Im Jadar-Tal im Westen Serbiens steckt ein weißes Mineral, dessen Formel erstaunlich nah an der Filmversion von Kryptonit liegt. Jadarit besteht idealisiert aus LiNaSiB3O7(OH), enthält also Lithium, Natrium, Bor, Silizium, Sauerstoff und Wasserstoff. Seine einzelnen Kristallkörner sind meist nur 5 bis 10 Mikrometer groß, doch im Bohrkern kann das Mineral meterstarke weiße Aggregate bilden. Auffällig ist gerade, wie unspektakulär es aussieht, denn die eigentliche Überraschung beginnt erst mit der chemischen Analyse.
Als Rio-Tinto-Geologe Nenad Grubin im September 2004 im Jadar-Tal nahe Loznica mit seinem Team die ersten aussichtsreichen Bohrungen vorantrieb, suchten die Geologen vor allem nach Boraten. In einer der Bohrungen stießen sie auf ein Material, das zugleich ungewöhnlich viel Lithium und Bor enthielt. Es war weiß, spröde und wirkte eher wie eine kreidige Gesteinsmasse als wie ein auffälliger Kristall. Die Probe kam aus dem dunkleren Sedimentgestein des Beckens, in dem sich die mineralreichen Schichten tief unter Feldern und Dörfern verbergen.
Die Proben gelangten später zu Chris Stanley, Mineraloge am Natural History Museum in London. Dort musste geklärt werden, ob die feinkörnige Substanz zu einem bereits bekannten Mineral gehörte oder tatsächlich eine neue Art darstellte. Weil die Kristalle für viele klassische Messverfahren sehr klein waren, half unter anderem Röntgenbeugung an Pulver, die innere Struktur zu bestimmen. Die Antwort führte von einem serbischen Bohrkern unerwartet direkt in die Welt von Superman.
Unter der Kennung IMA 2006-36 führte die Internationale Mineralogische Vereinigung Jadarit als neue Mineralart. Der Name bezieht sich auf das Jadar-Tal, in dem die Probe aus einem Bohrkern gefunden worden war. Die wissenschaftliche Beschreibung nennt die Formel LiNaSiB3O7(OH) und ordnet Jadarit den Borosilikaten zu, also Mineralen, deren Gerüst unter anderem aus Bor, Silizium und Sauerstoff aufgebaut ist. Typmaterial wird unter anderem am Natural History Museum in London aufbewahrt.
Der Fund war mineralogisch ungewöhnlich, weil Jadarit bis heute eng an diese Lagerstätte gebunden ist. Das Natural History Museum beschreibt den Jadar-Komplex als Typfundort und einzigen dokumentierten Fundort des Minerals. Die Entdeckungsgeschichte ist nachzulesen unter Natural History Museum. Dass der zugrunde liegende Lagerstättenfund bereits 2004 erfolgte, während die formale Anerkennung 2006 folgte, erklärt die unterschiedlichen Jahreszahlen in späteren Darstellungen.
Stanley suchte die chemische Zusammensetzung des unbekannten Minerals im Internet und stieß auf eine verblüffende Übereinstimmung. Im Film „Superman Returns“ steht auf einem Behälter mit Kryptonit sinngemäß die Bezeichnung „Natrium-Lithium-Bor-Silikat-Hydroxid mit Fluor“. Jadarit enthält dieselben Grundbestandteile, aber kein Fluor. Genau dieser kleine Unterschied verhindert eine vollständig identische Formel und macht den Vergleich chemisch fast, aber nicht ganz deckungsgleich.
Im April 2007 machte diese Verbindung Schlagzeilen, als eine damalige Mitteilung des kanadischen National Research Council und des Natural History Museum erklärte, das reale Mineral sei weiß, pulverig und nicht radioaktiv. Die Geschichte und Stanleys Suche nach der Filmformel sind nachzulesen unter Government of Canada. Aus einem nüchternen Analyseergebnis wurde damit eine der seltenen Situationen, in denen eine erfundene Filmchemie fast auf ein reales Mineral passt.
Mit dem grünen, leuchtenden Kryptonit aus Comics und Filmen hat Jadarit optisch kaum etwas gemeinsam. In Handstücken erscheint es weiß und besitzt einen porzellanartigen Glanz. Unter dem Mikroskop bestehen die Aggregate aus winzigen, häufig tafelförmigen Körnern von etwa 5 bis 10 Mikrometern. Ein menschliches Haar ist grob zehnmal so dick wie ein einzelnes solches Korn, weshalb das Mineral mit bloßem Auge eher wie eine kompakte helle Masse wirkt.
