Belle Époque im Glas

Der Papst warb für einen Coca-Wein mit Kokain, das Vorbild von Coca-Cola

Der Papst warb für einen Coca-Wein mit Kokain, das Vorbild von Coca-Cola
(Symbolbild) Ab 1863 verkaufte der korsische Apotheker Angelo Mariani in Paris einen Bordeaux, dem er Cocablätter zusetzte. Der Coca-Wein enthielt Kokain und wurde zum Modegetränk der Belle Époque, sogar Papst Leo XIII. ließ sich mit ihm werben. In Atlanta kopierte ein Apotheker das Rezept, und aus seiner Nachahmung entstand Coca-Cola. Wie viel von der Coca-Pflanze bis heute in der Brause steckt, ist weniger bekannt, als der Name vermuten lässt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Papst mit Goldmedaille, eine Königin, ein Erfinder und ein Dutzend Schriftsteller lobten im 19. Jahrhundert dasselbe Getränk: einen Bordeaux, der mit Cocablättern versetzt war und Kokain enthielt. Der Vin Mariani aus Paris war das erfolgreichste Modegetränk seiner Zeit. Ein Apotheker aus Atlanta baute das Rezept nach, und als seine Stadt den Alkohol verbot, ersetzte er den Wein durch Zuckersirup und Sodawasser. So entstand Coca-Cola. Die Verbindung zwischen Coca und Cola reicht bis heute weiter, als die meisten Menschen ahnen.

Im Jahr 1863 kam ein junger Apotheker von der Insel Korsika nach Paris. Angelo Mariani hatte Berichte über die Cocapflanze aus den Anden gelesen, deren Blätter die Menschen dort seit Jahrtausenden kauen, um Hunger und Müdigkeit zu vertreiben. Mariani legte die Blätter in Bordeauxwein ein und fand heraus, dass der Alkohol den Wirkstoff aus den Blättern löste. Sein Vin Tonique Mariani à la Coca du Pérou enthielt rund sechs Milligramm Kokain pro Unze, also etwa 30 Milliliter, für den Export in die USA sogar etwas mehr, weil dort noch stärkere Konkurrenzprodukte auf den Markt drängten. Verkauft wurde der Coca-Wein als Stärkungsmittel gegen Erschöpfung, Schwermut und Grippe, empfohlen wurden zwei bis drei Gläser täglich, für Kinder die halbe Menge. Nichts davon war damals verboten, denn Kokain galt als vielversprechendes Arzneimittel, das in Darmstadt bei Merck fabrikmäßig hergestellt wurde.

Der Erfolg beruhte weniger auf dem Rezept als auf einer Werbeidee, die heute selbstverständlich wirkt und damals neu war. Mariani sammelte Zeugnisse berühmter Kunden und druckte sie in Zeitungen, Zeitschriften und aufwendig gestalteten Alben ab. Émile Zola, Jules Verne, Alexandre Dumas, Thomas Edison, Königin Victoria, der US-Präsident William McKinley und der ehemalige Präsident Ulysses S. Grant gehörten zu den Namen, mit denen der Coca-Wein beworben wurde. Sarah Bernhardt, die größte Schauspielerin ihrer Zeit, erschien mit Bild in den Anzeigen. Es war vielleicht die erste Werbekampagne mit Prominenten in der Geschichte, und ihr größter Coup kam aus dem Vatikan.

Warum Papst Leo XIII. einem Kokainwein eine Goldmedaille verlieh

Papst Leo XIII. verlieh Angelo Mariani eine Goldmedaille, weil er den Coca-Wein regelmäßig trank und ihn als Stärkung in seinen späten Jahren schätzte. Er erlaubte zudem, sein Bild in der Werbung zu verwenden. Damit wurde ein Kirchenoberhaupt zum Aushängeschild für ein Getränk mit Kokain, das seinerzeit als harmloses Tonikum galt.

Leo XIII. amtierte von 1878 bis 1903 und starb im Alter von 93 Jahren. Nach zeitgenössischen Berichten half ihm der Wein gegen Schlaflosigkeit, und Mariani nutzte die lange Lebensdauer des Papstes als Beleg für die Kraft seines Produkts. Auch die Nachfolger Pius X. und Benedikt XV. sollen sich lobend geäußert haben, und der Großrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, ließ sich mit einem Scherz zitieren, seine Bekehrung sei nun vollständig. Wer heute darüber lächelt, übersieht, dass Kokain in den 1880er-Jahren als Wundermittel gehandelt wurde. Sigmund Freud veröffentlichte 1884 seine Schrift Über Coca und empfahl die Substanz gegen Depressionen und Morphiumsucht. Augenärzte entdeckten sie als erstes wirksames Betäubungsmittel für Operationen. Die Schattenseite, die Abhängigkeit, wurde erst nach und nach sichtbar, und die ersten Warnungen kamen ausgerechnet von Ärzten, die Patienten mit Kokain von der Morphiumsucht hatten heilen wollen.

