Die Konservendose wurde 1810 in London patentiert und veränderte die Versorgung von Armeen, Seefahrern und Entdeckern grundlegend. Nur ein Detail fehlte: ein Werkzeug, um sie zu öffnen. Rund 45 Jahre lang rückten Soldaten und Hausfrauen den dickwandigen Behältern mit Bajonett, Hammer und Meißel zu Leibe, und genau das empfahlen die Hersteller sogar in gedruckter Form auf der Dose. Erst dann erfand jemand den Dosenöffner.
Die Vorgeschichte beginnt in Frankreich. Der Koch und Konditor Nicolas Appert hatte um 1800 ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Lebensmittel in luftdicht verschlossenen und erhitzten Glasflaschen über Monate haltbar machen ließen. Napoleons Armeen brauchten haltbaren Proviant, und Appert lieferte die Methode. Glas hatte auf Feldzügen und Schiffen allerdings einen offensichtlichen Nachteil, es zerbrach. Der Londoner Kaufmann Peter Durand griff die Idee auf und übertrug sie auf einen robusteren Behälter aus Metall. Am 25. August 1810 erhielt er unter der Nummer 3372 ein britisches Patent, das erstmals die Konservierung von Lebensmitteln in Gefäßen aus verzinntem Eisenblech beschrieb. Durand selbst stieg nie ins Konservengeschäft ein. Er verkaufte sein Patent 1812 für 1.000 Pfund an die Unternehmer Bryan Donkin und John Hall, die in London die erste kommerzielle Konservenfabrik der Welt aufbauten.
Ab 1813 lieferten Donkin und Hall ihre Dosen an die britische Armee und die Royal Navy, und dort zeigte sich der Wert der Erfindung sofort. Fleisch, Gemüse und Suppen überstanden monatelange Reisen in die Tropen und ins Packeis, ohne zu verderben. Polarexpeditionen nahmen die Behälter zu Tausenden mit an Bord, weil sie erstmals eine planbare Versorgung fernab jeder Küste ermöglichten. Die frühen Dosen bestanden allerdings aus Schmiedeeisen mit einer Innenauskleidung aus Zinn, die Wände waren mehrere Millimeter dick, und eine einzelne Dose wog nicht selten mehr als ihr Inhalt. Genau diese Robustheit, die den Erfolg begründete, schuf zugleich ein Problem, das fast ein halbes Jahrhundert ungelöst blieb.
Die Konservendose wurde 1810 vom Londoner Kaufmann Peter Durand patentiert, der erste eigens entwickelte Dosenöffner entstand jedoch erst 1855 in England und wurde 1858 in den USA patentiert. In den rund 45 Jahren dazwischen öffneten Soldaten und Haushalte die dickwandigen Dosen mit Bajonett, Messer, Beil oder mit Hammer und Meißel.
Dass diese Lücke niemanden ernsthaft störte, lag am Einsatzort der frühen Konserven. Sie gingen fast vollständig an Militär und Marine, also an Männer, die ohnehin schweres Werkzeug bei sich trugen. Ein Matrose mit Beil oder ein Soldat mit Bajonett empfand das Aufstemmen einer Dose nicht als Konstruktionsfehler, sondern als normalen Handgriff. Die Hersteller machten daraus keine Geheimwissenschaft, sondern druckten die Methode offen auf ihre Produkte. Auf frühen Dosen stand sinngemäß die Anweisung, den Deckel nahe am äußeren Rand mit Hammer und Meißel rundum aufzuschlagen. Eine Erfindung, die Lebensmittel jahrelang frisch hielt, wurde also ganz offiziell mit Werkzeug aus der Schmiede geöffnet, und niemand sah darin einen Widerspruch.
Der eigentliche Grund für die lange Wartezeit auf den Dosenöffner steckte im Material. Ein Hebelmesser oder ein feines Schneidwerkzeug hatte gegen Wände aus mehreren Millimetern Schmiedeeisen schlicht keine Chance, weshalb jedes denkbare Öffnungsgerät ähnlich grob hätte ausfallen müssen wie Hammer und Meißel selbst. Erst als die Fabriken lernten, Dosen aus deutlich dünnerem Blech zu fertigen, wurde ein handliches Werkzeug überhaupt technisch sinnvoll. Der Engländer Robert Yeates entwickelte 1855 ein Hebelmesser mit kräftiger Klinge, das als erstes eigens für Konserven gebautes Öffnungsgerät gilt. Die Dose hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Kriege, Weltumsegelungen und Polarexpeditionen hinter sich.
In den Vereinigten Staaten meldete Ezra Warner aus Waterbury in Connecticut am 5. Januar 1858 sein eigenes Gerät an, eine Kombination aus Stechspitze und gebogener Klinge mit austauschbarer Schneide. Das zugehörige US-Patent 19.063 beschreibt ein Werkzeug, das den Deckel Stich für Stich aufsägte und dabei verhindern sollte, dass die Klinge in den Inhalt eintauchte. Elegant war auch das noch nicht, aber es funktionierte, und die US-Armee setzte Warners Öffner im Amerikanischen Bürgerkrieg in großem Stil ein. In Privathaushalten blieb das Gerät dagegen selten, oft öffnete der Händler die Dose gleich im Laden mit.
Den Durchbruch für die Küche brachte eine dritte Erfindergeneration. 1866 ließ J. Osterhoudt eine Dose mit vorgestanztem Deckelstreifen und Aufrollschlüssel patentieren, wie sie sich bei Fisch- und Fleischkonserven lange hielt. 1870 folgte William Lyman mit dem entscheidenden Schritt, einem Öffner mit rotierendem Schneidrad, das auf dem Deckelrand entlangläuft und ihn sauber auftrennt. Dieses Prinzip steckt bis heute in fast jedem Dosenöffner. Möglich wurde es, weil die Industrie inzwischen dünnes Weißblech verarbeitete, das einem kleinen Rad kaum Widerstand entgegensetzte. Damit passten Behälter und Werkzeug zum ersten Mal zusammen, sechs Jahrzehnte nach Durands Patent.
Übrig bleibt eine Erfindungsgeschichte in verkehrter Reihenfolge. Ein Behälter, der die Ernährung von Armeen, Seefahrern und später ganzer Städte umkrempelte, war fast ein halbes Jahrhundert lang nur mit Gewalt zu öffnen, und die Anleitung dafür stand gedruckt auf dem Blech. Wer eine Dose mit zwei Handgriffen aufdreht, benutzt die späte Antwort auf eine Frage, die sich 1810 noch niemand stellte, weil Bajonett und Hammer immer griffbereit lagen. Die Konservendose kam eben zuerst dorthin, wo Werkzeug selbstverständlich war, und brauchte deshalb 45 Jahre, um ihr wichtigstes Zubehör zu bekommen.