Chinas Bambusbär

Bis 1869 hatte kein Europäer je einen Großen Panda gesehen

Bis 1869 hatte kein Europäer je einen Großen Panda gesehen
(Symbolbild) Der Große Panda lebt in den Bergwäldern Südwestchinas und ernährt sich fast ausschließlich von Bambus. Außerhalb Chinas wusste bis 1869 niemand, dass es dieses Tier gibt, und erst 1936 erreichte der erste lebende Panda den Westen. Zwischen diesen Daten liegt eine Jagd, an der auch die Söhne eines US-Präsidenten beteiligt waren. Warum das Tier heute als Geschenk und als Leihgabe zwischen Staaten reist, hat mit dieser Geschichte zu tun. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Große Panda ist heute eines der bekanntesten Tiere der Welt, sein Gesicht steht auf dem Logo des WWF und auf Millionen Kuscheltieren. Dabei war er bis 1869 außerhalb Chinas völlig unbekannt. Kein europäisches Museum besaß ein Fell, keine Beschreibung erwähnte einen schwarz-weißen Bären. Dann brachte ein Jäger einem französischen Missionar ein Fell, und die Jagd begann. Sie endete erst 1936, als eine Witwe aus New York ein Pandababy in einem Weidenkorb aus China schmuggelte.

Der Große Panda lebt in einem Gebiet, das kleiner ist als viele deutsche Bundesländer: in den Bergwäldern der Provinz Sichuan und angrenzender Regionen im Südwesten Chinas, in Höhen zwischen 1.500 und 3.000 Metern, wo Bambus dicht wächst. Dort verbringt er den größten Teil des Tages mit Fressen, denn Bambus ist so nährstoffarm, dass ein ausgewachsenes Tier täglich zwölf bis 38 Kilogramm davon braucht. Sein Verdauungssystem ist das eines Fleischfressers, und trotzdem hat er sich fast vollständig auf eine Pflanze festgelegt. Diese Lebensweise, die Abgeschiedenheit der Täler und die Scheu des Tieres erklären, warum der Panda so lange verborgen blieb. In chinesischen Quellen taucht er nur vereinzelt und unter verschiedenen Namen auf, und Reisende aus dem Westen bekamen ihn schlicht nicht zu Gesicht.

Das änderte sich am 11. März 1869. Der französische Lazaristenpater Armand David, der als Missionar in China lebte und nebenbei Hunderte Tier- und Pflanzenarten für das Naturkundemuseum in Paris sammelte, erhielt in Baoxing in Sichuan von einem Jäger das Fell eines jungen Pandas. David schrieb begeistert an den Zoologen Alphonse Milne-Edwards in Paris, er habe diese Art in keinem Museum Europas gesehen, sie sei vielleicht neu für die Wissenschaft. Wenig später besorgte ihm ein Jäger zwei weitere Tiere, und die Felle gingen nach Paris, wo sie bis heute liegen. Milne-Edwards ordnete das Tier zunächst den Kleinbären zu, den Verwandten des Waschbären. Die Frage, ob der Panda ein Bär ist, sollte die Zoologie mehr als ein Jahrhundert beschäftigen.

Warum der Große Panda so lange unentdeckt blieb

Der Große Panda blieb außerhalb Chinas bis 1869 unbekannt, weil er nur in abgelegenen, nebligen Bergwäldern Sichuans lebt, als Einzelgänger dichten Bambus kaum verlässt und Menschen meidet. Westliche Reisende drangen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in diese Täler vor, und auch dann sahen sie meist nur Felle, die einheimische Jäger mitbrachten.

Nach Davids Fund setzte ein Wettlauf ein. Museen in Europa und Amerika wollten ein eigenes Exemplar, und Expeditionen aus Russland, Deutschland, Großbritannien und den USA suchten in Sichuan nach dem Tier. Jahrzehntelang gelang es keinem Ausländer, einen Panda selbst zu erlegen, geschweige denn lebend zu fangen. Das Tier wurde zu einer Art Trophäe der Naturkunde, ein Beweis, dass es noch unentdeckte große Säugetiere gab. Wer ihn brachte, konnte mit Ruhm rechnen. Es waren schließlich zwei Männer mit sehr bekanntem Namen, die diesen Ruhm einstrichen.

