Steinerne Warnung

Hungersteine in der Elbe tragen Warnungen aus dem Jahr 1616

Hungersteine in der Elbe tragen Warnungen aus dem Jahr 1616
(Symbolbild). Im Flussbett der Elbe zwischen Děčín und Pirna liegen Blöcke, die nur bei sehr niedrigem Wasserstand aus dem Strom ragen. Hungersteine halten mit eingemeißelten Jahreszahlen fest, wie tief der Fluss in früheren Trockenjahren gefallen ist. Die älteste lesbare Zahl reicht bis in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg zurück. (Foto: © Forschung und Wissen)

Zwischen Děčín und Pirna liegen im Flussbett Steine, die den größten Teil der Zeit unter Wasser verborgen sind. Erst wenn der Pegel weit genug fällt, tauchen Hungersteine mit eingemeißelten Jahreszahlen und Sprüchen auf. Der bekannteste von ihnen dokumentiert elf Niedrigwasserstände, die älteste lesbare Jahreszahl stammt von 1616. Wer die Zeichen gesetzt hat, verrät die auffällige Häufung an genau diesem Flussabschnitt.

Ein Sommer mit wenig Regen verändert das Bild der Elbe grundlegend. Wo sonst Frachtschiffe fahren, liegen Kiesbänke frei, Buhnen ragen weit heraus, und mitten im Strom werden Blöcke sichtbar, die den Rest des Jahres niemand sieht. Auf einigen von ihnen stehen Zahlen, Buchstaben und ganze Sätze, sauber in den Sandstein oder Basalt geschlagen. Diese Hungersteine sind keine zufälligen Findlinge, sondern gezielt bearbeitete Marken. Sie halten fest, wie weit der Wasserstand in früheren Jahren gesunken ist, und sie tun das gewissermaßen von unten: Während Hochwassermarken an Hauswänden die Höchststände markieren, dokumentieren Hungersteine das Gegenteil, nämlich die Tiefstände. Sichtbar werden sie nur, wenn sich die Lage wiederholt, die zu ihrer Beschriftung geführt hat.

Der Name verweist auf die Folgen. Ein niedriger Wasserstand bedeutete in der frühen Neuzeit stockende Schifffahrt, ausbleibende Warenlieferungen, stillstehende Mühlen, vertrocknete Felder und steigende Getreidepreise. Trockenheit und Hunger hingen unmittelbar zusammen, und die Steine im Flussbett waren die sichtbarste Erinnerung daran. Überliefert sind Jahresinschriften aus dem 15. Jahrhundert, dokumentiert unter anderem 1417 und 1473, dazu 1616, 1654 und 1666. Neben den eigentlichen Hungersteinen dienten auch Felsen im Strom als Marken, sogenannte Hungerfelsen, bekannt etwa bei Magdeburg und Torgau. Für Tiefstände genutzt wurden zudem Schotterflächen, unter anderem an der Augustusbrücke in Dresden und am Grenzübergang Schmilka.

Ein Hungerstein hält fest, wie weit die Elbe schon gefallen ist

Hungersteine sind Felsblöcke im Flussbett, die bei extremem Niedrigwasser auftauchen und mit eingemeißelten Jahreszahlen an frühere Trockenjahre erinnern. Sie markieren Tiefstände statt Hochwasser. Der bekannteste liegt in der Elbe bei Děčín, hält elf Niedrigwasserstände zwischen 1616 und 1911 fest und trägt eine Inschrift, die den Betrachter zum Weinen auffordert.

Dieser Block liegt am linken Ufer unterhalb der Tyrš-Brücke und gilt als eines der ältesten hydrologischen Denkmäler Mitteleuropas. Die älteste heute lesbare Jahreszahl ist 1616. Ältere Markierungen aus den Jahren 1417 und 1473 sind überliefert, aber nicht mehr zu entziffern, weil ankernde Schiffe die Oberfläche über Jahrhunderte abgerieben haben. Die Reihe der Zahlen wirkt auf den ersten Blick wie eine willkürliche Sammlung, ergibt aber eine geschlossene Chronik: Jede Zahl steht für ein Jahr, in dem der Stein aus dem Wasser ragte. Eine Zeitung aus Linz nannte solche Marken 1893 eine eigenartige meteorologische Chronik, und diese Beschreibung trifft die Funktion genau, denn regelmäßige amtliche Messungen gab es an der Elbe erst ab 1806.

