Auf der abgelegenen Osterinsel im Südpazifik haben sich einige wenige Holztafeln erhalten, die dicht mit rätselhaften Zeichen bedeckt sind. Reihe um Reihe reihen sich winzige, fein geschnitzte Figuren aneinander, die an Menschen, Tiere und geometrische Formen erinnern. Diese Zeichen tragen den Namen Rongorongo, und trotz über hundert Jahren Forschung konnte sie bis heute niemand lesen. Was auf den Tafeln steht, ob Gesänge, Kalender, Stammbäume oder etwas ganz anderes, bleibt unbekannt. Rongorongo gehört damit zu den letzten großen ungelösten Schrifträtseln der Menschheit.
Die Osterinsel ist berühmt für ihre gewaltigen Steinfiguren, doch ihr vielleicht tiefstes Geheimnis ist unscheinbarer. Es steckt in einer Handvoll beschrifteter Holzobjekte, die europäische Besucher im 19. Jahrhundert vorfanden. Zu diesem Zeitpunkt war die Kultur der Insel bereits durch Krankheiten, Verschleppung und Umbrüche schwer erschüttert, und mit ihr ging offenbar auch das Wissen um die Bedeutung der Zeichen verloren. Als Forscher später versuchten, das Schriftsystem zu verstehen, gab es kaum noch jemanden, der es sicher deuten konnte. So blieb nur das stumme Zeugnis der Tafeln selbst. Ihre feine, sorgfältige Ausführung zeigt, dass hier mit großer Mühe etwas festgehalten wurde, doch der Schlüssel dazu ist verloren.
Erschwert wird die Entzifferung durch die geringe Zahl der erhaltenen Stücke. Nur wenige Objekte mit Rongorongo-Zeichen haben überdauert, und sie enthalten zusammengenommen eine begrenzte Menge an Zeichen. Für die Entschlüsselung einer Schrift ist das sehr wenig, denn je weniger Text vorliegt, desto schwerer lassen sich Muster erkennen. Hinzu kommt, dass keine zweisprachige Inschrift existiert, also kein Text, der dieselbe Aussage zugleich in Rongorongo und in einer bekannten Schrift wiedergibt. Solche zweisprachigen Schlüssel waren bei anderen entzifferten Schriften entscheidend. Ihr Fehlen ist einer der Hauptgründe, warum Rongorongo bis heute schweigt.
Rongorongo ist ein System fein geschnitzter Zeichen auf wenigen erhaltenen Holztafeln der Osterinsel, das bis heute niemand lesen kann. Es fehlen sowohl Menschen, die die Bedeutung überliefern könnten, als auch ein zweisprachiger Schlüssel. Wegen der geringen Zahl erhaltener Zeichen ist selbst unklar, ob es sich um eine vollwertige Schrift handelt.
Der Kern des Rätsels liegt in einer doppelten Leerstelle. Zum einen ist die lebendige Überlieferung abgerissen: Niemand konnte den Forschern zuverlässig sagen, was die Zeichen bedeuten oder wie man sie liest. Zum anderen fehlt jedes Vergleichsmaterial in Form eines bekannten Textes. Ohne beides tappt die Entzifferung im Dunkeln. Die Zeichen selbst sind zwar klar erkennbar und wiederholen sich teils, was auf eine gewisse Ordnung hindeutet, doch ob sie für Laute, für ganze Wörter, für Begriffe oder nur als Gedächtnisstütze für auswendig vorgetragene Texte stehen, ist offen. Diese grundlegende Unsicherheit macht Rongorongo besonders schwer greifbar.
Trotz aller Rätsel lässt sich über die äußere Gestalt einiges sagen. Die Zeichen sind in dichten Reihen angeordnet und wurden mit großer Sorgfalt in das harte Holz geschnitten. Auffällig ist die Leserichtung: Die Tafeln sind offenbar so gestaltet, dass man sie zeilenweise abwechselnd von unten liest und die Tafel nach jeder Zeile umdreht. Diese ungewöhnliche Anordnung ist bei Schriften selten und gehört zu den wenigen gesicherten Erkenntnissen. Viele Zeichen erinnern an stilisierte Lebewesen, an Vögel, Fische, Pflanzen und menschenähnliche Gestalten, dazu kommen abstrakte Formen. Manche Zeichen tauchen häufiger auf als andere, was auf eine innere Struktur hindeutet. Doch von der Form allein lässt sich nicht auf die Bedeutung schließen, und genau hier endet das gesicherte Wissen.
Seit dem 19. Jahrhundert haben sich zahlreiche Forscher an Rongorongo versucht, mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. Einige deuteten die Zeichen als Bilderschrift, bei der jedes Zeichen einen Begriff darstellt. Andere vermuteten, dass die Zeichen Laute oder Silben der Sprache der Insel wiedergeben. Wieder andere hielten die Tafeln für Gedächtnisstützen, die auswendig gelernte Gesänge nur andeuteten, ohne den vollständigen Text zu enthalten. Für eine einzelne Tafel gibt es sogar den begründeten Verdacht, dass sie einen kalenderartigen Inhalt hat, doch auch das ist nicht gesichert. Keiner dieser Ansätze konnte sich durchsetzen, weil sich keine Deutung an einem unabhängigen Text überprüfen ließ. So blieb jeder Versuch letztlich eine Vermutung, die andere Vermutungen nicht widerlegen konnte.
Rongorongo reiht sich ein in eine kleine Gruppe von Zeugnissen früherer Kulturen, deren technisches oder geistiges Können uns staunen lässt, deren Sinn wir aber nicht mehr entschlüsseln können. Ähnlich wie bei anderen rätselhaften Fundstücken aus der Antike steht auch hier ein konkretes, greifbares Objekt vor uns, während sein Zweck im Dunkeln bleibt. Der Unterschied ist, dass es bei Rongorongo nicht um eine Maschine, sondern um Sprache geht, also um den vielleicht persönlichsten Ausdruck einer Kultur. Dass ausgerechnet die Worte einer Gemeinschaft verstummen konnten, während die Zeichen erhalten blieben, macht das Rätsel besonders eindringlich. Es zeigt, wie schnell Wissen verloren geht, wenn die Kette der Überlieferung reißt.
Am Ende steht eine Handvoll Holztafeln, die viel zeigen und doch nichts verraten. Gesichert ist, dass die Menschen der Osterinsel ein eigenes Zeichensystem entwickelten und mit großer Sorgfalt in Holz schnitten, in einer ungewöhnlichen, zeilenweise wechselnden Leserichtung. Ungeklärt bleibt, ob es sich um eine vollwertige Schrift handelt, was die Zeichen bedeuten und was auf den Tafeln festgehalten wurde. Ohne neue Funde, etwa einen zweisprachigen Text, oder ohne einen grundlegend neuen Ansatz dürfte Rongorongo sein Geheimnis behalten. Zurück bleibt der Anblick fein geschnitzter Reihen von Figuren, die einst eine klare Botschaft trugen und heute nur noch als stummes Zeugnis einer Kultur sprechen, deren Stimme verloren ging.
Quelle: kulturhistorische und epigraphische Forschung zu den erhaltenen Rongorongo-Objekten der Rapa Nui