Wer heute mit Lederhose über das Oktoberfest geht, trägt ein Kleidungsstück, das seine Karriere als Provokation begann. Im Jahr 1883 ließen sich sechs Männer aus Bayrischzell kurze Lederhosen anfertigen und wurden dafür als Kniehösler verspottet. Der Pfarrer verweigerte ihnen den Platz in der Prozession. Dass die Lederhose trotzdem zum Symbol Bayerns wurde, liegt an einer Kette von Zufällen, an einem König und an einer Familie aus München.
Auf dem Oktoberfest sieht es aus, als hätten die Bayern ihre Tracht seit Jahrhunderten unverändert getragen. Tatsächlich ist die Lederhose in ihrer heutigen Form ein Kind des 19. Jahrhunderts, und ihre Verbreitung verdankt sie weniger den Bauern als Lehrern, Sommerfrischlern und Kaufleuten. Lederne Beinkleider gab es im Alpenraum schon lange, meist als knielange Kniebundhosen für Holzknechte, Jäger und Bauern, die ein robustes, wasserabweisendes Material brauchten. Die kurze Variante, die nur bis zum Oberschenkel reicht, ist erstmals 1835 belegt, als der Schriftsteller August Lewald sie auf einer Reise durch das Tuxertal in Tirol beschrieb. Um die Mitte des Jahrhunderts war das Kleidungsstück in den Alpentälern noch verbreitet, an den Rändern des Gebirges verschwand es jedoch rasch. Billiger Loden und später Baumwollstoffe verdrängten das Leder, und wer etwas auf sich hielt, trug lange Hosen wie in der Stadt.
Ausgerechnet dieser Niedergang löste die Gegenbewegung aus. Das bayerische Königshaus hatte schon 1853 unter Maximilian II. verfügt, die Volkstrachten zu erhalten und zu fördern. Lehrer und Schüler sollten bei kirchlichen Festen in Tracht erscheinen, Rathäuser Bilder der Landestrachten aufhängen. Der Hintergrund war politisch: Nach der Revolution von 1848 wollten die Wittelsbacher Volksnähe zeigen und ein eigenes bayerisches Bewusstsein gegen die preußische Dominanz stärken. Was fehlte, waren Menschen, die den Erlass mit Leben füllten. Sie fanden sich 1883 in einem Wirtshaus im Leitzachtal. Ihre Geschichte zeigt, wie eine Tradition entsteht, die älter aussieht, als sie ist.
Die Lederhose wurde nicht in Bayrischzell erfunden, doch dort begann 1883 ihre zweite Karriere: Der Lehrer Josef Vogl gründete mit fünf Stammtischfreunden den Verein zur Erhaltung der Volkstracht im Leitzachtal, den ersten Trachtenverein überhaupt. Die Mitglieder ließen sich kurze Lederhosen schneidern und trugen sie demonstrativ im Alltag und in der Kirche.
Vogl störte sich daran, dass in seinem Dorf fast nur noch Lodenhosen getragen wurden. Beim Säckler, dem Lederschneider im nahen Miesbach, bestellte er für sich und seine Freunde kurze Hosen nach altem Muster. Weil sie nur zu sechst waren und ihrer Sache Gewicht geben wollten, gründeten sie kurzerhand einen Verein. Die Reaktion des Dorfes war eindeutig. Die Männer wurden als Kniehösler verspottet, und die Kirche verweigerte ihnen die Teilnahme an Prozessionen, weil sie die nackten Knie im Gottesdienst als unschicklich ansah. Vogl wandte sich daraufhin an König Ludwig II., der Trachten liebte und sich gern als volksnah zeigte. Der Zuspruch aus München wendete das Blatt. Bald trugen auch Prinzregent Luitpold und andere Wittelsbacher bei Jagdaufenthalten in den Bergen Lederhosen. Nach dem Vorbild aus Bayrischzell entstanden Hunderte Trachtenvereine, von Oberbayern bis nach Salzburg und Wien. Die Geschichte des Vereins erzählt heute auch die Stadt München auf ihrer Oktoberfest-Seite.
