Teddybären & Co.

In Englands versteinerndem Brunnen erstarren Alltagsdinge zu Stein

In Englands versteinerndem Brunnen erstarren Alltagsdinge zu Stein
(Symbolbild) In Knaresborough hängt seit Generationen ein versteinernder Brunnen voller Gegenstände, die eine harte Steinkruste ansetzen. Ein Teddybär bekommt seinen Panzer in wenigen Monaten, ein Zylinder braucht deutlich länger. Was hier als Zauberei galt, hat mit dem Wasser aus dem Kalkstein und mit reiner Chemie zu tun. (Foto: © Forschung und Wissen)

An einer überhängenden Felswand im nordenglischen Knaresborough hängen an Schnüren Teddybären, Hüte, Fahrräder und Kessel, alle überzogen von einer harten, grauen Kruste. Ein versteinernder Brunnen wie dieser galt jahrhundertelang als verhext, weil das Wasser Gegenstände scheinbar in Stein verwandelt. Der Ort trägt den Namen der Wahrsagerin Mother Shipton und gilt als älteste zahlungspflichtige Sehenswürdigkeit Englands. Hinter dem unheimlichen Anblick steckt weder Hexerei noch echte Versteinerung, sondern das Wasser, das durch den umgebenden Kalkstein sickert.

Die Szene wirkt auf den ersten Blick makaber: An einem tropfenden Felsband hängen weiche Kinderspielzeuge, die aussehen, als hätte sie jemand zu Stein erstarren lassen. Der Ort liegt am Ufer des Flusses Nidd, gegenüber der Altstadt von Knaresborough in der Grafschaft North Yorkshire. Seit dem 17. Jahrhundert kommen Menschen hierher, um zu sehen, wie ihre mitgebrachten Gegenstände über Wochen und Monate eine harte Hülle ansetzen. Erste schriftliche Erwähnung fand die Quelle bereits 1538 durch John Leland, den Antiquar Heinrichs VIII. Wer die Kruste anfasst, spürt festen Stein, wo vorher Stoff, Filz oder Metall war. Genau dieser Widerspruch zwischen vertrautem Alltagsgegenstand und steinhartem Panzer macht den versteinernden Brunnen bis heute zu einem Publikumsmagneten.

Lange erklärten sich die Menschen den Vorgang übernatürlich. Die Quelle wurde mit der legendären Seherin Ursula Southeil in Verbindung gebracht, die um 1488 in einer nahen Höhle geboren worden sein soll und unter dem Namen Mother Shipton als englisches Gegenstück zu Nostradamus gilt. Man sagte ihr Prophezeiungen vom Untergang der Spanischen Armada bis zu modernen Erfindungen nach. Der „verzauberte“ Brunnen, der Dinge zu Stein macht, passte gut in diese düstere Erzählung. Tatsächlich hat der Effekt eine nüchterne Ursache, die sich vollständig aus der Chemie des durchsickernden Wassers ergibt und mit jeder Kalkquelle im Prinzip verwandt ist.

Was am Brunnen von Knaresborough wirklich geschieht

Ein versteinernder Brunnen verwandelt Gegenstände nicht in Stein, sondern überzieht sie mit einer Kalkablagerung. Das Quellwasser ist außergewöhnlich reich an gelöstem Kalziumkarbonat und Sulfat. Sobald es an der Luft verdunstet und Kohlendioxid entweicht, fällt der Kalk aus und lagert sich Schicht für Schicht auf allem ab, was im Wasserlauf hängt. Nach Monaten steckt das Objekt in einer festen Hülle aus Kalksinter.

Dieser Vorgang ist keine Versteinerung im geologischen Sinn, bei der die Moleküle eines Objekts nach und nach durch Mineral ersetzt werden. Hier bleibt der Gegenstand im Inneren zunächst erhalten und bekommt lediglich einen Überzug. Das abgelagerte Gestein heißt Kalksinter oder, in der dichteren Form, Travertin. Die Höhle von Mother Shipton besteht sogar selbst aus diesem Material, denn sie ist nicht in Fels hineingelöst, sondern von austretendem Kalkwasser aufgebaut worden. Das Wasser stammt aus der Cadeby-Formation aus Dolomitgestein, während der hohe Sulfatgehalt aus dem darüberliegenden Gips der Edlington-Formation kommt. Diese Mischung macht die Ablagerung besonders schnell und den Ort zu einem Sonderfall unter Englands Quellen.

