Ein Konzertbesuch dauert normalerweise zwei Stunden, in Halberstadt dauert die Aufführung 639 Jahre. In der Burchardikirche der Stadt in Sachsen-Anhalt läuft seit 2001 das längste Konzert der Welt, dessen Schlussakkord für das Jahr 2640 berechnet ist. Gespielt wird das Orgelstück Organ²/ASLSP des amerikanischen Komponisten John Cage, und zwar ohne einen einzigen Organisten. Kein Besucher, der heute lebt, wird das Ende hören, und genau das ist Teil des Konzepts.
Wer die Burchardikirche in Halberstadt betritt, hört zunächst nur einen einzigen, unverändert stehenden Klang. Er füllt den kargen romanischen Raum bei Tag und bei Nacht, im Sommer wie im Winter, seit Jahren ohne Unterbrechung. Erzeugt wird er von einer kleinen Orgel, deren Tasten mit Sandsäcken beschwert sind, während ein elektrisches Gebläse ununterbrochen Luft durch die Pfeifen drückt. Besucher aus Japan, den USA und ganz Europa reisen in die Kreisstadt im Harzvorland, um genau diesen Dauerton zu hören, der zum längsten Konzert der Welt gehört. An den Wänden der ehemaligen Klosterkirche hängen hunderte Tafeln von Förderern, die je ein Jahr der Aufführung übernommen haben, und die Reihe dieser Tafeln reicht weit in eine Zukunft hinein, die keiner der Stifter erleben wird.
Grundlage des Projekts ist ein Werk des amerikanischen Komponisten John Cage. Er schrieb 1985 die Klavierkomposition ASLSP, deren Titel für As SLow aS Possible steht, also so langsam wie möglich, und übertrug sie 1987 unter dem Namen Organ²/ASLSP auf die Orgel. Ein genaues Tempo legte Cage nie fest, übliche Aufführungen dauerten zwischen 20 und 70 Minuten. Nach seinem Tod im Jahr 1992 diskutierten Organisten, Musikwissenschaftler, Orgelbauer, Theologen und Philosophen 1997 bei einem Symposium in Trossingen die Frage, wie wörtlich diese Spielanweisung zu nehmen sei. Ihre Antwort veränderte alles: Da eine Orgel einen Ton so lange halten kann, wie das Instrument existiert und Luft bekommt, ist so langsam wie möglich keine Frage von Minuten, sondern von Jahrhunderten. Aus diesem Gedanken entstand die Idee einer Aufführung, die Generationen überspannt.
Das längste Konzert der Welt läuft seit dem 5. September 2001 in der Burchardikirche in Halberstadt. Eine automatisch betriebene Orgel spielt dort Organ²/ASLSP von John Cage, gedehnt auf 639 Jahre. Der Schlussakkord ist für das Jahr 2640 berechnet, die Klangwechsel des ersten Teils sind bis zum Jahr 2072 exakt festgelegt.
Der Beginn fiel bewusst auf den 89. Geburtstag des Komponisten, und er verlief so eigenwillig wie das gesamte Projekt: Das Stück eröffnet mit einer Pause, weshalb in der Kirche zunächst 17 Monate lang nur das leise Arbeitsgeräusch des Gebläses zu hören war. Erst am 5. Februar 2003 erklangen die ersten drei Pfeifentöne. Die Partitur umfasst lediglich acht Notenseiten, deren Notenwerte proportional auf die Gesamtdauer von 639 Jahren umgerechnet wurden. Aus einer Viertelnote werden auf diese Weise Monate, aus einem gehaltenen Akkord Jahre, und die Uraufführung der Orgelfassung von 1987, die knapp eine halbe Stunde dauerte, wirkt gegen die Halberstädter Interpretation wie ein Wimpernschlag.
