Rechtsvakuum

In Kowloon Walled City lebten 33.000 Menschen auf 2,6 Hektar

In Kowloon Walled City lebten 33.000 Menschen auf 2,6 Hektar
(Symbolbild) Die Kowloon Walled City in Hongkong galt als dichtest besiedelter Ort der Geschichte: Auf nur 2,6 Hektar drängten sich zeitweise rund 33.000 Menschen in einem einzigen zusammengewachsenen Häuserblock. Möglich machte das eine Vertragslücke zwischen Großbritannien und China, durch die jahrzehntelang keine Behörde zuständig war. 1994 wurde der Block abgerissen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein einziger Häuserblock, rund 33.000 Bewohner, kaum Tageslicht: Die Kowloon Walled City in Hongkong gilt als der am dichtesten besiedelte Ort, den die Menschheit je hervorgebracht hat. Auf einer Grundfläche von nur 2,6 Hektar wuchsen hunderte Gebäude zu einem einzigen Klotz zusammen, durchzogen von finsteren Gängen, in denen tagsüber Neonröhren brennen mussten. Möglich wurde diese Verdichtung durch eine juristische Lücke, die den Block über Jahrzehnte praktisch rechtsfrei machte.

Wer die Kowloon Walled City von außen sah, blickte auf eine fast fensterlose Wand aus zusammengewachsenen Hochhäusern, über deren Dächern ein Wald aus Fernsehantennen und Wassertanks ragte. Innen glich das Gebilde einem Labyrinth: Gänge, die kaum schulterbreit waren, Treppen, die von einem Gebäude ins nächste führten, tropfende Wasserrohre und ein Gewirr aus Stromkabeln, das die Bewohner selbst verlegt hatten. Sonnenlicht erreichte die untersten Ebenen nie, weshalb selbst am Mittag künstliches Licht nötig war. Auf den obersten Dächern dagegen spielten Kinder und hängten Familien ihre Wäsche auf, mit direktem Blick auf die startenden Maschinen des nahen Flughafens Kai Tak. Der Block war kein Slum im klassischen Sinn, sondern ein funktionierendes, extrem verdichtetes Stadtviertel mit Werkstätten, Fabriken, Läden und Arztpraxen.

Die Zahlen sind schwer vorstellbar. Rechnet man die rund 33.000 Menschen auf die winzige Grundfläche hoch, ergibt sich eine Dichte von weit über einer Million Einwohner pro Quadratkilometer, ein Vielfaches selbst der dichtesten heutigen Metropolen. Erreicht wurde das, weil die Bewohner ausschließlich in die Höhe bauten und jeden verfügbaren Raum ausnutzten. Gebäude teilten sich Wände, Balkone wurden überbaut, Gänge überdeckt, bis der gesamte Block zu einer einzigen Struktur verschmolz. Höher als etwa zwölf bis vierzehn Stockwerke wurde nicht gebaut, weil die einfliegenden Flugzeuge eine Grenze setzten. Wie ein derart dichter Ort mitten in Hongkong entstehen konnte, erklärt sich nur aus seiner ungewöhnlichen Rechtsgeschichte.

Eine Vertragslücke machte den Ort rechtsfrei

Die Kowloon Walled City war ein Häuserblock in Hongkong, in dem auf 2,6 Hektar zeitweise rund 33.000 Menschen lebten. Ursache dieser extremen Dichte war eine Vertragslücke: Bei der Verpachtung Hongkongs an Großbritannien 1898 blieb das Areal formal chinesisch, faktisch kümmerte sich aber keine Seite darum. So entstand ein weitgehend rechtsfreier Raum.