Warum sich die Steine zwischen Děčín und Pirna häufen

Auffällig ist nicht nur das Alter der Inschriften, sondern ihre Verteilung. Auf wenigen Flusskilometern zwischen Děčín und Pirna liegt ein gutes Dutzend beschrifteter Blöcke, während vergleichbare Marken flussabwärts deutlich seltener werden. Der Dresdner Geologe Jan-Michael Lange führt das auf die Steinbrüche der Region zurück. Der Elbsandstein wurde über Jahrhunderte auf dem Wasserweg abtransportiert, und genau dieser Transport brach bei Niedrigwasser zusammen. Die Steinmetze saßen also fest, hatten Zeit, das nötige Werkzeug und die Fertigkeit, um Warnungen dauerhaft in Fels zu schlagen. Die Häufung der Hungersteine ist damit weniger ein Zufall der Geologie als das Ergebnis einer sehr konkreten Berufsgruppe, die von genau dieser Trockenheit betroffen war.

Die Inschriften stammen nicht alle aus derselben Zeit

Der bekannteste Spruch am Stein von Děčín fordert den Betrachter auf zu weinen, wenn er ihn sieht. Er gehört zu den älteren Zeichen und wurde später ergänzt. Eine zweite, deutlich jüngere Inschrift auf demselben Block stammt vermutlich aus dem Jahr 1938 und geht auf einen Pumpenfabrikanten zurück, der den düsteren Ton umdrehte und statt zu klagen zum Bewässern der Felder riet. Solche Überlagerungen sind typisch. Über die Jahrhunderte kamen Initialen, Namen, Ornamente und weitere Jahreszahlen hinzu, teilweise von Personen, über die nichts weiter bekannt ist. Wer einen Hungerstein liest, liest deshalb keine einheitliche Botschaft, sondern mehrere Schichten aus verschiedenen Jahrhunderten übereinander.

1842, 1904 und 1911 stehen für die großen Trockenjahre

Neben den frühen Zahlen tragen viele Hungersteine Markierungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie nennt besonders die Jahre 1842, 1904 und 1911 als Belege für ausgeprägte Trockenperioden im Elbegebiet, nachzulesen in seiner Übersicht zu historischen Niedrigwasserereignissen. Die Steine ergänzen damit die schriftliche Überlieferung um eine physische Messreihe, die weit vor die Einführung der amtlichen Pegelbeobachtung zurückreicht. Ihre Aussagekraft hat allerdings Grenzen, weil die Blöcke im Flussbett durch Baggerungen, Uferbau und Schiffsverkehr verändert wurden.

Wie ausgeprägt ein solches Jahr ausfallen konnte, zeigt 1911. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde hat die Ereignisse dieses Sommers ausgewertet und beschreibt in ihrer Analyse zum Elbe-Niedrigwasser 1911, dass in Magdeburg zwischen Ende Juli und Mitte September nur 3,5 Millimeter Niederschlag fielen und im Mittelelbegebiet weniger als die Hälfte der üblichen Sommermenge zusammenkam. Seit dem Bau der großen Talsperren an der Moldau um 1965 wird der Abfluss der oberen Elbe gleichmäßiger geführt, wodurch extreme Tiefstände seltener geworden sind. Die Steine liegen weiterhin dort, wo sie immer lagen, nur der Anlass, sie zu sehen, tritt seltener ein.

Damit bleibt ein Denkmal, das seine eigene Sichtbarkeit reguliert. Solange die Elbe genug Wasser führt, bleibt die Warnung unter der Oberfläche verborgen. Fällt der Wasserstand weit genug, steht auf einmal ein Block im Flussbett, in den vor mehr als vier Jahrhunderten jemand eine Zahl geschlagen hat, weil er dasselbe Bild vor sich hatte.

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