Takotsubo

Ein gebrochenes Herz ist eine echte Herzkrankheit

Ein gebrochenes Herz ist eine echte Herzkrankheit
(Symbolbild). Ein gebrochenes Herz ist mehr als ein Bild aus Liebesliedern, denn seelischer Schmerz kann den Herzmuskel tatsächlich schwächen. Das Broken-Heart-Syndrom ähnelt im ersten Moment einem Herzinfarkt, verläuft aber anders. Warum die Beschwerden bei den meisten Betroffenen wieder verschwinden, ergibt sich aus dem zugrunde liegenden Mechanismus. (Foto: © Forschung und Wissen)

Der Ausdruck vom gebrochenen Herzen klingt nach Poesie, doch die Medizin kennt ihn als reale Diagnose. Nach dem Tod eines nahen Menschen, einer schweren Trennung oder einem heftigen Schock kann der Herzmuskel plötzlich versagen, mit Brustschmerz, Atemnot und Beschwerden, die einem Herzinfarkt gleichen. In den Untersuchungen zeigt sich dann jedoch ein anderes Bild. Dieses Krankheitsbild trägt den Namen Broken-Heart-Syndrom und belegt, dass starker seelischer Schmerz das Herz körperlich treffen kann. Bemerkenswert ist, dass sich das Herz bei den meisten Betroffenen wieder vollständig erholt.

Das Herz gilt als das robuste Zentrum des Kreislaufs, ein Muskel, der über Jahrzehnte ohne Pause arbeitet und Blut durch den ganzen Körper pumpt. Dass ausgerechnet dieses Organ auf Gefühle reagiert, überrascht auf den ersten Blick, entspricht aber der engen Verbindung von Seele und Körper. Bei einem heftigen emotionalen Ereignis schüttet der Körper große Mengen an Stresshormonen aus, die eigentlich dazu dienen, ihn in Gefahrensituationen leistungsfähig zu machen. Diese Hormone wirken unmittelbar auf das Herz und lassen es schneller und kräftiger schlagen. In seltenen Fällen ist diese Reaktion so stark, dass der Herzmuskel überfordert wird und ein Teil von ihm vorübergehend die Arbeit einstellt. Das Ergebnis ist ein akuter Zustand, der lebensbedrohlich wirken kann und im Krankenhaus zunächst kaum von einem echten Herzinfarkt zu unterscheiden ist. Erst genauere Untersuchungen decken den Unterschied auf.

Der Name des Syndroms verweist auf die auffällige Form, die das Herz dabei annimmt. Bei einem typischen Verlauf bläht sich die untere Herzspitze ballonartig aus, während der obere Bereich verengt bleibt. Diese Gestalt erinnerte japanische Ärzte, die das Phänomen zuerst beschrieben, an eine bauchige Tonkanne mit engem Hals, wie sie traditionell zum Fang von Kraken verwendet wird. Nach dieser Kanne, auf Japanisch Takotsubo, erhielt das Krankheitsbild seinen medizinischen Namen. Das Broken-Heart-Syndrom ist damit ein Beispiel dafür, wie sich ein seelischer Vorgang in einer messbaren, sichtbaren Veränderung des Herzens niederschlägt. Die Diagnose stützt sich auf Bilder des Herzens, auf die Messung bestimmter Blutwerte und auf den Ausschluss verstopfter Herzkranzgefäße, die bei einem echten Infarkt die Ursache wären.

Ein gebrochenes Herz kann körperlich erkranken

Das Broken-Heart-Syndrom ist eine vorübergehende Schwäche des Herzmuskels, die durch starke seelische oder körperliche Belastung ausgelöst wird. Der Fachbegriff lautet Takotsubo-Kardiomyopathie. Auslöser sind häufig Trauer, Angst oder Schock, weshalb der Volksmund vom gebrochenen Herzen spricht. Die Symptome ähneln einem Herzinfarkt, doch anders als bei diesem sind die Herzkranzgefäße nicht verstopft. Stattdessen ist die Pumpleistung des Herzens akut herabgesetzt, weil ein Teil des Muskels vorübergehend erlahmt. Ein besonders auffälliges Merkmal ist, dass sich rund drei von vier Betroffenen kurz vor dem Ereignis an ein belastendes Erlebnis erinnern, sei es seelischer oder körperlicher Natur. Damit ist das Syndrom eines der klarsten Beispiele dafür, dass ein Gefühl unmittelbar in eine körperliche Erkrankung münden kann. Der Zusammenhang zwischen einem Schicksalsschlag und dem plötzlichen Herzversagen ist hier kein Zufall, sondern medizinisch gut dokumentiert.

