Der Tonle Sap in Kambodscha tut etwas, das kaum ein anderer großer Fluss der Erde tut: Er wechselt jedes Jahr die Richtung. Monatelang strömt sein Wasser vom Mekong weg in einen See, der dabei auf ein Vielfaches seiner Fläche anwächst. Danach fließt alles wieder zurück. Von diesem Rhythmus leben Millionen Menschen, und ganze Dörfer ziehen mit dem Wasser um.
Im Herzen Kambodschas liegt der größte Süßwassersee Südostasiens. Er trägt denselben Namen wie der Fluss, der ihn bei Phnom Penh mit dem Mekong verbindet: Tonle Sap, was im Khmer so viel wie großer See bedeutet. Der Fluss ist weder besonders lang noch besonders breit, doch er verhält sich so ungewöhnlich wie kaum ein anderes Gewässer dieser Größe. Einen Teil des Jahres fließt er, wie es sich für einen Nebenfluss gehört, aus dem See in den Mekong. Einen anderen Teil des Jahres strömt er in die entgegengesetzte Richtung, vom Mekong zurück in den See. In Phnom Penh lässt sich beobachten, was sonst wie ein Scherz klingt: Ein großer Fluss fließt rückwärts, obwohl weder Gezeiten noch Wind die Ursache sind. Der Wechsel wiederholt sich Jahr für Jahr und bestimmt das Leben von Millionen Menschen.
Der Grund für den Richtungswechsel liegt nicht im See selbst, sondern im Mekong, einem der wasserreichsten Ströme Asiens, der im Hochland von Tibet entspringt. Wenn der Monsun einsetzt und im Himalaya der Schnee schmilzt, schwillt er so stark an, dass er den Tonle Sap zurückdrängt. Der See füllt sich, überflutet Wälder und Felder und wird zu einem Binnenmeer. In der Regenzeit steigt sein Wasserspiegel um viele Meter, in der Trockenzeit ist er an manchen Stellen nur gut einen Meter tief. Die UNESCO erklärte das Gebiet 1997 zum Biosphärenreservat, und der See gehört zu den fischreichsten Binnengewässern der Erde. Doch der Rhythmus, der seit Jahrtausenden gleich scheint, ist empfindlicher, als es die gewaltigen Wassermassen vermuten lassen.
Der Tonle Sap wechselt seine Fließrichtung, weil der Mekong in der Regenzeit so stark anschwillt, dass sein Wasserspiegel am Zusammenfluss bei Phnom Penh höher liegt als der des Sees. Das Gefälle kehrt sich um, und der Fluss strömt in den See hinein. In der Trockenzeit sinkt der Mekong, und der See entleert sich wieder.
In der Trockenzeit, etwa von November bis April, liegt der Wasserspiegel des Sees höher als der des Mekong. Dann fließt der Tonle Sap der Schwerkraft folgend nach Südosten und mündet am Zusammenfluss Chaktomuk in Phnom Penh in den großen Strom. Mit der Regenzeit, grob von Mai bis Oktober, kehrt sich das Verhältnis um. Der Mekong führt nun so viel Wasser, dass sein Pegel über den des Sees steigt, und das Gefälle zeigt in die andere Richtung. Das kambodschanische Wasserministerium nannte 2020 einen Pegel von sieben Metern am Zusammenfluss Chaktomuk als Anzeichen dafür, dass die Umkehr einsetzt, was üblicherweise zwischen Juni und Oktober geschieht. Am Ende der Regenzeit sinkt der Mekong wieder, und der Tonle Sap nimmt seine ursprüngliche Richtung auf. Dann gibt der See das gespeicherte Wasser über Monate an den Strom zurück.
Die Folgen dieses Wechsels sind gewaltig. In der Trockenzeit bedeckt der See nach Angaben verschiedener Studien etwa 2.400 bis 3.000 Quadratkilometer, und seine Tiefe beträgt oft nur einen bis drei Meter. In der Regenzeit steigt der Wasserspiegel um acht bis zehn Meter, und die Wasserfläche dehnt sich auf rund 10.800 bis mehr als 13.000 Quadratkilometer aus. Rechnet man die überfluteten Flächen der Umgebung hinzu, werden in manchen Jahren bis zu 25.000 Quadratkilometer erreicht. Zum Vergleich: Der Bodensee misst 536 Quadratkilometer. Mit dem Wasser dringen Fische in die überfluteten Wälder vor, wo sie reiche Nahrung finden. Wenn sich der See in der Trockenzeit zurückzieht, bleibt fruchtbarer Schlamm auf den Feldern zurück, der den Reisanbau begünstigt.
