Der Himalaya ist rund 2.400 Kilometer lang, die Anden bringen es auf etwa 7.000. Das längste Gebirge der Welt schlägt beide um ein Vielfaches: Der Mittelozeanische Rücken windet sich rund 65.000 Kilometer durch alle Ozeane, und fast nirgends ragt er über die Wasseroberfläche. In seiner Mitte klafft ein Tal, in dem die Erde auseinanderbricht. Dass es dieses Tal gibt, entdeckte eine Zeichnerin am Schreibtisch, und ihr Chef nannte den Fund zunächst Mädchengeschwätz.
Wer den Atlantik überquert, fährt über ein Gebirge hinweg, ohne es zu bemerken. Unter dem Kiel liegen zunächst die Tiefseeebenen mit vier bis fünf Kilometern Wassertiefe, dann steigt der Boden an, bis die Gipfel des Mittelatlantischen Rückens nur noch etwa 2.500 Meter unter der Oberfläche liegen. Der Rücken zieht sich von der Arktis bis in die Antarktis und setzt sich um Afrika herum, durch den Indischen Ozean und den Pazifik fort. Zusammen bildet dieses System das längste Gebirge der Welt, ein Band aus vulkanischen Bergen, das die Erde wie die Naht eines Baseballs umschließt. Über Wasser kommt es nur an wenigen Stellen, am eindrucksvollsten auf Island, das genau auf dem Rücken sitzt und deshalb von Vulkanen und heißen Quellen durchzogen ist. Dort lässt sich in der Schlucht von Þingvellir sogar zu Fuß durch die Spalte gehen, an der sich Nordamerika und Europa voneinander entfernen.
Dass es sich um ein zusammenhängendes Gebirge handelt, wusste bis Mitte des 20. Jahrhunderts niemand. Schon 1853 hatte der amerikanische Ozeanograf Matthew Fontaine Maury aus Lotungen geschlossen, dass in der Mitte des Atlantiks ein Rücken liegt, und die Verlegung der ersten Telegrafenkabel bestätigte es. Wie diese Erhebung aussah und was sie bedeutete, blieb jedoch offen, weil kaum jemand den Meeresboden systematisch kartierte. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Echolot die Tiefenmessung revolutionierte. Und es änderte sich, weil an der Columbia University in New York eine Geologin saß, die aus Tausenden Messwerten Linien zeichnete und dabei etwas sah, das nicht sein durfte.
Das längste Gebirge der Welt ist in seiner Mitte aufgerissen, weil dort neue Erdkruste entsteht. Entlang des Mittelozeanischen Rückens driften die Platten auseinander, aus der Tiefe steigt Magma auf, erstarrt und bildet neuen Meeresboden. Das zentrale Tal des Rückens ist die Nahtstelle dieses Vorgangs, und deshalb häufen sich dort Erdbeben und Vulkane.
Der Vorgang heißt Ozeanbodenspreizung. Am Mittelatlantischen Rücken wächst der Boden um etwa zwei Zentimeter pro Jahr, im Pazifik an manchen Stellen deutlich schneller. Was so entsteht, ist immer neues, junges Gestein, weshalb der Meeresboden nirgends älter als rund 180 Millionen Jahre ist, während die Kontinente Gesteine von mehreren Milliarden Jahren tragen. An anderen Stellen der Erde taucht alte ozeanische Kruste wieder in den Erdmantel ab, in den Tiefseegräben vor Japan oder Südamerika. Der Kreislauf hält die Erdoberfläche in Bewegung und erklärt, warum die Küsten Südamerikas und Afrikas so gut zueinanderpassen. Genau diese Passform hatte der deutsche Geophysiker Alfred Wegener 1912 als Beleg für seine Theorie der Kontinentaldrift angeführt. Er konnte aber keinen Mechanismus nennen, und deshalb galt seine Idee jahrzehntelang als Spinnerei. Den fehlenden Beleg lieferte das Tal im Rücken.
