Wer im Herbst durch einen Eichenwald geht, hört ihn oft, bevor er ihn sieht: den heiseren Warnruf des Eichelhähers. Der Rabenvogel ist in diesen Wochen im Dauereinsatz, denn er vergräbt bis zu 5.000 Eicheln als Wintervorrat. Viele davon findet er nie wieder. Für den Wald ist genau das ein Glücksfall, dessen Folgen man erst nach Jahrzehnten sieht.
Der Eichelhäher, wissenschaftlich Garrulus glandarius, gehört zu den auffälligsten Vögeln in deutschen Wäldern und Parks. Er ist etwa 32 bis 35 Zentimeter groß, rötlich braun gefärbt und trägt an den Flügeln ein blau schillerndes Feld mit schwarzen Bändern, dessen Federn Spaziergänger gern aufheben. Hermann Löns nannte ihn Markwart, im Volksmund heißt er vielerorts Wächter des Waldes, weil sein kreischender Ruf auch andere Tiere vor Gefahr warnt. Seinen deutschen Namen verdankt er seiner Vorliebe für Eicheln. Sobald im September und Oktober die Früchte der Stieleiche und Traubeneiche reif werden, beginnt für ihn die wichtigste Zeit des Jahres. Dann sammelt er unermüdlich, prüft jede Frucht und trägt sie davon, um sie einzeln im Boden zu verstecken. Diese Vorräte sichern ihm das Überleben, wenn Schnee den Wald bedeckt und kaum noch Insekten oder Samen zu finden sind.
Was der Vogel dabei leistet, beschäftigt Förster und Biologen seit Jahrzehnten. Der niederländische Verhaltensforscher Ies Bossema beschrieb 1979 in einer umfangreichen Studie die Beziehung zwischen Eichelhäher und Eiche als echte Symbiose, von der beide Seiten profitieren. Die Eiche hat ein Problem, das der Vogel löst: Ihre schweren Früchte fallen senkrecht unter die Krone, wo Wildschweine und Rehe sie fressen und der Schatten des Mutterbaums junge Sämlinge verkümmern lässt. Der Eichelhäher trägt die Eicheln dagegen weit weg, vergräbt sie einzeln in lockerer Erde und verbraucht nur einen Teil. Aus dem Rest wachsen neue Eichen, oft an Orten, an die der Baum aus eigener Kraft nie gelangt wäre. Forstleute sprechen deshalb von der Hähersaat, und manche nutzen sie inzwischen ganz gezielt für den Waldumbau.
Ein einzelner Eichelhäher kann im Herbst bis zu 5.000 Eicheln vergraben. Er trägt pro Flug bis zu zehn Früchte in Kehlsack und Schnabel, oft über mehrere Kilometer, und versteckt sie einzeln im Waldboden. Nur einen Teil dieser Vorräte holt er im Winter wieder heraus. Aus den übrigen Eicheln keimen junge Eichen.
Die Zahl von bis zu 5.000 Eicheln stammt aus der forstlichen Fachliteratur und hängt stark vom Jahr ab. In einem sogenannten Mastjahr, in dem die Eichen besonders viele Früchte tragen, sammeln die Vögel deutlich mehr als in mageren Jahren. Nach Angaben aus der Forschung sind die Transportflüge regelmäßig bis zu zwei Kilometer lang, gelegentlich legt ein Häher mehr als fünf Kilometer zurück, bis er seinen Vorrat im Boden unterbringt. Das Ganze geschieht in wenigen Wochen, in denen der Vogel vom Morgen bis zum Abend pendelt. Die Früchte versteckt er fast immer einzeln oder in kleinen Gruppen, häufig neben Baumstämmen, Stümpfen, Steinen oder anderen markanten Punkten, die ihm offenbar als Orientierung dienen, wenn er im Winter unter Laub und Schnee nach seinen Eicheln sucht.
Für den Transport besitzt der Eichelhäher eine besondere Ausstattung. Unter der Kehle kann er einen dehnbaren Kehlsack füllen, in den mehrere Eicheln hintereinander passen. Eine weitere Frucht klemmt er in den Schnabel. Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein spricht von bis zu zehn Eicheln im Kehlsack und einer elften im Schnabel. Wählerisch ist der Vogel dabei durchaus. Revierförster beobachteten, dass er die angebotenen Eicheln genau durchsortiert und schlechte Früchte liegen lässt. Er prüft offenbar Gewicht, Reife und Zustand, bevor er eine Eichel mitnimmt, und bevorzugt die Früchte der heimischen Stieleiche vor denen der aus Nordamerika eingeführten Roteiche, wie schon Bossema feststellte. Für den Wald hat diese Auswahl einen Nebeneffekt: Weil der Häher vor allem gesunde, schwere Eicheln vergräbt, landen ausgerechnet die kräftigsten Samen in der Erde, aus denen die besten Chancen auf einen jungen Baum erwachsen.
Dass der Vogel nicht alle Vorräte wiederfindet, liegt nicht an einem schlechten Gedächtnis. Eichelhäher gelten als ausgesprochen lernfähige Rabenvögel, die sich eine große Zahl von Verstecken merken können. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass sie mehr Eicheln vergraben, als sie im Winter tatsächlich brauchen. Fällt der Winter mild aus oder findet der Häher andere Nahrung, bleiben viele Vorräte schlicht ungenutzt. Andere Verstecke plündern Mäuse oder Eichhörnchen, wieder andere werden vergessen, wenn der Vogel stirbt. Einer Antwort der Bayerischen Staatsregierung zufolge findet ein Häher von seinen jährlich 4.000 bis 5.000 vergrabenen Früchten nur etwa die Hälfte wieder. Die übrigen Eicheln liegen wenige Zentimeter tief in lockerer Erde, geschützt vor dem Austrocknen und vor Fressfeinden, also unter nahezu idealen Bedingungen zum Keimen.