Ursprünglich stand an der Stelle ein befestigter Militärposten des chinesischen Kaiserreichs. Als Großbritannien 1898 die sogenannten New Territories rund um Hongkong für 99 Jahre pachtete, wurde dieser Posten im Vertrag ausgenommen und blieb offiziell unter chinesischer Hoheit. In der Praxis übte jedoch weder China noch die britische Kolonialverwaltung dort dauerhaft Kontrolle aus. Aus diesem Zuständigkeitsvakuum entstand über die Jahrzehnte ein Ort, in dem übliche Bauvorschriften, Steuern und behördliche Genehmigungen kaum galten. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg strömten Flüchtlinge und Zuwanderer in das Gebiet, und ohne regulierende Behörde wuchs der Block ungehindert in die Höhe. Was anderswo Baugenehmigungen und Abstandsregeln verhindert hätten, geschah hier einfach.

Eine eigene Welt hinter den Mauern

Trotz des schlechten Rufs war die Kowloon Walled City keine reine Ansammlung von Kriminalität, auch wenn sie zeitweise als Rückzugsort für illegale Geschäfte diente. Vor allem war sie ein dicht gepackter Wirtschaftsraum. Hinter den Mauern arbeiteten zahllose Kleinbetriebe, von Nudelfabriken über Fischbällchen-Produktionen bis zu Metallwerkstätten, viele davon ohne offizielle Lizenz. Besonders bekannt waren die vielen Zahnarzt- und Arztpraxen, die günstiger behandelten als im übrigen Hongkong, weil sie keine teuren Zulassungen brauchten. Kinder besuchten Schulen und Kindergärten, es gab Tempel, Vereine und ein Netz gegenseitiger Nachbarschaftshilfe. Die Versorgung mit Wasser und Strom organisierten die Bewohner teils selbst, teils über improvisierte Anschlüsse. Der Block funktionierte als eigene, verschachtelte Gesellschaft, die nach ihren eigenen Regeln lief.

Der Abriss und das, was blieb

Mit der Zeit wurde der Zustand für beide Regierungen untragbar. 1987 einigten sich die britische Kolonialverwaltung und China auf den Abriss. Die rund 33.000 Bewohner wurden zwischen 1991 und 1992 umgesiedelt und entschädigt, danach begann der Abbruch, der 1994 abgeschlossen war. An der Stelle des einstigen Blocks entstand ein Park, der Kowloon Walled City Park, in dem einzelne erhaltene Elemente wie das alte Verwaltungsgebäude und Fundamente an die Vergangenheit erinnern. Damit ist der Ort eines der wenigen Beispiele extremer urbaner Verdichtung, das vollständig verschwunden ist und dennoch dokumentiert bleibt. Fotografen und Stadtforscher hatten den Block vor dem Abriss genau vermessen und festgehalten, weshalb sein Grundriss und sein Alltag bis heute gut belegt sind.

Warum der Ort bis heute fasziniert

Die Kowloon Walled City ist zu einem Sinnbild geworden, weil sie zeigt, was geschieht, wenn Menschen auf engstem Raum ohne zentrale Planung bauen und leben. Anstelle von Chaos entstand über Jahrzehnte eine funktionierende, selbstorganisierte Struktur, in der sich Wohnen, Arbeiten und Versorgung überlagerten. Genau diese Mischung aus Enge, Eigeninitiative und rechtlichem Ausnahmezustand macht den Block bis heute zum Studienobjekt für Stadtplaner, Architekten und Soziologen. Für die einen war er ein warnendes Beispiel für ungeregeltes Wachstum, für die anderen ein Beleg dafür, dass Gemeinschaften auch unter extremen Bedingungen tragfähige Ordnungen schaffen. Beide Deutungen leben von derselben unglaublichen Zahl: 33.000 Menschen auf der Fläche weniger Fußballfelder.

Heute steht an dieser Stelle ein ruhiger Park, in dem kaum etwas an die frühere Enge erinnert. Doch die Erinnerung an den Ort, der als dichtest besiedelter der Geschichte gilt, bleibt lebendig, weil er ein Extrem menschlichen Zusammenlebens sichtbar gemacht hat, das sich so wohl nie wiederholen wird.

Spannend & Interessant
VGWortpixel