Wie Stresshormone das Herz überfordern

Im Zentrum des Geschehens stehen die Stresshormone, allen voran das Adrenalin und verwandte Botenstoffe. Bei einem extremen Ereignis flutet der Körper das Blut mit diesen Substanzen, um kurzfristig höchste Leistung bereitzustellen. Das Herz reagiert auf diese Flut besonders empfindlich, weil sein Muskelgewebe zahlreiche Andockstellen für diese Hormone besitzt. Übersteigt die Menge ein bestimmtes Maß, wirkt der eigentlich hilfreiche Antrieb wie eine Überdosis. Der untere Bereich des Herzens reagiert darauf, indem er sich nicht mehr richtig zusammenzieht und regelrecht erstarrt, während andere Abschnitte weiterarbeiten. Diese ungleiche Belastung führt zu der typischen ballonartigen Verformung. Die genauen Abläufe sind noch nicht in allen Einzelheiten geklärt, doch die zentrale Rolle der Stresshormone gilt als gesichert. Sie erklärt auch, warum nicht nur negative Ereignisse, sondern in seltenen Fällen sogar plötzliche große Freude das Syndrom auslösen kann, da beides eine starke Hormonausschüttung bewirkt.

Warum das Herz sich meist wieder erholt

Anders als beim Herzinfarkt stirbt beim Broken-Heart-Syndrom in der Regel kein Herzmuskelgewebe dauerhaft ab. Der betroffene Bereich ist nicht zerstört, sondern nur vorübergehend gelähmt. Sobald der Sturm der Stresshormone abgeklungen ist und die akute Phase überstanden wurde, beginnt sich der Muskel zu erholen. Eine umfangreiche Untersuchung im New England Journal of Medicine dokumentierte das Krankheitsbild anhand zahlreicher Patienten und bestätigte, dass sich die Herzfunktion bei den meisten innerhalb von Tagen bis Wochen weitgehend normalisiert. Dennoch ist das Syndrom nicht harmlos, denn in der akuten Phase kann es zu ernsten Komplikationen kommen, die eine sorgfältige medizinische Überwachung nötig machen. Die gute Nachricht überwiegt jedoch: Ein gebrochenes Herz heilt in den allermeisten Fällen, und das Organ kehrt zu seiner vollen Leistung zurück, als wäre nichts geschehen.

Wer besonders häufig betroffen ist

Das Broken-Heart-Syndrom verteilt sich nicht gleichmäßig über die Bevölkerung. Betroffen sind ganz überwiegend Frauen nach den Wechseljahren, was die Forschung mit dem veränderten Hormonhaushalt in dieser Lebensphase in Verbindung bringt. Ein Zusammenhang mit dem Botenstoff Adrenalin und der schützenden Wirkung bestimmter Geschlechtshormone gilt als wahrscheinlich, ist aber noch nicht abschließend geklärt. Da die Beschwerden einem Herzinfarkt so stark ähneln, ist bei plötzlichem Brustschmerz und Atemnot immer rasche ärztliche Hilfe nötig, denn nur eine genaue Untersuchung kann beide Zustände unterscheiden. Das Syndrom zeigt eindrücklich, wie tief seelische Erschütterungen in den Körper hineinwirken. Der Volksmund lag mit dem Bild vom gebrochenen Herzen näher an der Wahrheit, als lange angenommen wurde, denn ein tiefer emotionaler Schmerz kann das Herz nicht nur im übertragenen, sondern im buchstäblichen Sinn treffen.

New England Journal of Medicine, Clinical Features and Outcomes of Takotsubo (Stress) Cardiomyopathy; doi:10.1056/NEJMoa1406761

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