Kretinismus, der Jahrtausende lang Täler entvölkerte, ist fast verschwunden. Der Zusatz kostet pro Person und Jahr wenige Cent und verändert am Geschmack nichts. Es gibt in der Geschichte der Medizin nur wenige Maßnahmen, die so billig so viel bewirkten: die Pockenimpfung, das Chlor im Trinkwasser, das Jod im Salz.

Otto Bayard, Hans Eggenberger und Heinrich Hunziker haben keinen Nobelpreis erhalten und keine Straße, die man kennt. Sie waren Landärzte, die gegen die Universitäten recht behielten, weil sie ihre Patienten kannten. Wer heute Salz auf ein Ei streut, verteilt etwa 20 Mikrogramm Jod, ein Fünfzigtausendstel Gramm, und erspart seiner Schilddrüse damit die Arbeit, aus zu wenig genug zu machen. Die Prise, die dem Salz der Berge fehlte, war das ganze Geheimnis.

Mit KI-Unterstützung erstellt

Keine Neuigkeit aus der Forschung verpassen

Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.

 Bevorzugte Quelle bei Google  RSS-Feed
Spannend & Interessant
VGWortpixel