Die Dauer der Aufführung ist kein Zufallswert, sondern ein historisches Spiegelbild. Im Jahr 1361 erhielt der Dom zu Halberstadt eine große Blockwerk-Orgel des Priesters und Orgelbauers Nicolaus Faber, die als erste dokumentierte Großorgel mit einer Klaviatur im heutigen Sinn gilt. Halberstadt steht damit am Anfang der modernen Orgelgeschichte. Vom Jahr 1361 bis zum ursprünglich geplanten Aufführungsbeginn im Jahr 2000 waren genau 639 Jahre vergangen, und diese Spanne wurde kurzerhand in die Zukunft gespiegelt: So weit die Orgel in Halberstadt zurückreicht, so weit soll das Konzert nach vorn reichen. Weil zunächst Geld fehlte, verschob sich der Start um ein Jahr auf den 5. September 2001. Seither fallen alle wichtigen Termine des Projekts auf einen fünften Tag des Monats, eine Verbeugung vor Cages Geburtstag.
Das Instrument in der Burchardikirche ist ein Sonderbau, der mit dem Stück wächst. Montiert sind stets nur die Pfeifen, die für den gerade klingenden Akkord gebraucht werden; kommt ein neuer Ton hinzu, setzen Helfer von Hand eine weitere Pfeife ein, fällt einer weg, wird sie entnommen. Sandsäcke halten die Tasten dauerhaft gedrückt, das elektrische Gebläse liefert rund um die Uhr den nötigen Wind, und eine Einhausung aus Acrylglas dämpft den Dauerklang auf ein für Besucher erträgliches Maß. Auch der Ort trägt zur Wirkung bei: Die Burchardikirche stammt aus dem Mittelalter, diente über die Jahrhunderte zeitweise als Scheune und Stall und stand vor dem Projekt weitgehend leer. Auf der Internetseite der Trägerstiftung dokumentiert das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt jeden Schritt der Aufführung bis hin zu den berechneten Terminen kommender Jahrzehnte.
Ein Klangwechsel findet immer dann statt, wenn nach der Partitur ein Ton hinzukommt oder wegfällt, und jedes dieser Ereignisse ist inzwischen ein internationaler Anziehungspunkt. Die längste Pause zwischen zwei Wechseln dauerte sieben Jahre, von 2013 bis 2020 stand derselbe Akkord unverändert im Raum. Am 5. Februar 2024 setzten Ehrenamtliche vor mehreren hundert Gästen die siebte Pfeife ein, im August 2026 folgte der 17. Klangwechsel, weitere sind für Oktober 2027 und April 2028 berechnet. Manche Besucher buchen ihre Plätze Jahre im Voraus, Kamerateams aus aller Welt übertragen die wenigen Minuten, in denen sich der Klang hörbar verändert. Zwischen diesen Momenten geschieht im herkömmlichen Sinn nichts, und gerade diese Ereignislosigkeit macht den Reiz des Projekts aus.
Getragen wird die Aufführung ohne staatliche Förderung von einer Stiftung, von Ehrenamtlichen und von Unterstützern in aller Welt. Wer möchte, übernimmt die Patenschaft für ein einzelnes Klangjahr, das auf einer der 639 Fördertafeln in der Kirche verewigt wird, oder erwirbt ein Ticket für die Abschlussveranstaltung im Jahr 2640, das an Kinder und Enkel vererbt werden kann. Damit kalkuliert das Projekt stillschweigend ein, was kaum ein Bauwerk und kein Staat der Weltgeschichte geschafft hat: mehr als sechs Jahrhunderte Frieden, Handwerk und Interesse an einem einzigen Musikstück. Cage ging es nach den Worten der Projektverantwortlichen um die Befreiung der Klänge und um Zuhörer, die ihren Geist leeren.
Wer die Burchardikirche heute verlässt, hört den Akkord noch auf dem Hof leiser werden, und derselbe Klang wird dort noch stehen, wenn die Besucher von heute längst vergessen sind. Genau darin liegt der Kern des Stücks: Der Ton bleibt, die Zuhörer wechseln, und eine Kleinstadt im Harzvorland misst mit einer einzigen Orgel die Zeit.