Kaum ein Gegenstand wirkt so selbstverständlich wie die Sonnenbrille, und kaum einer hat eine so seltsame Herkunft. Ihre Gläser stammen aus einem Forschungsprojekt der Royal Society, das 1913 nicht Strandurlauber im Blick hatte, sondern Arbeiter, die vor glühenden Glasöfen erblindeten. Zum Massenartikel wurde sie 1929 an einem Kiosk in Atlantic City, zum Symbol durch Kampfpiloten und Filmstars. Und noch um 1900 hätte niemand freiwillig dunkle Gläser getragen, denn sie bedeuteten damals: Dieser Mensch ist krank.
Wer getönte Gläser trug, galt bis ins 19. Jahrhundert als Patient. Ärzte verschrieben blaue oder grüne Brillen gegen Lichtempfindlichkeit, Syphilis und Augenleiden, Blinde trugen dunkle Gläser, um ihre Augen zu verbergen. Schutz vor grellem Licht gab es trotzdem seit Jahrtausenden, nur ohne Glas. Die Inuit schnitzten sich Schneebrillen aus Knochen oder Treibholz mit schmalen Schlitzen, die das Gleißen des Eises abhielten und die Sehschärfe sogar verbesserten. Chinesische Richter sollen im 12. Jahrhundert Rauchquarzgläser getragen haben, um ihre Gesichtszüge vor Zeugen zu verbergen. In Venedig gab es im 18. Jahrhundert grün getönte Gondelbrillen gegen die Reflexe der Lagune. Allen fehlte, was die moderne Sonnenbrille ausmacht: ein Glas, das gezielt die Strahlung herausfiltert, die dem Auge schadet, und nicht nur das Licht dämpft.
Dieses Glas entstand aus einem Arbeitsunfall in Serie. Glasbläser, die Tag für Tag in weißglühende Öfen blickten, erkrankten auffällig oft am grauen Star, dem Glasbläserstar. Die Royal Society in London setzte 1913 einen Ausschuss ein, der die Ursache finden sollte, und beauftragte den Chemiker Sir William Crookes, der schon das Element Thallium entdeckt und die Kathodenstrahlröhre entwickelt hatte. Crookes fand heraus, dass unsichtbare Ultraviolett- und Infrarotstrahlung die Augenlinse schädigt, und experimentierte mit Hunderten Glasmischungen, denen er Metalle wie Cer beimischte. Das Ergebnis waren Gläser, die fast das gesamte Ultraviolett verschluckten und trotzdem hell blieben. Die Hersteller erkannten schnell, dass sich damit mehr verdienen ließ als mit Schutzbrillen für Glashütten. Ab 1914 kamen Crookes-Gläser für die Allgemeinheit auf den Markt. Die Sonnenbrille hatte ihr Glas, aber noch keine Kundschaft.
Die Sonnenbrille wurde erst 1929 zum Massenprodukt, als der Kammfabrikant Sam Foster in Atlantic City an der Strandpromenade billige Brillen mit getönten Zelluloidgläsern verkaufte. Sein Unternehmen Foster Grant setzte auf Freizeit statt Medizin, und innerhalb weniger Jahre gehörten Sonnenbrillen zum Strandurlaub wie der Badeanzug.
Fosters Idee traf auf eine Zeit, in der Sonnenbräune plötzlich als gesund und mondän galt und Millionen Amerikaner Urlaub am Meer machten. Fast gleichzeitig verschob ein anderer Beruf das Bild der dunklen Gläser. Piloten, die in großer Höhe stundenlang in die Sonne flogen, litten unter Kopfschmerzen und Übelkeit. Das Unternehmen Bausch und Lomb entwickelte im Auftrag der US-Luftstreitkräfte grün getönte Gläser mit Metallgestell, die 1937 als Ray-Ban Aviator in den Handel kamen; der Name war Programm, die Brille sollte die Strahlen verbannen. Ein Jahr zuvor hatte Edwin Land, der spätere Gründer von Polaroid, polarisierende Filter erfunden, die Reflexe von Wasser und Straßen ausblenden. Innerhalb eines Jahrzehnts war aus dem Krankenzeichen ein Werkzeug für Helden geworden.
In den 1920er-Jahren begannen Filmstars, Sonnenbrillen zu tragen, zunächst aus Not. Die Scheinwerfer der Studios waren so grell, dass die Augen der Schauspieler tagelang schmerzten, und die Kameras der Fotografen lauerten überall. Die Brille schützte vor beidem, und sie erzeugte ein neues Bild: ein Gesicht, das man nicht lesen kann. Was früher Blinde und Kranke kennzeichnete, wurde zum Zeichen von Unnahbarkeit. Greta Garbo, Marlene Dietrich und Marilyn Monroe trugen Sonnenbrillen als Schutzschild gegen die Öffentlichkeit, und das Publikum kaufte nach. General MacArthur ließ sich 1944 mit Aviator und Maiskolbenpfeife bei der Landung auf den Philippinen fotografieren, und das Foto ging um die Welt. Die Sonnenbrille war Uniform, Maske und Mode zugleich.
1952 brachte Ray-Ban die Wayfarer heraus, das erste Modell aus Kunststoff, mit dickem schwarzem Rahmen und schräg gestellten Gläsern. Sie wurde die Brille von Jazzmusikern, Beatniks und James Dean, später von Bob Dylan, Andy Warhol und den Blues Brothers. Miles Davis, der auch nachts Sonnenbrille trug, machte sie zum Ausdruck einer Haltung: Wer die Augen verbirgt, entzieht sich der Kontrolle. Der Kulturwissenschaftler Vanessa Brown zufolge liegt genau darin die Anziehungskraft, die kein anderes Kleidungsstück hat. Die Sonnenbrille macht ihren Träger zum Beobachter, der selbst nicht beobachtet werden kann. In Ländern des Ostblocks galt sie in den 1960er-Jahren deshalb zeitweise als Zeichen westlicher Dekadenz, und junge Männer brauchten in Rumänien ein ärztliches Attest, um eine tragen zu dürfen.
Die Technik hat sich seit Crookes weiterentwickelt, das Prinzip nicht. Gute Sonnenbrillen blocken heute nahezu 100 Prozent der ultravioletten Strahlung, unabhängig von der Tönung. Dunkle Gläser ohne UV-Schutz sind gefährlicher als gar keine, weil sich die Pupille im Schatten weitet und mehr Strahlung ins Auge lässt. Phototrope Gläser, die sich im Licht von selbst verdunkeln, gehen auf Versuche der 1960er-Jahre zurück und auf die deutsche Glaschemikerin Marga Faulstich bei Schott in Mainz. Polarisationsfilter, Verspiegelung und Kunststoff statt Glas kamen hinzu. Geblieben ist die Aufgabe, die 1913 ein Chemiker für Glasbläser löste: das Auge vor dem zu schützen, was man nicht sieht.
So verbindet die Sonnenbrille drei Welten, die nichts miteinander zu tun haben: die Glashütten des Kaiserreichs, die Cockpits über dem Pazifik und die Bühnen der Jazzclubs. Sie ist medizinisches Hilfsmittel und Modeobjekt in einem, und sie ist das einzige Kleidungsstück, das ein Gesicht unlesbar macht. Wer sie im Sommer aufsetzt, trägt ein Stück Arbeitsschutz von 1913, das zufällig cool geworden ist.
Mit KI-Unterstützung erstellt
Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.