1929 schossen die Söhne eines US-Präsidenten den ersten Panda

Kermit und Theodore Roosevelt junior, die Söhne des früheren Präsidenten Theodore Roosevelt, waren schon 1925 für das Field Museum in Chicago durch Zentralasien gereist. Ende 1928 brachen sie erneut auf, diesmal mit dem erklärten Ziel, einen Großen Panda zu erlegen. Am 13. April 1929 gelang es ihnen mit Hilfe einheimischer Führer in Sichuan, ein Tier zu erschießen; beide Brüder feuerten nach eigener Darstellung gleichzeitig. Der Panda wurde präpariert und in Chicago ausgestellt, und die Nachricht löste weitere Expeditionen aus, die für Museen in London, New York und Philadelphia ebenfalls Pandas schossen. Innerhalb weniger Jahre verlor die Trophäe an Reiz. Nun ging es darum, ein lebendes Tier aus China herauszubringen. Nach Angaben des WWF wurden zwischen 1936 und 1946 insgesamt 14 Pandas von Ausländern aus China gebracht, bevor das Land 1946 diese Praxis beendete.

1936 verließ das erste Pandababy China als Hund deklariert

Den ersten lebenden Panda brachte keine Expedition erfahrener Zoologen in den Westen, sondern Ruth Harkness, eine Modedesignerin aus New York. Ihr Mann William war 1936 in Shanghai gestorben, ohne den Panda gefunden zu haben, den er hatte fangen wollen. Die Witwe, die keinerlei Erfahrung in der Wildnis besaß, reiste nach China, schloss sich dem jungen chinesisch-amerikanischen Naturforscher Quentin Young an und fand am 9. November 1936 in den Bergen Sichuans ein wenige Wochen altes Pandajunges. Sie fütterte es mit der Flasche und nannte es Su Lin. Aus China kam das Tier in einem Weidenkorb, die Ausfuhrpapiere lauteten auf einen Hund im Wert von 20 Dollar. In den USA löste Su Lin einen Sturm aus. Zeitungen berichteten täglich, Prominente kamen ins Hotel, um das Tier zu sehen. Harkness verkaufte den Panda an den Brookfield Zoo in Chicago; die Angaben zum Preis schwanken zwischen 9.000 und 14.000 Dollar. Am Eröffnungstag drängten sich mehr als 53.000 Besucher vor dem Gehege. Su Lin starb nach rund 16 Monaten an einer Lungenentzündung.

Vom Museumsstück zum Geschenk der Diplomatie

Nach 1946 kam kein Panda mehr über Jäger oder Sammler ins Ausland. Stattdessen machte die Volksrepublik China das Tier zum Instrument der Außenpolitik. Zwischen 1957 und 1983 wurden 24 Pandas als Staatsgeschenke an befreundete Länder übergeben, das bekannteste Paar ging 1972 nach dem Besuch von Präsident Nixon in den Zoo von Washington. Die Bundesrepublik erhielt 1980 nach dem Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt die Tiere Bao Bao und Tjen Tjen für den Berliner Zoo. Seit den 1980er-Jahren verschenkt China keine Pandas mehr, sondern verleiht sie gegen Gebühren, die in die Zucht und den Schutz der Art fließen. Der WWF hatte das Tier bereits 1961 zu seinem Wappen gemacht, inspiriert von der Pandadame Chi Chi im Londoner Zoo und aus dem praktischen Grund, dass ein schwarz-weißes Logo günstig zu drucken war. Zoologische Klarheit kam erst spät: Molekulare Untersuchungen zeigten in den 1980er-Jahren, dass der Große Panda tatsächlich zu den Bären gehört. Nach der chinesischen Zählung von 2014 leben rund 1.860 Tiere in freier Wildbahn, mehr als bei der Zählung davor, weshalb die Art seit 2016 nicht mehr als stark gefährdet, sondern als gefährdet gilt.

Die Felle, die Armand David 1869 nach Paris schickte, liegen noch heute im Naturkundemuseum. Sie sind der Beginn einer Geschichte, in der ein Tier binnen 70 Jahren vom Gerücht zur Trophäe, zum Zootier und zum Staatsgeschenk wurde. Was von der Jagd blieb, ist die Faszination für einen Bären, der Bambus frisst, in Nebelwäldern sitzt und so lange unsichtbar war, dass die Welt ihn erst kennenlernte, als sie längst glaubte, alle großen Tiere zu kennen.

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