Lichtspiel im Auge

Die weißen Punkte am blauen Himmel sind die eigenen Blutkörperchen

Die weißen Punkte am blauen Himmel sind die eigenen Blutkörperchen
(Symbolbild) Bei klarem Wetter bemerken viele Menschen winzige helle Punkte am blauen Himmel, die auf verschlungenen Bahnen durch das Blickfeld flitzen. Der Augenarzt Richard Scheerer beschrieb das Phänomen bereits 1924. Die Punkte folgen festen Wegen und beschleunigen im Takt des Herzschlags. Ihre Ursache liegt nicht in der Luft, sondern im Auge des Betrachters. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Wer an einem klaren Tag in den blauen Himmel schaut, sieht mit etwas Geduld winzige helle Punkte, die auf verschlungenen Bahnen durch das Blickfeld flitzen. Die Punkte am blauen Himmel sind weder Staub noch Einbildung. Sie folgen festen Wegen, verschwinden nach Sekundenbruchteilen und beschleunigen bei jedem Herzschlag. Ein deutscher Augenarzt beschrieb das Phänomen 1924, und seine Ursache liegt nur Bruchteile eines Millimeters vor den Sehzellen.

Am deutlichsten zeigt sich das Phänomen an einem wolkenlosen Tag, beim Blick in ein gleichmäßiges Himmelsblau abseits der Sonne. Nach einigen Sekunden tauchen die Punkte am blauen Himmel auf: winzige, gleich große Lichtpünktchen, die ruckartig über kurze, gewundene Strecken sausen und dann verschwinden. Manche ziehen einen kurzen dunklen Schweif hinter sich her, andere scheinen dieselbe Bahn zu nehmen wie ein Vorgänger kurz zuvor. Die Punkte erscheinen in einem Bereich von etwa 15 Grad um den Punkt, den das Auge gerade fixiert, nie aber genau in dessen Mitte. Viele Menschen haben sie ihr Leben lang gesehen, ohne je darüber nachzudenken, andere nehmen sie erst wahr, wenn sie gezielt darauf achten. Harmlos sind sie in beiden Fällen, und sie gehören zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen ein Mensch einen Vorgang in seinem eigenen Körper unmittelbar beobachten kann.

In der Fachsprache heißt die Erscheinung Blaufeld-Entoptik oder nach ihrem Beschreiber Scheerer-Phänomen. Entoptisch bedeutet, dass die Ursache eines Seheindrucks im Auge selbst liegt und nicht in der Außenwelt. Der Augenarzt Richard Scheerer veröffentlichte 1924 in den Klinischen Monatsblättern für Augenheilkunde eine ausführliche Arbeit über die entoptische Sichtbarkeit der Blutbewegung im Auge und wies auf ihre Bedeutung für die Klinik hin. Beobachtet hatten die Lichtpunkte schon andere vor ihm, doch Scheerer lenkte die Aufmerksamkeit der Medizin darauf. Seine Vermutung, dass die Punkte mit dem Blutfluss in der Netzhaut zusammenhängen, ließ sich allerdings erst Jahrzehnte später direkt überprüfen. Dafür brauchte es Mikroskope, Videotechnik und schließlich Verfahren, mit denen sich einzelne Blutzellen im lebenden menschlichen Auge filmen lassen.

Weiße Blutkörperchen in der Netzhaut erzeugen die Lichtpunkte

Die hellen Punkte am blauen Himmel sind weiße Blutkörperchen, die durch feinste Kapillaren vor der Netzhaut wandern. Rote Blutkörperchen schlucken blaues Licht und werfen Schatten, die das Gehirn ausblendet. Weiße Blutkörperchen lassen das blaue Licht dagegen durch und erscheinen deshalb als helle, bewegte Lichtpunkte.

Blaues Licht mit 430 Nanometern macht die Blutbahn sichtbar

Die Netzhaut des Menschen ist gewissermaßen verkehrt herum gebaut: Blutgefäße und Nervenfasern liegen vor den lichtempfindlichen Sehzellen, das Licht muss sie erst durchqueren. Der rote Blutfarbstoff Hämoglobin absorbiert blaues Licht mit einer Wellenlänge von etwa 430 Nanometern besonders stark. Die Kapillaren, dicht gefüllt mit roten Blutkörperchen, werfen deshalb bei blauem Licht ständig Schatten auf die Sehzellen darunter. Weil diese Schatten immer an derselben Stelle liegen, passen sich die Sehzellen an, und das Gehirn blendet das Gefäßmuster aus. Weiße Blutkörperchen sind größer als rote, oft breiter als die Kapillare selbst, und müssen sich verformen, um hindurchzukommen. Vor ihnen entsteht eine Lücke im Strom der roten Blutkörperchen, hinter ihnen stauen sich die roten Zellen. Durch die Lücke fällt plötzlich ungehindert blaues Licht auf Sehzellen, die an Schatten gewöhnt sind, und genau dort blitzt ein heller Punkt mit dunklem Schweif auf.