Warum ein Teddybär schneller versteinert als ein Zylinder

Die Dauer des Vorgangs hängt stark vom Material ab, und daraus ergeben sich die im Park üblichen Wartezeiten. Ein kleiner Teddybär braucht etwa drei bis fünf Monate, bis er komplett von Kruste überzogen ist. Größere, ebenfalls poröse Objekte wie Kleidung oder ein großer Bär benötigen sechs bis zwölf Monate. Ein glatter, nicht poröser Gegenstand wie ein Zylinder oder ein Feuerwehrhelm kann bis zu anderthalb Jahre in Anspruch nehmen.

Der Grund liegt in der Oberfläche. Poröse Materialien saugen das kalkhaltige Wasser auf und lassen es auch im Inneren verdunsten, sodass sich der Kalk von außen und innen ablagert und das Objekt regelrecht durchtränkt. Genau deshalb sind Plüschtiere so beliebt: Sie versteinern gewissermaßen von innen heraus. Glatte Metall- oder Lackflächen bieten dem Wasser dagegen kaum Halt, sodass sich die Kruste nur langsam und rein außen aufbaut. Über die Jahrzehnte haben Besucher die unterschiedlichsten Dinge hinterlassen, darunter ein Zylinder und eine Damenhaube aus dem 19. Jahrhundert, ein Schuh von Königin Mary aus dem Jahr 1923 sowie Fahrräder, Kessel und ganze Handtaschen, die heute als graue Klumpen an der Wand hängen.

Ein Effekt, der überall auftritt, nur selten so deutlich

Im Grunde zeigt jede Karstquelle denselben Effekt, weil kalkhaltiges Wasser überall dort Kalk absetzt, wo Kohlendioxid entweicht und Wasser verdunstet. So entstehen auch Tropfsteine in Höhlen und Kalkterrassen an Thermalquellen. Am Brunnen von Knaresborough ist die Wirkung nur ungewöhnlich schnell und ungewöhnlich sichtbar, weil das Wasser besonders stark mit Karbonat und Sulfat beladen ist und über eine breite, luftige Felswand rinnt. Frühere Analysen bezifferten den Gehalt an gelösten Feststoffen auf rund 1.140 Milligramm pro Liter, ein für Quellwasser sehr hoher Wert. Eine anschauliche Einordnung liefert der British Geological Survey zur Kalksinter-Bildung an der Höhle von Mother Shipton.

Ähnliche versteinernde Quellen gibt es auch anderswo, etwa im englischen Matlock Bath oder an den Quellen von Saint-Nectaire und Saint-Alyre in der französischen Auvergne. Historisch nutzten manche Orte den Effekt sogar gewerblich und ließen Blätter, Vogelnester oder kleine Figuren gezielt überkrusten, um sie als Souvenirs zu verkaufen. Wer die geologischen Grundlagen der Tufaschirme von Knaresborough im Detail nachlesen möchte, findet sie in einer geologischen Beschreibung des Tropfbrunnens von A. H. Cooper.

Warum der Ort seit fast 400 Jahren zieht

Zur Attraktion wurde der Brunnen 1630, als König Karl I. das umgebende Waldstück an einen Adligen verkaufte, der bald Eintritt für Führungen verlangte. Damit begann die bis heute ununterbrochene Geschichte als kommerzielle Sehenswürdigkeit, die dem Ort den Titel der ältesten zahlungspflichtigen Attraktion Englands einbrachte. Über Jahrhunderte hielt sich die Vorstellung von Verhexung, obwohl die Chemie längst geklärt war. Der Reiz liegt bis heute im Zusammenprall zweier Bilder: hier das weiche Kinderspielzeug, dort der harte Stein, in den es sich verwandelt. Genau dieser Gegensatz erklärt, warum ein simpler chemischer Vorgang aus tropfendem Kalkwasser seit fast 400 Jahren Menschen an eine unscheinbare Felswand in Yorkshire zieht.

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