Als die Erde bebte

Das Erdbeben von Lissabon 1755 erschütterte den Glauben ganz Europas

Das Erdbeben von Lissabon 1755 erschütterte den Glauben ganz Europas
(Symbolbild) Am Morgen des 1. November 1755, dem Allerheiligentag, brach in Lissabon innerhalb von Minuten die Erde auf, danach kam das Meer und dann das Feuer. Bis zu 60.000 Menschen starben in einer der reichsten Städte Europas. Die Katastrophe veränderte die Wissenschaft, das Bauen und das Denken: Philosophen von Voltaire bis Kant fragten, wie ein gütiger Gott dies zulassen konnte. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Um 9.40 Uhr am Morgen des 1. November 1755 füllten sich in Lissabon die Kirchen zum Hochamt für Allerheiligen, als der Boden zu beben begann. Drei Stöße in zehn Minuten brachten Kirchen, Paläste und die Königliche Bibliothek zum Einsturz. Wer zum Hafen floh, sah das Meer zurückweichen und Minuten später als Flutwelle zurückkehren. Dann brannte die Stadt fünf Tage. Bis zu 60.000 Menschen starben. Das Erdbeben von Lissabon war die größte Katastrophe der Neuzeit, und seine Folgen reichten von der Geburt der Erdbebenforschung bis zu Voltaire und Kant.

Lissabon war 1755 eine der reichsten Städte der Welt. Gold und Diamanten aus Brasilien flossen in die Paläste am Tejo, die Stadt zählte rund 200.000 Einwohner, und ihr Hafen war ein Umschlagplatz zwischen Europa, Afrika und Amerika. König José I. hatte mit seinem Hof die Stadt an jenem Morgen verlassen, um in Belém die Messe zu hören, und verdankte dem seinen Anschein nach das Leben. Das Beben, dessen Stärke Seismologen heute auf 8,5 bis 9 schätzen, hatte seinen Ursprung etwa 200 Kilometer südwestlich im Atlantik. Es war in Finnland und Nordafrika zu spüren, ließ Seen in Schottland und der Schweiz schwappen und schickte Tsunamis bis nach Cornwall, Marokko und in die Karibik. In Lissabon rissen die Stöße Spalten in die Straßen, in die Menschen fielen, und die schweren Kirchengewölbe begruben die Gläubigen unter sich.

Wer die ersten Minuten überlebte, floh auf die offenen Kais am Fluss. Dort erlebten die Menschen, wie das Wasser sich zurückzog und den Boden des Tejo freilegte, bevor eine Welle von sechs Metern die Uferzone überrollte und Tausende mitriss. Die Kerzen der Allerheiligenmessen entzündeten in den Trümmern Feuer, die sich zu einem Brand vereinigten, der fünf Tage wütete und vernichtete, was das Beben stehen gelassen hatte: die Opernhaus, die Bibliothek mit 70.000 Bänden, die Berichte von Vasco da Gamas Fahrten und die Gemälde von Rubens und Tizian im Königspalast.

Wie das Erdbeben von Lissabon die Wissenschaft veränderte

Das Erdbeben von Lissabon veränderte die Wissenschaft, weil der Premierminister Sebastião José de Carvalho e Melo, der spätere Marquês de Pombal, an alle Pfarreien des Landes einen Fragebogen schickte: Wann begann das Beben, wie lange dauerte es, wie verhielt sich das Meer, was stürzte ein. Die Antworten waren die erste systematische Erhebung eines Erdbebens und gelten als Beginn der Seismologie.

Pombal handelte, während der König noch in einem Zelt saß. Nach einer überlieferten Antwort auf die Frage, was nun zu tun sei, sagte er: die Toten begraben und die Lebenden versorgen. Er ließ Leichen auf Schiffe laden und im Meer versenken, um Seuchen zu verhindern, ließ Plünderer hängen und Lebensmittelpreise einfrieren. Innerhalb eines Jahres begann der Wiederaufbau der Unterstadt nach einem Rasterplan mit breiten Straßen und Gebäuden, deren Holzgerüst, die Gaiola, Erschütterungen abfängt; Ingenieure testeten die Konstruktion, indem sie Truppen um Modelle marschieren ließen. Die Baixa Pombalina gilt als erstes erdbebensicheres Stadtviertel der Welt. Pombal nutzte die Krise, um seine Macht auszubauen, den Adel zu entmachten und die Jesuiten zu vertreiben, die das Beben als Strafe Gottes gepredigt hatten.

Voltaire, Kant und die Frage nach Gott

Die größte Erschütterung fand in den Köpfen statt. Wenn ein gütiger Gott die Welt lenkte, warum ließ er ausgerechnet am Allerheiligentag die Kirchen einer frommen Stadt über den Gläubigen einstürzen, während die Bordelle am Hafen stehen blieben? Voltaire schrieb 1756 sein Gedicht über das Unglück von Lissabon und verspottete drei Jahre später in Candide die Lehre des Philosophen Leibniz, wir lebten in der besten aller möglichen Welten. Rousseau antwortete, nicht Gott, sondern die Menschen hätten das Unheil verschuldet, indem sie 20.000 Häuser eng aufeinander bauten. Der junge Immanuel Kant veröffentlichte in Königsberg drei Aufsätze über die Ursachen von Erdbeben und suchte sie in der Erde statt im Himmel. Goethe, sechs Jahre alt, erinnerte sich später an das Beben als ersten Riss in seinem Kinderglauben. Die Aufklärung fand in Lissabon ihr Argument.

Was von 1755 blieb

Die Ruine des Karmeliterklosters Convento do Carmo steht bis heute ohne Dach über der Stadt, als Mahnmal, das nie wiederaufgebaut wurde. Unter der Baixa liegen die Fundamente einer Stadt, die an einem Vormittag verschwand. Und in der Wissenschaft lebt der Fragebogen Pombals in jedem Erdbebenbericht weiter, in dem Menschen beschreiben, was sie gespürt haben. Lissabon erlebte an jenem 1. November das Ende einer Gewissheit: dass die Erde unter den Füßen fest sei und der Himmel die Frommen schütze. Beides hat sich seither nicht wieder eingestellt.

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