Verschollen im Sand

In Ägyptens Wüste verschwand ein Heer von 50.000 Soldaten spurlos

In Ägyptens Wüste verschwand ein Heer von 50.000 Soldaten spurlos
(Symbolbild) In der Westlichen Wüste Ägyptens soll um 524 vor Christus eine persische Armee von 50.000 Mann auf dem Marsch zur Oase Siwa verschwunden sein. Der Geschichtsschreiber Herodot berichtet von einem Sandsturm, der das Heer beim Frühstück begrub, doch seit Jahrhunderten zweifeln Forscher an dieser Erzählung. Zwischen Dünen, Oasen und Tempelruinen suchen Expeditionen seit 150 Jahren nach Knochen, Waffen und Antworten. Was mit der Armee des Kambyses geschah, gehört zu den ältesten offenen Fragen der Archäologie. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Um 524 vor Christus schickte der persische Großkönig Kambyses II. ein Heer von angeblich 50.000 Mann durch die ägyptische Wüste zur Oase Siwa. Es kam dort nie an und kehrte nie zurück. Der Historiker Herodot schrieb später, ein Sandsturm habe die Soldaten verschluckt. Bis heute hat niemand die verlorene Armee des Kambyses gefunden, und die Suche nach ihr hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Die Westliche Wüste Ägyptens ist ein Gebiet von der Größe Frankreichs, in dem außer fünf Oasen kaum ein Mensch lebt. Sanddünen erreichen hier Höhen von über 100 Metern, im Sommer steigen die Temperaturen auf 50 Grad Celsius, und zwischen den Wasserstellen liegen mehrere Tagesmärsche ohne Schatten. In diese Landschaft zog nach der Überlieferung eine Armee, deren Auftrag ebenso ungewöhnlich war wie ihr Ende: Sie sollte das Orakel des Gottes Amun in der Oase Siwa zerstören, dessen Priester dem neuen Herrscher Ägyptens die Anerkennung verweigert hatten. Die Soldaten brachen von Theben auf, erreichten nach sieben Tagen eine Oase, die Herodot Oasis nennt und die heute meist mit Charga gleichgesetzt wird, und marschierten weiter in den Sand. Danach sah sie niemand mehr.

Die verlorene Armee des Kambyses ist damit ein Fall, in dem Geschichte und Legende so eng verwoben sind, dass sich beides kaum trennen lässt. Kambyses selbst ist historisch gut belegt. Der Sohn des Kyros hatte 525 vor Christus in der Schlacht bei Pelusium den Pharao Psammetich III. besiegt, Memphis eingenommen und Ägypten für zwei Jahrhunderte zur persischen Provinz gemacht. Von seinem Feldzug gegen Nubien berichten auch ägyptische und nubische Quellen. Über das Heer, das nach Siwa zog, spricht dagegen nur Herodot, der rund 75 Jahre später Ägypten bereiste und aufschrieb, was ihm die Bewohner von Siwa erzählten.

Was Herodot über den Sandsturm berichtet

Die Passage im dritten Buch der Historien ist kurz. Nachdem die Perser von Oasis aus in die Sandwüste vorgerückt seien und etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hätten, habe sich zur Zeit des Frühmahls ein Südwind von unmäßiger Heftigkeit erhoben, die Soldaten unter den Dünen begraben, die er vor sich hertrieb, und so sei das Heer verschwunden. Herodot fügt ausdrücklich hinzu, dass er dies nur aus dem Mund der Siwaner wisse. Er selbst gibt die Truppenstärke mit 50.000 an, eine Zahl, die er auch bei anderen Heeren gern verwendet und die moderne Historiker für eine Vervielfachung halten.

Genau an dieser Zahl setzt die Kritik seit langem an. Der deutsche Afrikaforscher Gerhard Rohlfs, der 1874 mit einer Expedition selbst durch die Libysche Wüste zog, hielt schon 1881 fest, dass auch der heftigste Sandsturm nicht in der Lage sei, Menschen und Tiere spurlos zu begraben. Ein Heer von 50.000 Mann samt Trossen hätte in der Wüste zudem Wasser für Wochen mitführen müssen, und der ägyptische Altertümerrat warnte wiederholt, dem Bericht zu trauen, weil Griechen wie Ägypter den Persern feindlich gesinnt waren und sich über einen verschollenen Eroberer gern eine Geschichte erzählten.

