Am Morgen des 22. August 1911 bemerkte ein Maler im Salon Carré des Louvre, dass an der Wand nur noch vier Eisenhaken hingen. Die Mona Lisa war fort, und niemand hatte den Diebstahl bemerkt. Zwei Jahre lang blieb das Bild verschwunden, Ermittler verhörten prominente Verdächtige, und die Zeitungen Europas füllten Titelseiten. Als das Gemälde 1913 in Florenz wieder auftauchte, war es ein anderes Bild als vorher. Nicht auf der Holztafel, sondern in der Wahrnehmung der Welt.
Vincenzo Peruggia wurde am 8. Oktober 1881 in Dumenza in der norditalienischen Provinz Varese geboren und zog 1908 nach Paris. Er arbeitete als Anstreicher und Glaser und war zeitweise im Louvre beschäftigt, unter anderem beim Reinigen und Neurahmen von Gemälden sowie beim Bau von Schutzkästen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war er an der Anfertigung des Kastens beteiligt, in dem die Mona Lisa hing. Er wusste also, wie sich die Konstruktion in wenigen Minuten öffnen ließ, er kannte die Säle, die Treppenhäuser und die Abläufe. Vor allem kannte man ihn dort, was im Museumsbetrieb jener Jahre wichtiger war als jede Zugangskontrolle.
Die Sicherheitslage im Louvre war nach heutigen Maßstäben kaum vorhanden. Der Eintritt war frei, viele Säle blieben unbewacht, Fotografen durften Werke eigenständig abhängen, und an Montagen, wenn das Museum für das Publikum geschlossen war, liefen Handwerker in Arbeitskitteln durch die Räume. Ein Mann mit weißem Kittel und einem Gemälde unter dem Arm fiel in dieser Umgebung niemandem auf. Hinzu kam, dass die Mona Lisa im Jahr 1911 zwar in Fachkreisen hoch geschätzt war, aber kein Publikumsmagnet. Sie hing als ein Werk unter vielen italienischen Renaissancebildern im Salon Carré, ohne Absperrung, ohne eigenen Raum und ohne die Menschenmenge, die heute davorsteht.
Am Montag, dem 21. August 1911, nahm Vincenzo Peruggia die Mona Lisa im menschenleeren Salon Carré von der Wand. Im Treppenhaus löste er die Holztafel aus Rahmen und Schutzglas und ließ beides zurück. Das Bild trug er unter seiner Arbeitskleidung aus dem Louvre. Bemerkt wurde das Fehlen erst am folgenden Tag.
Die Ermittlungen begannen chaotisch. Die Grenzen wurden geschlossen, Schiffe durchsucht, das Museum tagelang gesperrt. Ein Fahndungsfoto des Gemäldes ging um die Welt, gedruckt in Auflagen, die kein Kunstwerk zuvor erreicht hatte. Verdächtigt wurde eine Reihe von Personen aus dem Pariser Kunstbetrieb, darunter der Dichter Guillaume Apollinaire, der tatsächlich verhaftet wurde, sowie Pablo Picasso, den die Polizei verhörte. Beide hatten mit dem Diebstahl nichts zu tun, beide kamen frei, und beide trugen mit ihren Namen dazu bei, dass die Geschichte monatelang in den Zeitungen blieb. Der eigentliche Täter arbeitete in dieser Zeit weiter in Paris und bewahrte das Bild in seiner Wohnung auf, zeitweise in einem doppelten Boden eines Koffers.
Peruggia hinterließ am Tatort Fingerabdrücke, sowohl auf einer Glasscheibe als auch auf einer Türklinke. Seine Abdrücke waren in Frankreich seit 1909 registriert. Trotzdem führte das zu nichts, weil die französische Polizei damals nach dem System der Bertillonage arbeitete. Dieses Verfahren identifizierte Personen anhand von Körpermaßen wie Kopfbreite, Ohrlänge und Armspanne, und die Karteikästen waren nach eben diesen Maßen sortiert. Ein vorhandener Fingerabdruck ließ sich in einem solchen Bestand nicht gezielt suchen, weil die Ordnung des Archivs die falsche Frage beantwortete. Der Fall gilt seither als eines der Argumente, die den Übergang zur daktyloskopischen Erfassung beschleunigten.
