Reelfoot-See

Ein Erdbeben ließ 1812 den Mississippi rückwärts fließen

Ein Erdbeben ließ 1812 den Mississippi rückwärts fließen
(Symbolbild) Die New Madrid Erdbeben von 1811 und 1812 gehören zu den stärksten Erschütterungen, die Nordamerika seit Beginn der Besiedlung durch Europäer erlebt hat, und sie trafen eine Region fernab aller Plattengrenzen. Augenzeugen berichteten von berstendem Boden, aufsteigendem Sand und einem Mississippi, der sich gegen die eigene Strömung stemmte. Wie es dazu kommen konnte, erschließt sich erst mit einem Blick tief in den Untergrund des Kontinents. (Foto: © Forschung und Wissen)

Im Winter 1811 auf 1812 bebte die Erde mitten in Nordamerika so gewaltig, dass der mächtigste Fluss des Kontinents zeitweise rückwärts floss. Ganze Uferabschnitte des Mississippi stürzten in die Fluten, ein neuer See entstand über Nacht, und die Erschütterungen waren noch an der über 1.500 Kilometer entfernten Ostküste zu spüren. Das Rätselhafteste daran: Die Beben ereigneten sich fernab jeder Plattengrenze, in einer Region, die als geologisch ruhig galt. Genau diese Zone bereitet Seismologen bis heute Sorgen.

Die New Madrid Erdbeben, benannt nach der kleinen Siedlung New Madrid am Mississippi im heutigen US-Bundesstaat Missouri, gelten als die stärksten historisch dokumentierten Erdbeben im Osten Nordamerikas. Zwischen Dezember 1811 und Februar 1812 erschütterten drei Hauptbeben und tausende Nachbeben das Tal des Mississippi. Weil es damals weder Seismographen noch eine Magnitudenskala gab, beruhen alle Stärkeangaben auf der Auswertung von Augenzeugenberichten und Schadensbildern. Die Schätzungen bewegen sich für die Hauptstöße im Bereich einer Magnitude von etwa 7 bis über 8, womit die Serie in einer Liga mit den zerstörerischsten Beben Kaliforniens spielt. Dass die Opferzahlen niedrig blieben, lag allein daran, dass die Region kaum besiedelt war.

Die Berichte der Überlebenden lesen sich, als hätte sich die Landschaft selbst gegen ihre Bewohner gewandt. Der Boden warf Wellen wie ein Gewässer, Risse öffneten sich über hunderte Meter, und aus der Erde schossen Fontänen aus Sand und Wasser. In Flussstädten wie Little Prairie flohen die Menschen durch hüfthohes Wasser, weil das Land um sie herum absackte. Zeitgenössischen Berichten zufolge gerieten selbst in Charleston an der Atlantikküste Kirchenglocken durch die Erschütterungen ins Schwingen, und in Washington klirrten Fenster. Für die Bewohner des Mississippitals begann eine wochenlange Serie von Stößen, die viele als Vorboten des Weltendes deuteten.

Drei Hauptbeben und ein Fluss außer Kontrolle

Die New Madrid Erdbeben waren eine Serie von drei Hauptbeben am 16. Dezember 1811 sowie am 23. Januar und 7. Februar 1812 im mittleren Mississippital. Das letzte Beben hob den Untergrund entlang einer Verwerfung so stark an, dass sich der Mississippi örtlich staute, stundenweise stromaufwärts floss und der Reelfoot Lake in Tennessee entstand.

Möglich machte dieses Naturschauspiel die sogenannte Reelfoot-Verwerfung, an der beim Februarbeben ein Geländestreifen quer zum Flusslauf um mehrere Meter angehoben wurde. Für den Mississippi wirkte diese Schwelle wie ein plötzlich eingezogenes Wehr. Das Wasser lief zurück, überströmte die Ufer und suchte sich neue Wege, Augenzeugen beschrieben regelrechte Wasserfälle mitten im Strom, an denen Boote kenterten. Flussabwärts brach eine Flutwelle über Inseln und Anlegestellen herein. Hinter der abgesackten Scholle sammelte sich das Wasser in einem versunkenen Waldgebiet und bildete den bis heute existierenden Reelfoot Lake, aus dessen Fläche noch immer die Stümpfe der ertrunkenen Zypressen ragen, ein sichtbares Denkmal der Katastrophe.