Die Suche nach den Knochen im Sand

Trotz aller Zweifel zog die Geschichte über 150 Jahre Suchende an. Der britische Offizier Orde Wingate durchkämmte 1933 die Wüste, der ungarische Wüstenforscher Ladislaus Almásy, das Vorbild der Romanfigur aus dem Englischen Patienten, suchte in den 1930er Jahren die mutmaßliche Marschroute ab. 1983 finanzierten unter anderem die Harvard University und die National Geographic Society eine Expedition, die Grabhügel untersuchte, die sich als tausend Jahre älter als das Ereignis erwiesen. Im Jahr 2000 fanden Geologen der Helwan-Universität bei Ölbohrungen nahe Siwa Knochen, Dolche und Speerspitzen, und 2009 verkündeten die italienischen Dokumentarfilmer Alfredo und Angelo Castiglioni mit Archäologen der Universität Salento, sie hätten in einem Felsunterstand nahe Siwa Skelette, Bronzewaffen und persischen Silberschmuck geborgen.

Keiner dieser Funde ließ sich eindeutig dem persischen Heer zuordnen. Die Wüste ist voller Spuren aus vielen Jahrhunderten, Karawanen sind hier regelmäßig zugrunde gegangen, und ein Bronzedolch belegt weder Herkunft noch Datum. Wie bei den Geisterschiffen der Weltmeere wächst die Legende mit jedem neuen Fund, der ein wenig passt, aber nichts beweist.

Wurde die Armee des Kambyses in einen Hinterhalt gelockt

Eine ganz andere Antwort kam 2014 aus der Oase Dachla, rund 300 Kilometer südöstlich von Siwa. Der Ägyptologe Olaf Kaper von der Universität Leiden hatte dort in den Ruinen von Amheida Tempelblöcke mit dem vollständigen Königsnamen eines Petubastis IV. gefunden, eines ägyptischen Rebellen, der sich kurz nach der persischen Eroberung zum Pharao ausrufen ließ. Kaper verband das mit Herodots Angabe, dass das Heer sieben Tage von Theben bis Oasis brauchte. Diese Marschzeit passt nach seiner Rechnung nicht zur Route nach Siwa, wohl aber nach Dachla, wo der Rebell seine Basis hatte. Seine These: Die Perser zogen nicht gegen ein Orakel, sondern gegen einen Aufstand, wurden von den Rebellen in einen Hinterhalt gelockt und vernichtet.

Der Sandsturm wäre dann eine Erfindung, und zwar keine ägyptische, sondern eine persische. Der spätere Großkönig Dareios I., der den Aufstand des Petubastis rund zwei Jahre später niederschlug und den Rebellen aus den Inschriften tilgen ließ, hatte allen Grund, eine militärische Niederlage in eine Naturkatastrophe umzuschreiben. Nach diesem Verständnis wäre die Wüste nicht der Täter, sondern das Alibi. Auch diese Deutung ist nicht bewiesen, denn ein Schlachtfeld wurde in Dachla nicht gefunden, und über Petubastis IV. ist außer seinem Namen kaum etwas bekannt. Das Wissenschaftsmagazin wissenschaft.de zitierte dazu einen ägyptischen Archäologen mit dem nüchternen Satz, dass nur klassische Autoren vom Sandsturm wüssten und die Wüste groß sei.

Warum der Fall bis heute offen bleibt

Was von der Geschichte übrig bleibt, ist ein seltsam stabiler Rest. Dass Kambyses ein Heer nach Westen schickte und dass es nicht zurückkam, bestreitet kaum jemand, denn Herodot hätte eine siegreiche Rückkehr wohl kaum verschwiegen. Ob es 50.000 oder 5.000 Mann waren, ob Sand, Durst oder Speere sie töteten und ob ihr Ziel Siwa oder Dachla hieß, ist offen. Die Oase Siwa liegt heute noch dort, wo das Heer nie ankam, mit den Resten des Amun-Tempels, in dem Alexander der Große 331 vor Christus das Orakel befragte, das den Persern verwehrt blieb.

Und die Wüste dazwischen ist dieselbe geblieben. Wer heute im Winter durch die Dünen westlich von Baharija fährt, sieht innerhalb weniger Stunden, wie Sand ganze Fahrzeugspuren auslöscht, und versteht, warum die Geschichte vom verschluckten Heer 2.500 Jahre überdauert hat. Irgendwo unter diesem Sand oder in den Trümmern einer Oase liegt die Antwort, und nach allem, was die Funde bisher zeigen, wird sie so lange als Legende weiterleben, bis jemand die richtige Düne abträgt.

Spannend & Interessant
VGWortpixel