Rinde gegen das Fieber

Chinin: Die bittere Rinde aus den Anden, um die Weltreiche kämpften

Chinin: Die bittere Rinde aus den Anden, um die Weltreiche kämpften
(Symbolbild) Die Rinde des Chinarindenbaums aus den Anden war jahrhundertelang das einzige wirksame Mittel gegen Malaria, und wer sie besaß, konnte Kolonien halten, Armeen bewegen und Kontinente erobern. Um Samen und Setzlinge wurde geschmuggelt, gelogen und gestorben. Ohne den bitteren Wirkstoff Chinin gäbe es weder Gin Tonic noch die ersten synthetischen Farben, und ein Weltkrieg wäre anders verlaufen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Jahrhundertelang starben Menschen an Malaria, und es gab genau ein Mittel, das half: das bittere Pulver aus der Rinde eines Baumes, der nur an den Osthängen der Anden wuchs. Wer die Rinde hatte, konnte Soldaten in die Tropen schicken, Kolonien halten und Kanäle bauen. Wer sie nicht hatte, verlor. Um diesen Baum wurde geschmuggelt, gefälscht und gestorben, ein Schmuggler bekam für seine Samen ein paar Pfund, aus denen ein Weltmonopol wuchs. Die Geschichte des Chinins ist die Geschichte einer Medizin, die Weltreiche baute.

Um 1630 lernten spanische Jesuiten in Peru von den Einheimischen, dass die Rinde des Baumes, den sie Quina-Quina nannten, gegen das Wechselfieber half. Sie brachten das Pulver nach Europa, wo Malaria von den Sümpfen Roms bis in die Niederlande verbreitet war. Als Jesuitenpulver wurde es in katholischen Ländern zum Wundermittel, in protestantischen zum Teufelszeug; Oliver Cromwell soll 1658 an Malaria gestorben sein, weil er das papistische Pulver verweigerte. Ein englischer Quacksalber namens Robert Talbor verkaufte es als Geheimrezept an König Karl II. und den französischen Hof und wurde reich. Der Baum bekam 1742 von Linné den Namen Cinchona, nach einer Gräfin, die angeblich damit geheilt worden war, eine Geschichte, die sich später als Erfindung herausstellte. Was die Rinde wirksam machte, wusste niemand.

1820 isolierten die Pariser Apotheker Pierre Pelletier und Joseph Caventou den Wirkstoff und nannten ihn Chinin. Von nun an ließ sich die Dosis bemessen, und der Bedarf explodierte. Frankreich schickte in den 1830er-Jahren Armeen nach Algerien, Großbritannien verwaltete Indien, in dem Malaria jedes Jahr Millionen infizierte. Die Rinde kam ausschließlich aus Südamerika, wo Sammler die Bäume fällten, um sie zu schälen, und die Regierungen von Peru, Bolivien und Ecuador die Ausfuhr von Samen bei Todesstrafe verboten. Europa hing an einem Rohstoff, den es nicht kontrollierte.

Wie Chinin zum Monopol der Niederländer wurde

Chinin wurde zum Monopol der Niederländer, weil der britische Händler Charles Ledger 1865 mit Hilfe seines bolivianischen Dieners Manuel Incra Mamani Samen einer besonders wirkstoffreichen Art aus Bolivien schmuggelte. Die Briten lehnten den Kauf ab, die Niederländer zahlten wenige Gulden und pflanzten die Samen auf Java. Um 1930 lieferte Java über 90 Prozent des Chinins der Welt.

Mamani bezahlte den Schmuggel mit dem Leben: Er wurde in Bolivien verhaftet, geschlagen und starb kurz darauf. Ledger erhielt für die Samen, aus denen ein Weltmonopol wuchs, umgerechnet ein paar Hundert Pfund und starb verarmt in Australien. Die Plantagen auf Java machten Chinin billig und verfügbar, und die europäischen Mächte nutzten es, um Afrika zu erobern, das bis dahin als Grab des weißen Mannes galt. Beim Bau des Panamakanals nahmen Arbeiter täglich Chinin, in Indien mischten britische Offiziere das bittere Pulver mit Zucker, Wasser und Gin, um es hinunterzubekommen: der Gin Tonic war geboren, und Tonic Water enthält bis heute eine kleine Menge Chinin, die im Schwarzlicht blau leuchtet.

Ein Fehlversuch mit Chinin erfand die Farbenindustrie

Der Wunsch, den Wirkstoff künstlich herzustellen, hatte eine unerwartete Folge. 1856 versuchte der 18-jährige William Perkin in London, Chinin aus Steinkohlenteer zu synthetisieren. Er scheiterte, fand in seinem Reagenzglas aber einen violetten Farbstoff, das Mauvein, und gründete die erste Fabrik für synthetische Farben. Aus diesem Zufall entstand die chemische Industrie, aus der später Bayer, BASF und die Pharmakonzerne hervorgingen. Chinin selbst ließ sich erst 1944 künstlich herstellen, in einem Verfahren, das für die Massenproduktion viel zu aufwendig war.

Warum Chinin im Zweiten Weltkrieg zur Kriegsware wurde

Als Japan 1942 Java besetzte, verloren die Alliierten über Nacht ihre wichtigste Quelle. Die Vorräte reichten für Monate, in den Tropen des Pazifiks fielen mehr amerikanische Soldaten der Malaria zum Opfer als den japanischen Waffen. Die USA sammelten Rinde in Südamerika, wo die Bäume seit einem Jahrhundert kaum noch geschält worden waren, und trieben die Entwicklung synthetischer Ersatzstoffe voran: Chloroquin, das deutsche Chemiker bei Bayer bereits 1934 entwickelt hatten, und Atebrin, das die Haut gelb färbte. Nach dem Krieg verdrängten diese Mittel das Chinin, bis Resistenzen es in den 1980er-Jahren teilweise zurückbrachten. Heute stammt der wichtigste Wirkstoff gegen Malaria aus einer chinesischen Pflanze, dem Beifuß, doch Chinin wird noch immer eingesetzt, wenn nichts anderes wirkt.

Ein Baum an den Hängen der Anden bestimmte damit drei Jahrhunderte lang, wer in den Tropen leben, kämpfen und herrschen konnte. Er machte Jesuiten zu Ärzten, einen Diener zum Märtyrer, einen Chemiker zum Farbenfabrikanten und britische Offiziere zu Gin-Trinkern. Das Bittere in jedem Tonic Water ist der Rest dieser Geschichte.

Spannend & Interessant
VGWortpixel