Die Sonne stand am Himmel, aber sie leuchtete nur noch wie der Mond. So beschrieb der byzantinische Chronist Prokopios das Jahr 536, in dem sich ein Schleier über die halbe Welt legte. Rund 18 Monate lang drang kaum noch Sonnenlicht bis zum Boden, die Temperaturen stürzten ab, Ernten verdorrten von Irland bis China. Harvard-Forscher halten 536 für das schlimmste Jahr der Menschheitsgeschichte. Die Ursache der Finsternis fand die Wissenschaft erst in einem 72 Meter langen Eisbohrkern aus den Alpen.
Im Jahr 536 existierte das Weströmische Reich seit zwei Generationen nicht mehr, in Konstantinopel regierte Kaiser Justinian, und seine Feldherren kämpften gerade um Italien. Mitten in diese ohnehin unruhige Zeit fiel ein Ereignis, das gleich mehrere Chronisten unabhängig voneinander festhielten. Prokopios von Caesarea schrieb, die Sonne habe das ganze Jahr hindurch ohne Strahlkraft geleuchtet und den Eindruck einer fast vollständigen Verfinsterung gemacht. Der Beamte Cassiodorus in Italien notierte, die Sonne wirke bläulich, die Menschen sähen mittags keine Schatten mehr, und selbst im Sommer bleibe es kalt. Aus Irland berichten Annalen von einem Brotmangel, chinesische Aufzeichnungen vermelden Schneefall im Sommer und vernichtete Ernten. Über Europa, dem Nahen Osten und großen Teilen Asiens hing offensichtlich derselbe Schleier.
Die Folgen lassen sich in Baumringen bis heute ablesen. Eichen aus Irland, Kiefern aus Skandinavien und Bäume aus dem Altai-Gebirge zeigen für die Jahre ab 536 kaum noch Wachstum, ein untrügliches Zeichen für Kälte und Lichtmangel. Klimaforscher beziffern den Temperatursturz auf durchschnittlich 1,5 bis 2,5 Grad, womit der Sommer 536 zum kältesten der vergangenen 2000 Jahre wurde. Auf die Missernten folgten Hungersnöte, und 541 erreichte mit der Justinianischen Pest die erste große Pestpandemie das Mittelmeer und tötete in den folgenden Jahrzehnten viele Millionen Menschen. Der Harvard-Historiker Michael McCormick nannte 536 deshalb den Beginn einer der schlimmsten Epochen der Geschichte, wenn nicht das schlimmste Jahr überhaupt, schlimmer als 1349 mit dem Schwarzen Tod und schlimmer als 1918 mit Weltkrieg und Spanischer Grippe.
Im Jahr 536 verdunkelte ein Schleier aus Schwefelaerosolen und feiner Asche die Sonne über weiten Teilen der Nordhalbkugel für etwa 18 Monate. Ausgelöst wurde er durch einen gewaltigen Vulkanausbruch Anfang 536, dem 540 und 547 zwei weitere Eruptionen folgten. Die Temperaturen sanken um bis zu 2,5 Grad, weltweit brachen Ernten ein, Hunger und Seuchen folgten.
Dass ein Vulkan hinter der Katastrophe stecken musste, vermuteten Forscher schon lange, denn nur eine Eruption schleudert genug Schwefel in die Stratosphäre, um das Sonnenlicht global zu dämpfen. Doch welcher Vulkan es war, blieb umstritten. Kandidaten gab es viele, vom Krakatau in Indonesien über den Ilopango in El Salvador bis zu einem Feuerberg in Nordamerika. Polare Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis lieferten zwar Schwefelspitzen für die fraglichen Jahre, aber keine eindeutige Herkunft. Die Auflösung brachte schließlich ein Bohrkern, der gar nicht aus den Polregionen stammt, sondern vom Colle Gnifetti, einem Gletschersattel auf über 4400 Metern im Monte-Rosa-Massiv an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien.
In dem 72 Meter langen Eisbohrkern vom Colle Gnifetti stecken mehr als 2000 Jahre Atmosphärengeschichte, Schicht für Schicht wie in einem Archiv. Mit einem neu entwickelten Laserverfahren konnte ein Team um Michael McCormick, den Glaziologen Paul Mayewski und den Archäologen Christopher Loveluck das Eis so fein abtasten, dass sich einzelne Monate unterscheiden ließen. In der Schicht vom Frühjahr 536 fanden die Forscher winzige Partikel vulkanischen Glases, sogenannte Tephra. Deren chemischer Fingerabdruck passte nicht zu einem Vulkan in Nordamerika, wie zunächst vermutet, sondern zu Gesteinen aus Island, wie die 2018 im Fachjournal Antiquity publizierte Analyse ergab.
Ein Ausbruch auf Island erklärt auch, warum die Quellen aus Britannien und Nordwesteuropa die Verdunkelung so drastisch schildern, denn die Aschewolke hatte von dort einen kurzen Weg über die dicht besiedelten Regionen Europas. Auf die Eruption von 536 folgten nach Ausweis der Eisdaten zwei weitere gewaltige Ausbrüche in den Jahren 540 und 547, die die Atmosphäre erneut mit Schwefel beluden, bevor sich das Klima erholen konnte. Diese Abfolge erklärt, warum die Kälte nicht nach einem oder zwei Jahren endete, wie es nach einem einzelnen Ausbruch üblich wäre, sondern sich zu einer jahrzehntelangen Kaltphase auswuchs.
Klimaforscher um den Dendrochronologen Ulf Büntgen haben für die Zeit von 536 bis etwa 660 den Begriff der Spätantiken Kleinen Eiszeit geprägt. Rückkopplungen über Meereis und Ozeane sowie eine schwache Sonnenaktivität hielten die Nordhalbkugel mehr als ein Jahrhundert lang deutlich kühler als zuvor. In genau diese Phase fallen der Zusammenbruch ganzer Handelsnetze, Hungerkrisen von Skandinavien bis China, die Justinianische Pest, Völkerwanderungen in Asien und der Niedergang mehrerer Reiche. Kein seriöser Forscher führt all das allein auf den Vulkanausbruch zurück, doch die zeitliche Häufung ist auffällig, und die Eisdaten zeigen, dass sich die europäische Wirtschaft erst um das Jahr 640 spürbar erholte, ablesbar an einem sprunghaften Anstieg von Bleistaub im Gletschereis, dem Abgasnachweis eines wieder anspringenden Silberbergbaus.
Das Jahr 536 zeigt damit zweierlei. Zum einen, wie verwundbar Agrargesellschaften waren, wenn die Sonne auch nur anderthalb Jahre lang schwächelte. Zum anderen, wie weit die moderne Wissenschaft in die Vergangenheit zurückblicken kann, wenn Chroniken, Baumringe und Gletschereis zusammengeführt werden. Ein Ereignis, das Zeitgenossen als Weltuntergang erlebten und das die Geschichtsschreibung mehr als ein Jahrtausend lang nicht erklären konnte, ist heute bis auf den Monat genau datiert und einem Vulkan auf einer Insel im Nordatlantik zugeordnet. Übrig bleibt das Bild eines Sommers, in dem die Menschen mittags nach ihren Schatten suchten und keine fanden.
Antiquity, Alpine ice-core evidence for the transformation of the European monetary system, AD 640-670; doi:10.15184/aqy.2018.110