Aus Sicht der Eiche ist das Verhalten des Vogels deshalb kein Fehler, sondern der eigentliche Zweck der Beziehung. Die scheinbare Vergesslichkeit verschafft dem Baum etwas, das er aus eigener Kraft nicht erreicht: Nachwuchs in weiter Entfernung vom Mutterbaum, verteilt auf Lichtungen, Waldränder und Kahlflächen. Doch auch der Häher selbst profitiert, denn aus seinen alten Verstecken wachsen die Eichen, deren Früchte künftige Generationen seiner Art ernähren. Biologen sehen darin einen Grund, warum sich Eiche und Eichelhäher über lange Zeiträume aneinander angepasst haben.
Wie groß die Mengen sein können, zeigt eine klassische Beobachtung aus dem Hainault Forest in der englischen Grafschaft Essex. Dort verfolgte der Vogelkundler M. R. Chettleburgh im Herbst 1951, wie Eichelhäher Eicheln aus einem Eichenbestand abtransportierten. Nach seinen Aufzeichnungen, die 1952 in der Fachzeitschrift British Birds erschienen, schafften rund 35 Vögel in dieser Saison fast 200.000 Eicheln fort. Umgerechnet sind das mehr als 5.000 Eicheln pro Vogel. Spätere Untersuchungen bestätigten die Größenordnung und zeigten, dass Eichelhäher für die Ausbreitung der Eichen über mittlere und größere Entfernungen die wichtigsten Helfer überhaupt sind. Neuere Studien aus Polen, bei denen Forscher winzige Sender in Eicheln steckten, konnten sogar verfolgen, wo jede einzelne Frucht landete. Dabei zeigte sich, dass die Vögel manche Eicheln auch in Baumhöhlen verstecken, wo sie kaum keimen können.
Deutsche Forstleute machen sich die Hähersaat inzwischen gezielt zunutze. Im Staatswald Eckenhagen im Bergischen Land stellte Revierleiter Daniel Müller-Habbel nach dem Orkan Kyrill 20 sogenannte Hähertische auf den Sturmflächen auf und bot den Vögeln in einem Herbst rund 600 Kilogramm Eicheln und Bucheckern an, wie das Fachportal waldwissen.net über die Hähereichen im Bergischen Land berichtet. Die Vögel holten die Früchte ab und verteilten sie auf den Kahlflächen. Müller-Habbel schätzt, dass auf diese Weise etwa 3.000 Sämlinge pro Hektar entstanden. Der Forstwissenschaftler Bertram Leder, der im Münsterland seit Jahrzehnten Versuchsflächen mit Hähereichen betreut, hält am Ende rund 30 kräftige Zukunftsbäume je Hektar für ausreichend, wenn die übrigen Bedingungen stimmen.
Besonders geschätzt wird der Vogel in lichten Kiefernwäldern im Norden und Osten Deutschlands, in denen junge Eichen genug Licht zum Wachsen finden. In Brandenburg wurde der Eichelhäher sogar zum Wappenvogel einer Kampagne für den Umbau reiner Nadelwälder in Mischwälder. Die Methode hat Vorteile, die keine Baumschule bieten kann: Die Eicheln stammen aus der Region, der Vogel sucht selbst die geeigneten Stellen aus und pflanzt einzeln oder in kleinen Gruppen, was Leder mit einer natürlichen Nesterpflanzung vergleicht. Ein denkender Waldbauer ist der Häher trotzdem nicht, betonen die Förster. Aus den Sämlingen werden nur dann Bäume, wenn der Wildbestand angepasst ist und die jungen Eichen genug Licht bekommen.
Trotz seiner Rolle im Wald ist der Eichelhäher nicht überall geschützt. Bayern ist das einzige Bundesland, in dem er eine Jagdzeit hat. Begründet wird das mit Nestplünderungen, denn im Frühjahr frisst der Allesfresser auch Eier und Jungvögel anderer Arten. Nach Zahlen, die im Bayerischen Landtag vorgelegt wurden, erlegten Jäger dort zwischen 2009 und 2018 im Durchschnitt rund 20.000 Eichelhäher pro Jahr. Ein Antrag im Bayerischen Landtag rechnet vor, dass dem Wald dadurch jedes Jahr die Aussaat von 30 bis 50 Millionen Bäumen entgehe, und setzt den Wert eines einzelnen Hähers mit mindestens 1.000 Euro pro Jahr an. Solche Hochrechnungen beruhen auf Annahmen, zeigen aber, welches Gewicht Förster und Naturschützer dem Vogel inzwischen beimessen.
Im Bestand gefährdet ist der Eichelhäher nicht. Nach Angaben des Nabu brüten in Deutschland mehrere Hunderttausend Paare, und der einst scheue Waldvogel ist längst auch in Gärten und Stadtparks heimisch geworden. Dort vergräbt er seine Vorräte ebenso wie im Wald, in Blumenbeeten, unter Hecken oder zwischen Rasenkanten. Wer im Frühjahr einen jungen Eichenkeimling an einer Stelle findet, an der nie eine Eiche stand, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit einen vergessenen Wintervorrat vor sich. So wächst aus einer einzigen Herbstwoche eines Vogels ein Baum, der 300 Jahre und mehr stehen kann und dessen Eicheln wieder Eichelhäher ernähren werden.
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