Marie Tharp hatte Geologie studiert, weil im Krieg Frauen für Stellen zugelassen wurden, die sonst Männern vorbehalten waren. Ab 1948 arbeitete sie am Lamont-Observatorium der Columbia University und wertete die Echolotdaten aus, die ihr Kollege Bruce Heezen auf Forschungsschiffen sammelte. Frauen durften damals nicht mit an Bord. Tharp zeichnete aus Tausenden Messpunkten sechs Profile quer durch den Nordatlantik, und 1952 fiel ihr auf, dass jedes dieser Profile in der Mitte des Rückens dieselbe Kerbe zeigte. Die Berge stimmten nicht überein, die Kerbe schon. Tharp deutete sie als Grabenbruch, wie man ihn aus Ostafrika kannte: ein Tal, in dem die Erde auseinanderweicht. Heezen stöhnte, es sehe zu sehr nach Kontinentaldrift aus, und tat den Befund als Mädchengeschwätz ab. Er ließ sie alles neu zeichnen. Das Tal blieb. Erst als ein anderer Assistent die Epizentren von Meeresbeben kartierte und diese exakt in Tharps Tal fielen, war Heezen überzeugt. Als er die Ergebnisse 1957 in Princeton vorstellte, sagte ihm ein Kollege, er habe die Grundfesten der Geologie erschüttert. Tharps Name fehlte in den ersten Veröffentlichungen.
Nicht alle glaubten den Karten. Der französische Meeresforscher Jacques Cousteau hielt das Tal für eine Erfindung und zog 1959 eine Kamera über den Mittelatlantischen Rücken, um das Gegenteil zu beweisen. Seine Aufnahmen zeigten steile schwarze Klippen, frische Lavakissen und den Grabenbruch, genau dort, wo Tharp ihn gezeichnet hatte. Er präsentierte die Bilder noch im selben Jahr auf dem ersten Internationalen Ozeanografischen Kongress, und damit war die Existenz des Tals nicht mehr zu bestreiten. Wenige Jahre später formulierte der Geologe Harry Hess die Theorie der Ozeanbodenspreizung, aus der bis Ende der 1960er-Jahre die Plattentektonik hervorging. Was Wegener 1912 behauptet und nicht erklären konnte, hatte seinen Mechanismus gefunden.
Die berühmteste Darstellung des Rückens entstand 1977. Tharp und Heezen ließen ihre Daten von dem österreichischen Maler Heinrich Berann in ein Panorama des gesamten Weltmeeresbodens umsetzen, das die US-Marine veröffentlichte. Berann war der Erfinder der gemalten Skipanoramen, wie sie bis heute in den Alpen hängen, und seine Karte zeigte den Rücken zum ersten Mal als das, was er ist: ein durchgehendes Gebirge mit einem Tal in der Mitte, das den Planeten umspannt. Heezen starb im selben Jahr an Bord eines Forschungsschiffs vor Island, die Druckfahnen der Karte hatte er noch bei sich. Tharp arbeitete bis 1983 am Observatorium und wurde erst spät für ihren Anteil an der Entdeckung geehrt. Sie starb 2006.
Wer heute durch die Schlucht von Þingvellir geht, steht in dem Tal, das Tharp in ihren Profilen fand. Links die amerikanische, rechts die eurasische Platte, dazwischen schwarzer Basalt und glasklares Wasser, das die Spalte füllt. Jedes Jahr wird der Weg um wenige Zentimeter breiter. Was hier sichtbar ist, setzt sich unter dem Meer über 65.000 Kilometer fort, hinter jeder Küste und unter jedem Ozean, das längste Gebirge der Welt, das niemand sah, bis eine Zeichnerin darauf bestand, dass ihre Kerbe echt war.
Mit KI-Unterstützung erstellt
Wählen Sie Forschung und Wissen bei Google als bevorzugte Quelle oder folgen Sie uns per RSS-Feed.