In Atlanta kopierte ein morphiumsüchtiger Apotheker das Rezept

Der Vin Mariani hatte zahllose Nachahmer, doch einer von ihnen veränderte die Welt. John Stith Pemberton, Apotheker in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, war im Bürgerkrieg verwundet worden und seither von Morphium abhängig. Auf der Suche nach einem Ersatz mischte er 1885 nach dem Pariser Vorbild einen eigenen Coca-Wein, den er French Wine Coca nannte. Als einzigen wesentlichen Unterschied fügte er Extrakt der afrikanischen Kolanuss hinzu, die Koffein enthält. Das Getränk verkaufte sich gut, bis Atlanta und das umliegende Fulton County 1886 ein Alkoholverbot einführten. Pemberton musste den Wein streichen. Er ersetzte ihn durch Zuckersirup, mischte den Sirup mit Sodawasser und bot das Ergebnis als alkoholfreies Nervenstärkungsmittel an. Der Name kam von den beiden Hauptzutaten: Coca-Cola. Pemberton starb bereits 1888 und erlebte den Aufstieg seiner Marke nicht mehr. Die Rechte gingen für wenige Tausend Dollar an den Geschäftsmann Asa Candler, der aus dem Apothekersirup ein Massengetränk machte.

Wie viel Kokain wirklich in der frühen Coca-Cola steckte

Um die Menge des Kokains in der frühen Coca-Cola ranken sich Legenden. Der Historiker Mark Pendergrast, der die Firmengeschichte aufgearbeitet hat, kommt auf wenige Milligramm pro Glas, deutlich weniger als in einem Glas Vin Mariani und weit entfernt von einer heutigen Konsumdosis. Spürbar war der Effekt trotzdem, und die Brause wurde als Muntermacher verkauft. Um die Jahrhundertwende geriet Kokain zunehmend in Verruf, auch weil es in den Südstaaten mit rassistisch aufgeladenen Ängsten verknüpft wurde. Etwa ab 1903 stellte das Unternehmen auf sogenannte verbrauchte Cocablätter um, denen das Kokain zuvor entzogen worden war. Das Aroma der Pflanze blieb erhalten, der Wirkstoff verschwand. 1914 verbot der Harrison Narcotics Act in den USA den freien Verkauf von Kokain, und der Vin Mariani, der in Frankreich noch länger erhältlich war, verschwand nach dem Tod seines Erfinders 1914 allmählich vom Markt.

Die Coca-Pflanze steckt bis heute in Coca-Cola

Was viele nicht wissen: Cocablätter gehören nach wie vor zum Rezept. Coca-Cola bezieht nach übereinstimmenden Berichten bis heute einen Extrakt aus Cocablättern, aus denen das Kokain zuvor in einem chemischen Verfahren entfernt wurde. Die Verarbeitung übernimmt in den USA ein Unternehmen mit einer Sondergenehmigung der Drogenbehörde, das abgetrennte Kokain wird an die Pharmaindustrie abgegeben, wo es weiterhin als örtliches Betäubungsmittel Verwendung findet. Der Konzern selbst hält sich mit Angaben zu seiner Rezeptur zurück, bestreitet den Zusammenhang aber nicht. Damit lebt in jeder Flasche ein Rest jener Pflanze weiter, die im 19. Jahrhundert einen Papst, eine Königin und halb Paris begeisterte. Die Geschichte des Getränks erzählt auch eine Darstellung des Magazins Discover.

Die Karriere des Coca-Weins ist ein Lehrstück darüber, wie schnell sich die Bewertung eines Stoffes ändern kann. Was 1880 als Medizin galt, war 1920 ein Verbrechen. Übrig geblieben ist eine Brause, deren Name noch immer die Pflanze nennt, deren Wirkstoff man ihr nahm, und ein Werbeprinzip, das Mariani erfand: das Gesicht eines Berühmten neben einem Produkt. Dass dieses Gesicht einmal das eines Papstes war, der mit einer Goldmedaille für einen Kokainwein dankte, gehört zu den Kapiteln, die in der Firmengeschichte von Coca-Cola nicht auf der ersten Seite stehen.

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