Im Bohrkern kann diese feine Struktur dennoch große Körper bilden. Die Erstbeschreibung berichtet von massiven weißen Aggregaten, die mehrere Meter mächtig sein können. Jadarit ist spröde, hat eine Mohshärte von etwa 4 bis 5 und eine gemessene Dichte von rund 2,45 Gramm pro Kubikzentimeter. Damit ist es etwas dichter als viele gewöhnliche Gesteine, bleibt äußerlich aber unscheinbar. Seine weiße Strichfarbe und die porzellanartige Oberfläche passen eher zu einem blassen Industrie-Mineral als zu einem Filmrequisit.
Seine wirtschaftliche Bedeutung entsteht nicht durch das Kryptonit-Motiv, sondern durch die Elemente im Kristallgitter. Jadarit enthält sowohl Lithium als auch Bor, und Lithium wird unter anderem für wiederaufladbare Batterien benötigt, Borverbindungen finden breite industrielle Anwendungen. Rio Tinto entwickelte deshalb Pläne für einen unterirdischen Abbau und eine Aufbereitung der Lagerstätte, in der beide Rohstoffe gemeinsam vorkommen.
Wie stark Lithiumvorkommen strategisch bewertet werden, zeigt auch ein anderer Beitrag über Lithiumreserven in Deutschland. Im Jadar-Tal kommt eine Besonderheit hinzu: Lithium und Bor stecken dort zusammen in einem Mineral, das erst durch diese Lagerstätte bekannt wurde. Genau diese Kombination macht Jadarit für Geologen und Rohstoffunternehmen gleichermaßen interessant.
Die geplante Mine ist in Serbien seit Jahren politisch und gesellschaftlich umstritten. Gegner befürchten Belastungen für Landwirtschaft, Wasser und Landschaft, während Befürworter auf Rohstoffversorgung, Investitionen und Arbeitsplätze verweisen. Nach der Wiederaufnahme raumplanerischer Grundlagen im Jahr 2024 wurde das Projekt weiter geprüft, doch ein Baubeginn folgte nicht. Die Auseinandersetzung betrifft damit nicht nur ein Mineral, sondern auch die Frage, wie Europa neue Lithiumquellen erschließen will.
Rio Tinto beschreibt das Vorhaben inzwischen als „care and maintenance“, also als gesicherten Stillstand mit Erhalt von Flächen und Anlagen statt aktiver Entwicklung. Der Konzern will seine Rechte und Optionen bewahren, während Genehmigungen und gesellschaftliche Akzeptanz offenbleiben. Der aktuelle Projektstatus ist nachzulesen unter Rio Tinto. Damit ist aus dem kuriosen Kryptonit-Vergleich längst auch eine europäische Rohstoffdebatte geworden.
Am Anfang steht weiterhin derselbe unscheinbare Eindruck: ein heller, kreidiger Abschnitt im dunkleren Bohrkern aus dem Jadar-Tal. Erst im Labor wird sichtbar, warum dieses Material besonders ist, denn seine Formel liegt so nah an der erfundenen Kryptonit-Beschriftung aus „Superman Returns“, dass der Vergleich seit 2007 an Jadarit haftet. Der fehlende Fluor-Bestandteil bleibt dabei der kleine chemische Abstand zwischen Film und Wirklichkeit.
Der reale Stoff bleibt vollständig irdisch, er leuchtet nicht grün, ist nicht radioaktiv und schwächt keine Superhelden. Dafür verbindet er in einem einzigen Mineral Lithium und Bor, zwei technisch wichtige Elemente, und liegt unter einer Landschaft, über deren künftige Nutzung bis heute gestritten wird. Der weiße Bohrkern ist deshalb zugleich Mineralfund, Filmkuriosität und Rohstofffrage.
European Journal of Mineralogy, Jadarite, LiNaSiB3O7(OH), a new mineral species from the Jadar Basin, Serbia; doi:10.1127/0935-1221/2007/0019-1741
Acta Crystallographica Section B, LiNaSiB3O7(OH) – novel structure of the new borosilicate mineral jadarite determined from laboratory powder diffraction data; doi:10.1107/S0108768107010130
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