Wie stark der See am Mekong hängt, hat ein Team um den Wasserforscher Matti Kummu von der finnischen Aalto-Universität genauer bestimmt. In einer Wasserbilanz des Tonle-Sap-Systems, erschienen 2014 in der Fachzeitschrift Hydrological Processes, kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass 53,5 Prozent des Wassers aus dem Mekong stammen. Die Zuflüsse aus dem eigenen Einzugsgebiet des Sees tragen 34 Prozent bei, der Niederschlag direkt auf die Seefläche 12,5 Prozent. Der Wasserstand im See wird demnach vor allem vom Pegel des Mekong gesteuert. Umgekehrt wirkt der See als natürliches Rückhaltebecken für den ganzen unteren Mekong: Er dämpft Hochwasser und liefert in der Trockenzeit Wasser, das bis ins Mekongdelta in Vietnam weiterfließt.
Kaum irgendwo sieht man so deutlich, wie Menschen sich an ein wanderndes Ufer anpassen. In Gemeinden wie Kampong Phluk und Kampong Khleang stehen Häuser auf Stelzen, die mehrere Meter hoch sind, damit sie auch bei Hochwasser trocken bleiben. Andere Siedlungen sind schwimmende Dörfer auf Flößen und Booten, die je nach Wasserstand an eine neue Stelle verlegt werden, mitsamt Schule, Tempel und Tierställen. Kinder paddeln morgens zur Schule, Fischer werfen ihre Netze je nach Saison vom Boot oder hüfttief im Wasser stehend aus. Nach Schätzungen hängen mehr als drei Millionen Kambodschaner direkt vom See und seinen Fischbeständen ab. Fisch ist im Land die wichtigste Eiweißquelle, und ein großer Teil davon stammt aus dem Tonle Sap.
Der Rhythmus prägte die Region schon lange vor den heutigen Dörfern. Die Tempelstadt Angkor entstand in der Nähe des Sees, und ihr Bewässerungssystem nutzte sein Wasser, um mehrere Reisernten im Jahr zu ermöglichen. Geologen der Universität Southampton fanden zudem Hinweise darauf, dass der heutige Flutpuls erst im mittleren Holozän entstand, also vor einigen Tausend Jahren. Damals sank der Meeresspiegel, der Mekong zapfte das Abflusssystem des Sees an, und ein trockeneres Klima ließ den Seespiegel fallen. Gemeinsam schufen diese Vorgänge das Wechselspiel, das den See bis heute zu einem der produktivsten Ökosysteme der Erde macht.
Ganz so verlässlich wie früher ist der Wechsel nicht mehr. Am Mekong und seinen Nebenflüssen sind in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Staudämme entstanden, vor allem in China und Laos. Modellrechnungen, die 2022 in der Fachzeitschrift Science of the Total Environment erschienen, zeigen, dass der Betrieb dieser Dämme den Spitzenabfluss des Mekong dämpft und damit auch die Umkehrströmung in den See abschwächt, besonders seit 2010. Eine weitere Untersuchung für die Jahre 2001 bis 2020 unter Beteiligung der Aalto-Universität kommt zu dem Schluss, dass menschliche Eingriffe und Klimaschwankungen den Rückstrom gemeinsam verändert haben. Hinzu kommen natürliche Schwankungen: Im Jahr 2020 setzte die Umkehr zum zweiten Mal in Folge verspätet ein, und die Behörden verwiesen auf die Nachwirkungen eines El Niño und geringe Niederschläge.
Wer im Spätherbst am Ufer in Phnom Penh steht, kann sehen, wie das braune Wasser des Tonle Sap wieder Richtung Mekong zieht. Im November feiert Kambodscha mit dem Wasserfest Bon Om Touk traditionell die Zeit, in der der Fluss seine alte Richtung zurückgewinnt. Hinter dem Schauspiel steht ein Mechanismus, den kein Ingenieur hätte planen können: Ein Strom aus dem Hochland Tibets füllt Monat für Monat einen See im Tiefland Kambodschas, bis dieser sich wie eine Lunge wieder leert. Dass ein ganzes Land seinen Kalender nach diesem Atemzug richtet, zeigt, wie eng Wasser und Leben hier verbunden sind.
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