Punkte am blauen Himmel folgen dem Herzschlag

Das Blut fließt in den Kapillaren nicht gleichmäßig, sondern schubweise im Rhythmus des Herzens. Entsprechend beschleunigen die Lichtpunkte kurz bei jedem Schlag, was sich mit einer Hand am Puls leicht nachprüfen lässt. Weil sie aus festen Kapillarbahnen stammen, nehmen aufeinanderfolgende Punkte oft denselben Weg. Beide Augen sehen unterschiedliche Punkte, denn jedes hat sein eigenes Gefäßnetz, beim Blick mit beiden Augen überlagern sich die Muster. Im genauen Zentrum des Blickfelds bleibt es ruhig: Die Stelle des schärfsten Sehens in der Netzhautgrube ist frei von Blutgefäßen, damit dort nichts das Licht abschattet. Deshalb tanzen die Punkte in einem Ring um den fixierten Punkt herum. Am stärksten tritt die Blaufeld-Entoptik vor einer einfarbig blauen Fläche auf, im Alltag reicht aber schon der klare Himmel.

Fledermausflügel lieferten 1989 den Beweis

Direkt beweisen ließ sich die Erklärung lange nicht, denn niemand konnte gleichzeitig in die Kapillaren eines Auges schauen und erleben, was der Besitzer dieses Auges sieht. Ein Team um den Augenarzt Stephen Sinclair wählte deshalb 1989 einen Umweg, den die Studie in Investigative Ophthalmology and Visual Science dokumentiert. Die Forscher filmten den Blutfluss in der Flughaut einer Fledermaus im Winterschlaf und in einem Muskel von Ratten unter Licht mit 430 Nanometern. Bei geringer Vergrößerung erschienen helle Teilchen, die durch ein Netz dunkler Gefäße strömten, und das Bild glich dem, was Menschen am Himmel sehen. Bei stärkerer Vergrößerung und mit einem Farbstoff, der weiße Blutkörperchen zum Leuchten bringt, zeigte sich: Die hellen Teilchen waren weiße Blutkörperchen. Später bestätigten hochauflösende Laserverfahren mit adaptiver Optik den Vorgang direkt in der menschlichen Netzhaut.

Mouches volantes oder Blutkörperchen: So unterscheiden sich die Punkte

Häufig werden die Lichtpunkte mit Mouches volantes verwechselt, den fliegenden Mücken. Diese entstehen durch eine Glaskörpertrübung, also durch Verdichtungen im gallertartigen Inneren des Auges. Mouches volantes sind meist dunkler als der Hintergrund, unterschiedlich groß, oft faden- oder fleckförmig, und sie schwimmen träge nach, wenn sich das Auge bewegt, bevor sie langsam absinken. Die Punkte der Blaufeld-Entoptik sind dagegen hell, alle gleich groß und bewegen sich sofort mit, weil sie fest in der Netzhaut liegen. Auch mit dem sogenannten Visual Snow, einem dauerhaften Flimmern im gesamten Blickfeld, haben sie nichts zu tun. Die Medizin nutzt das Phänomen sogar gezielt: Bei der Blaufeld-Entoptoskopie vergleichen Patienten die Punkte vor blauem Licht mit einer Computersimulation, woraus sich der Blutfluss in den Kapillaren der Netzhaut abschätzen lässt, etwa bei Diabetes.

Helles Licht löst im Körper noch andere Reaktionen aus, die viele Menschen kennen, aber kaum erklären können. So muss nach genetischen Untersuchungen etwa jeder Vierte beim Blick in helles Licht niesen, eine Veranlagung, die sich in Familien vererbt. Die Punkte am blauen Himmel dagegen sieht nahezu jeder, der lange genug hinschaut. Wer beim nächsten klaren Himmel die flitzenden Lichtpünktchen entdeckt, sieht keine Erscheinung in der Luft, sondern einzelne Zellen des eigenen Immunsystems, die im Takt des Herzens durch die Netzhaut ziehen, jede einzelne auf ihrem Weg zu einer Stelle im Körper, an der sie vielleicht gebraucht wird.

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