Dass die Lederhose nicht auf Vereinsfeste beschränkt blieb, lag an einer neuen Kundschaft. Mit der Eisenbahn kamen ab den 1860er-Jahren Städter aus München, Berlin und Wien zur Sommerfrische in die oberbayerischen Dörfer. Sie suchten das einfache Landleben und kauften sich die passende Kleidung dazu. Die Lederhose wurde damit zum Urlaubskostüm, das die Bauern selbst längst abgelegt hatten. Ähnlich verlief es beim Dirndl. Das Wort leitet sich von Dirn ab, der Bezeichnung für eine Magd, und meinte ursprünglich die Arbeitskleidung von Dienstmädchen. Wohlhabende Sommerfrischlerinnen übernahmen den Schnitt als luftiges Sommerkleid, und so wanderte das Dirndl von der Bauernstube in die Salons. Das Kleid, das heute auf dem Oktoberfest als uralte Tracht gilt, ist als Modeerscheinung eher ein Produkt der Kaiserzeit als des Mittelalters.
Den entscheidenden Schritt vom Landbrauch zur Ware machten die Brüder Wallach. Die jüdische Familie eröffnete 1900 in München ein Geschäft für Volkskunst und Trachten, das später als Volkskunsthaus Wallach bekannt wurde. Die Wallachs sammelten alte Stoffe und Muster, ließen Dirndl in Serie nähen und schufen den Stil, der heute als typisch bayerisch gilt. Ihre Kleider trugen Schauspielerinnen und Adlige, ihre Stoffe gingen bis nach Amerika. In den 1930er-Jahren wurde die Familie von den Nationalsozialisten enteignet und aus dem Land gedrängt, während der Staat die Tracht zugleich für seine Zwecke vereinnahmte. Das Jüdische Museum München zeichnete diesen Weg 2007 in einer Ausstellung nach. Die Geschichte des Dirndls ist damit auch die Geschichte einer Vertreibung derer, die es populär gemacht hatten.
Das Oktoberfest selbst geht auf die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig im Jahr 1810 zurück, doch die Verbindung von Wiesn und Tracht ist jung. Auf Fotos aus den 1970er- und 1980er-Jahren sitzen die Besucher in Jeans und Pullovern in den Bierzelten. Die kurze Lederhose galt lange als hinterwäldlerisch, eher etwas für Trachtenvereine und Kinder. Erst ab den 1990er-Jahren verwandelte sich das Fest in eine Trachtenparade, und heute erscheinen Millionen Gäste in Lederhose und Dirndl, viele davon aus Italien, Australien oder den USA. Die Ethnologin Simone Egger hat dieses Phänomen als Wiesntracht untersucht und sieht darin den Wunsch einer mobilen Gesellschaft nach greifbarer Identität. Je unsicherer die Welt, desto wichtiger werden Zeichen wie Heimat und Tradition, auch wenn die Tradition erst wenige Generationen alt ist.
Historiker sprechen bei solchen Vorgängen von erfundenen Traditionen. Gemeint sind Bräuche, die bewusst geschaffen oder neu belebt werden, aber den Anschein erwecken, seit Urzeiten zu bestehen. Die schottischen Clan-Tartans, viele Nationalhymnen und eben die bayerische Tracht gehören dazu. In allen Fällen entstanden sie in einer Zeit rascher Veränderung, als Industrialisierung, Eisenbahn und Massenpresse alte Lebensweisen auflösten. Die Lederhose hatte 1883 ausgerechnet dort verschwunden zu sein gedroht, wo sie heute als am ursprünglichsten gilt. Dass sie überlebte, verdankt sie einem Lehrer, der sich über Lodenhosen ärgerte, einem König, der Volksnähe suchte, und einer Münchner Familie, die aus Arbeitskleidung eine Marke machte.
Wer auf dem Oktoberfest an einem Tisch voller Lederhosen sitzt, sieht also weniger ein Stück Mittelalter als ein Stück Kaiserzeit. Die nackten Knie, die 1883 einen Pfarrer empörten, sind längst der Normalfall. Das Bild von sechs Männern, die in ihren neuen Hosen an der Kirche abgewiesen werden, ist dabei die eigentliche Pointe der Geschichte. Aus ihrem Trotz wurde ein Kleidungsstück, das heute mehr Menschen tragen als je zuvor in der Geschichte Bayerns, und das ausgerechnet auf einem Fest, das lange ohne Tracht auskam.