Tödliches Geheimprojekt

„Herzinfarkt-Pistole“: Wie die CIA Morde als natürlichen Tod tarnen wollte

„Herzinfarkt-Pistole“: Wie die CIA Morde als natürlichen Tod tarnen wollte
Senator Frank Church (rechts) 1977 im Gespräch mit US-Präsident Jimmy Carter im Weißen Haus. Church leitete 1975 den Senatsausschuss, der die geheimen CIA-Programme und das unerlaubt gelagerte Saxitoxin untersuchte. In einer öffentlichen Anhörung ließ er sich von CIA-Direktor William Colby auch die elektrische Pfeilpistole erklären. Die später populär so genannte Herzinfarkt-Pistole wurde dort als Gerät für möglichst unauffällige Injektionen bekannt. (Foto: © U.S. National Archives and Records Administration, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Am 16. September 1975 hielt CIA-Direktor William Colby vor einem Senatsausschuss eine ungewöhnliche Waffe in den Händen. Die elektrisch betriebene Pfeilpistole arbeitete fast lautlos, sollte kleine Pfeile über ungefähr 100 Meter verschießen und gehörte zu einem geheimen Programm für unauffällige Injektionen. Gleichzeitig musste Colby erklären, warum die CIA rund 11 Gramm Muschelgift und 8 Milligramm Kobragift aufbewahrt hatte. Später bekam das Gerät den populären Namen „Herzinfarkt-Pistole“. Doch was konnte diese Waffe tatsächlich, und welche Teile der bis heute kursierenden Geschichte sind belegt?

Als Senator Frank Church am 16. September 1975 im Russell Senate Office Building in Washington die öffentliche Anhörung eröffnete, lag vor ihm kein Requisit aus einem Spionagefilm. CIA-Direktor William Colby hatte Geräte aus einem geheimen Entwicklungsprogramm mitgebracht, darunter eine elektrisch betriebene Pfeilwaffe. Das Protokoll der Anhörung ist heute vollständig nachzulesen unter Church Committee Hearings Vol. 1.

Die Szene wirkte deshalb so außergewöhnlich, weil Church die Funktionsweise Schritt für Schritt öffentlich abfragte. Colby erklärte, im Griff sitze eine Batterie, der Schuss erfolge fast lautlos und die Reichweite liege bei ungefähr 100 Metern. Auf die Frage, ob ein Opfer den Treffer bemerken müsse, antwortete er, dass ein spezieller Pfeil entwickelt worden sei, der möglicherweise ohne Wahrnehmung eindringen könne. Genau diese Kombination aus lautloser Waffe, Gift und möglichst unauffälligem Treffer machte das Gerät später berühmt.

1975 lagen 11 Gramm Muschelgift in einem CIA-Tresorraum

Ausgangspunkt der Anhörung war ein Fund innerhalb der CIA. Bei einer Durchsuchung ihrer Lagerräume waren ungefähr 11 Gramm eines Muschelgifts und 8 Milligramm Kobragift in einem wenig genutzten, gesicherten Lagerraum entdeckt worden. Colby erklärte, die Mengen seien im Zuge einer internen Untersuchung gefunden worden, nachdem Hinweise auf die frühere Zusammenarbeit mit dem US-Militärlabor Fort Detrick aufgetaucht waren.

Besonders heikel war der Fund, weil Präsident Richard Nixon die Vernichtung bestehender Toxinwaffen und nicht für rein defensive Forschung benötigter Vorräte angeordnet hatte. Im Protokoll bestätigte Colby, dass nach der Einlagerung keine Forschung mehr mit dem Vorrat durchgeführt worden war. Der Ausschuss behandelte die jahrelange Aufbewahrung deshalb als klaren Verstoß gegen die vorgegebene Linie. Die Geschichte der CIA-Waffe beginnt also nicht mit einem späteren Spitznamen, sondern mit einem unerlaubt erhaltenen Giftlager.

Fort Detrick entwickelte seit 1952 verdeckte Verabreichungssysteme

Die Verbindung zwischen CIA und Fort Detrick war laut Colby bereits im Mai 1952 formell eingerichtet worden. Dort arbeiteten Spezialisten an biologischen und chemischen Stoffen sowie an Möglichkeiten, sie verdeckt einzusetzen. Ein Projektpapier aus dem Jahr 1967 nennt MKNAOMI und beschreibt als Ziel unter anderem einen „nondiscernible microbioinoculator“, also ein Gerät für eine unauffällige Injektion mit einem Pfeil.

Entscheidend war nicht nur die Injektion selbst. Das Gerät sollte so angepasst werden, dass der Treffer später bei einer Untersuchung des Opfers nicht leicht erkannt werden konnte. Die CIA wollte ein System entwickeln, das eine heimliche Verabreichung ermöglicht und Spuren möglichst schlecht erkennbar macht. Ein nachgewiesener Mord mit dieser Waffe folgt daraus jedoch nicht.