Warum der Boden sich verflüssigte

Viele der unheimlichsten Phänomene jener Wochen gehen auf einen einzigen Mechanismus zurück, die Bodenverflüssigung. Das Mississippital ist mit mächtigen Schichten aus wassergesättigtem Sand und Schlamm gefüllt. Gerät solcher Untergrund in starke Schwingung, verlieren die Sandkörner ihren Kontakt zueinander, und der Boden verhält sich für Sekunden bis Minuten wie eine zähe Flüssigkeit. Gebäude sinken ein, Uferböschungen gleiten in den Fluss, und unter Druck stehendes Grundwasser schießt mit Sand vermischt durch Spalten nach oben. Diese Sandfontänen hinterließen tausende heller Krater und Flecken, die als Sandvulkane bezeichnet werden und auf Luftaufnahmen der Region bis heute zu erkennen sind, über 200 Jahre nach den Beben.

Für die Forschung sind diese konservierten Spuren ein Glücksfall, denn sie erlauben eine Art Beben-Archäologie. In Grabungen fanden Geologen Sandschichten älterer Verflüssigungsereignisse und konnten sie datieren. Das Ergebnis: Starke Beben trafen die Region auch um die Jahre 900 und 1450, die Serie von 1811 und 1812 war also kein einmaliger Ausrutscher, sondern Teil eines wiederkehrenden Musters mit Abständen von grob 500 Jahren. Genau diese Erkenntnis verwandelte die historischen Beben von einer Kuriosität in eine ernstzunehmende Ansage für die Zukunft der Region.

Ein Intraplattenbeben gibt Rätsel auf

Das eigentliche wissenschaftliche Rätsel liegt tiefer. Erdbeben entstehen ganz überwiegend an den Rändern tektonischer Platten, doch New Madrid liegt tausende Kilometer von der nächsten Plattengrenze entfernt, mitten im stabilen Kern Nordamerikas. Die Erklärung für dieses Intraplattenbeben führt rund 500 Millionen Jahre zurück. Damals begann der Kontinent an dieser Stelle auseinanderzureißen, der Prozess stoppte jedoch, und zurück blieb eine tief begrabene Narbe, das Reelfoot-Rift. Solche alten Schwächezonen können Spannungen, die sich im Inneren einer Platte aufbauen, in seltenen, aber heftigen Beben entladen. Warum sich die Spannungen ausgerechnet dort konzentrieren und wie schnell sie sich neu aufbauen, wird in der Seismologie weiter kontrovers diskutiert.

Fest steht, dass die seismische Zone von New Madrid aktiv ist. Messnetze der US-Geologiebehörde USGS registrieren dort jedes Jahr hunderte kleine Erschütterungen, und die Behörde weist der Region eine der höchsten Erdbebengefährdungen der Vereinigten Staaten außerhalb der Westküste zu. Millionenstädte wie Memphis und St. Louis liegen im Wirkungsbereich, gebaut zu großen Teilen in einer Zeit, in der niemand mit Beben rechnete.

Eine Gefahr, die im Untergrund weiter tickt

Wie ernst die Lage genommen wird, zeigen die Konsequenzen. In Memphis gelten inzwischen verschärfte Bauvorschriften, Brücken über den Mississippi wurden für hunderte Millionen Dollar ertüchtigt, und Katastrophenschutzbehörden proben regelmäßig den Ernstfall eines starken Bebens im Zentrum des Landes. Dass auch vermeintlich ruhige Regionen ein reales Risiko tragen, ist keine amerikanische Besonderheit, wie ein Blick auf die Risikokarte der Erdbeben in Europa zeigt, die auch fern der großen Plattengrenzen gefährdete Zonen ausweist.

So bleibt von den Wochen des Winters 1811 auf 1812 mehr als eine historische Episode. Der Reelfoot Lake mit seinen toten Zypressen, die hellen Sandflecken in den Feldern und die stille Messkurve der Seismographen erzählen dieselbe Geschichte: Mitten im Herzen eines Kontinents riss die Erde auf, zwang den größten Fluss Nordamerikas für Stunden in die Knie und hinterließ eine Landschaft, die bis heute gezeichnet ist. Und tief darunter wartet eine alte Narbe im Gestein darauf, ihre Spannung das nächste Mal zu entladen.

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