Die Spurensicherung an Oberflächen hat sich seitdem grundlegend verändert, bis hin zu Verfahren, bei denen Nanopartikel Fingerabdrücke besser sichtbar machen. Für die Ermittler von 1911 galt das nicht. Sie befragten mehr als 250 Museumsmitarbeiter, darunter auch Peruggia, der zweimal vernommen wurde und ein Alibi angab, das niemand ernsthaft prüfte. Er stand auf einer Liste von Handwerkern, die am Schutzkasten gearbeitet hatten. Die Liste existierte, sie wurde erstellt, und sie führte trotzdem nicht zu ihm. Das Bild blieb 28 Monate verschwunden.
Im Herbst 1913 schrieb Peruggia an den Kunsthändler Alfredo Geri in Florenz und bot ihm das Gemälde an. Er verlangte eine Summe für seine Auslagen und knüpfte die Übergabe an die Bedingung, dass das Werk in Italien bleibe. Geri zog den Direktor der Uffizien hinzu, beide bestätigten die Echtheit, und die Polizei nahm Peruggia im Dezember 1913 in seinem Hotelzimmer fest. Vor Gericht berief er sich auf patriotische Motive: Das Bild sei von Napoleon aus Italien geraubt worden und gehöre zurück. Dieser Punkt beruhte auf einem Irrtum. Leonardo da Vinci hatte die Tafel selbst nach Frankreich gebracht, das Werk gelangte noch im 16. Jahrhundert in den Besitz von König Franz I. und wurde nie erbeutet.
In Italien wurde Peruggia trotzdem als Nationalheld gefeiert. Das erste Urteil lautete auf mehr als ein Jahr Haft, in zweiter Instanz wurde die Strafe auf sieben Monate und acht Tage reduziert. Da er diese Zeit bereits in Untersuchungshaft verbracht hatte, verließ er das Gericht als freier Mann. Anschließend diente er im Ersten Weltkrieg in der italienischen Armee, kehrte danach nach Frankreich zurück, eröffnete eine Lackiererei, heiratete und bekam eine Tochter. Er starb am 8. Oktober 1925 an seinem 44. Geburtstag an einer Bleivergiftung. Das Gemälde selbst wurde vor der Rückgabe wochenlang in italienischen Museen gezeigt und ging Ende 1913 an den Musée du Louvre in Paris zurück.
Der eigentliche Kern dieser Geschichte liegt nicht im Diebstahl, sondern in seiner Wirkung. Vor 1911 war die Mona Lisa ein bedeutendes Werk unter mehreren im selben Saal. Nach dem 21. August 1911 stand ihr Bild auf Titelseiten in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten, auf Postkarten, in Karikaturen und in Werbeanzeigen. Besucher kamen in den Louvre, um die leere Stelle zu sehen, und stellten sich vor vier Eisenhaken an. Als das Gemälde 1914 wieder an seinem Platz hing, war es nicht mehr dasselbe Objekt in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern das bekannteste Gemälde der Welt.
Damit steht der Fall für einen Mechanismus, der sich in der Kunstgeschichte selten so klar nachzeichnen lässt: Bekanntheit entsteht nicht allein aus Qualität, sondern aus Erzählbarkeit. Ein Werk, über das zwei Jahre lang jeden Tag gerätselt wird, sammelt eine Aufmerksamkeit an, die kein Katalog und keine Ausstellung erzeugen kann. Peruggia wollte das Bild nach Italien zurückholen und erreichte das Gegenteil, denn er machte es endgültig zum Symbol des Louvre. Heute hängt die Mona Lisa hinter Panzerglas in einem eigenen Saal, gesichert und einzeln beleuchtet, und die vier Haken von damals sind der Grund dafür.