Die Pfeilpistole schoss fast lautlos bis rund 100 Meter

Church ließ sich die mitgebrachte Waffe während der Anhörung zeigen und fragte Colby nach ihrer Technik. Der CIA-Direktor erklärte, dass die Waffe elektrisch arbeite, eine Batterie im Griff besitze und einen kleinen Pfeil verschieße. Auf die Frage nach dem Geräusch antwortete er, sie schieße fast lautlos, und als Reichweite nannte er ungefähr 100 Meter, also etwa die Länge eines Fußballfeldes.

Das Protokoll belegt auch, dass verschiedene Pfeile existierten. Einer davon war laut Colby speziell so entwickelt worden, dass er potenziell unbemerkt in ein Ziel eindringen könne. Church sprach ausdrücklich vom Treffer ins Herz und fragte, ob das Opfer überhaupt merken würde, dass es getroffen worden sei. Colby bestätigte die Entwicklung eines solchen speziellen Pfeils, nicht aber einen erfolgreichen Einsatz an einem Menschen. Ähnlich ungewöhnliche Technikthemen finden sich auch im internen Beitrag über eine Spionagekamera mit enormer Reichweite.

Saxitoxin blockiert die Signalübertragung in Nerven

Bei dem im CIA-Lager gefundenen Muschelgift handelte es sich um Saxitoxin. Der Stoff blockiert spannungsgesteuerte Natriumkanäle, die für die Weiterleitung elektrischer Signale in Nerven und Muskeln nötig sind. Schwere Vergiftungen können dadurch zu Lähmungen und schließlich zu Atemversagen führen. Die Chemie-Datenbank der US-Gesundheitsbehörde NIH beschreibt diese grundlegende Wirkung, der Eintrag ist nachzulesen unter PubChem.

Gerade hier weichen populäre Erzählungen vom gesicherten Protokoll ab. Die oft wiederholte Behauptung, die Waffe habe einen Pfeil aus gefrorenem Gift verschossen, der im Körper geschmolzen sei, steht nicht in der Anhörung vom 16. September 1975. Gleiches gilt für die Behauptung, ein Treffer hinterlasse sicher nur einen winzigen roten Punkt oder lasse den Tod zuverlässig wie einen Herzinfarkt aussehen. Eine spätere Aussage der früheren CIA-Mitarbeiterin Mary Embree beschreibt die Suche nach einem Gift, das einen natürlichen Herztod vortäuschen sollte. Diese Aussage ist eine spätere Sekundärquelle und kein Beleg für einen dokumentierten Einsatz.

1960 trug Gary Powers Saxitoxin in einem Silberdollar

Das Muschelgift war nicht nur für Pfeilgeräte vorgesehen. Colby erklärte, dass die CIA ursprünglich nach einem Ersatz für die Cyanidkapsel suchte, die Agenten im Notfall zur Selbsttötung dienen sollte. Der U-2-Pilot Francis Gary Powers trug im Mai 1960 eine mit Saxitoxin präparierte Vorrichtung, die in einem Silberdollar verborgen war, als sein Aufklärungsflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde.

Powers benutzte die Vorrichtung nicht. Colby sagte, dies sei nach Kenntnis der CIA der einzige Fall gewesen, in dem das Muschelgift für einen operativen Einsatz ausgegeben worden sei. Damit lässt sich eine wichtige Grenze ziehen: Es gab das Gift, es gab die Geräte und es gab Entwicklungsarbeiten für verdeckte Anwendungen. Für die später so genannte Herzinfarkt-Pistole selbst nannte Colby jedoch keinen dokumentierten Einsatz.

William Colby fand keinen Beleg für einen tatsächlichen Einsatz

Senator John Tower fragte Colby ausdrücklich, ob die Pfeilpistole jemals von der CIA operativ eingesetzt worden sei. Colby antwortete, er kenne nur Experimente und keinen tatsächlichen Einsatz; eine entsprechende Aufzeichnung existiere nicht. Die Aussage ist im offiziellen Material des Senatsausschusses erhalten, dessen Church-Unterlagen nachzulesen unter U.S. Senate Select Committee on Intelligence sind.

Der Name „Herzinfarkt-Pistole“ stammt ebenfalls nicht aus dem Anhörungsprotokoll. Er wurde später populär, weil die Waffe mit der Suche nach schwer nachweisbaren Giften und Berichten über einen scheinbar natürlichen Tod verbunden wurde. Belegt ist die Absicht, einen möglichst unauffälligen Pfeil und eine später schwer erkennbare Injektion zu entwickeln. Nicht belegt ist, dass die CIA mit genau dieser Waffe einen Menschen tötete oder einen Mord erfolgreich als Herzinfarkt tarnte.

Damit bleibt von der spektakulären Legende ein immer noch außergewöhnlicher, aber klarer historischer Kern. Frank Church hielt 1975 eine fast lautlose elektrische Pfeilwaffe vor laufender Öffentlichkeit hoch, während William Colby die Entwicklung eines möglichst unbemerkten Injektionssystems bestätigte. Die Waffe existierte, das Gift existierte und die Tarnabsicht war Teil des Projekts. Ein belegter tödlicher Einsatz dieser später so genannten Herzinfarkt-Pistole ist in den bekannten Anhörungsakten jedoch nicht dokumentiert.

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