Im Südwesten der Karibikinsel Trinidad liegt ein See, in dem niemand schwimmt und der trotzdem seit über 400 Jahren Besucher anzieht. Seine Oberfläche ist schwarz, warm und so zäh, dass Menschen darüber gehen können, während er zugleich Bäume, Werkzeuge und ganze Baumstämme in die Tiefe zieht. Der Pitch Lake bei La Brea ist der größte natürliche Asphaltsee der Welt, ein Becken von rund 76 Metern Tiefe, gefüllt mit Millionen Tonnen Teer. Und als wäre das nicht genug, fanden Forscher darin sogar Leben.
Ein Asphaltsee ist ein Ort, an dem Erdöl aus dem Untergrund an die Oberfläche dringt und dort zu einer zähen, schwarzen Masse eindickt. Weltweit gibt es nur eine Handvoll solcher Vorkommen, darunter die berühmten Teergruben von Rancho La Brea in Los Angeles, doch keines reicht an den Pitch Lake auf Trinidad heran. Der See bedeckt eine Fläche von rund 40 Hektar, in seiner Mitte reicht das Asphaltbecken etwa 76 Meter in die Tiefe, und sein Inhalt wird auf rund zehn Millionen Tonnen geschätzt. Das Material ist kein reiner Teer, sondern eine Emulsion aus Bitumen, Wasser, Gas und feinen mineralischen Bestandteilen, die dem See seine eigentümliche Konsistenz verleiht, irgendwo zwischen erstarrtem Fels und zäh fließendem Sirup.
Für die Ureinwohner Trinidads war der schwarze See ein Ort der Ehrfurcht, eine Legende der Chaima erzählt, er habe ein ganzes Dorf verschlungen, dessen Bewohner heilige Kolibris gegessen hatten. In die schriftliche Geschichte trat der See 1595, als der englische Seefahrer Walter Raleigh auf Trinidad landete und das Material nutzte, um die Planken seiner Schiffe abzudichten. Er lobte den Naturasphalt als besten Schiffspech überhaupt, weil er in der Tropensonne nicht schmolz. Seitdem haben Generationen von Reisenden, Ingenieuren und Wissenschaftlern versucht, das Wesen dieses Ortes zu fassen, der bis heute zu den meistbesuchten Zielen der Insel gehört und auf der Vorschlagsliste Trinidads für das Welterbe steht.
Der Pitch Lake bei La Brea im Südwesten von Trinidad ist der größte natürliche Asphaltsee der Welt. Er bedeckt rund 40 Hektar, ist im Zentrum etwa 76 Meter tief und enthält geschätzt zehn Millionen Tonnen Naturasphalt, der über eine Störungszone im Untergrund ständig aus der Tiefe nachfließt.
Wer den See betritt, steht auf einer Kruste, die über weite Bereiche fest genug für Menschen ist, an warmen weichen Stellen aber nachgibt wie feuchter Lehm, weshalb Besucher den See nur mit ortskundigen Führern überqueren. Unter dieser Kruste bewegt sich das Material in extremer Zeitlupe. Der Asphalt wälzt sich in trägen Strömungen um, Falten wandern über die Oberfläche, Risse öffnen und schließen sich. Diese langsame Umwälzung erklärt die vielleicht seltsamste Eigenschaft des Sees: Er verschluckt Objekte und gibt sie wieder her. Umgestürzte Bäume versinken vollständig im Teer und tauchen nach Jahren oder Jahrzehnten an anderer Stelle wieder auf, konserviert von der luftdichten schwarzen Masse. Auch Werkzeuge der Ureinwohner wurden aus dem Asphalt geborgen und werden im kleinen Museum am Seeufer gezeigt.
Die Quelle des Nachschubs liegt tief unter der Insel. Der Südwesten Trinidads sitzt auf erdölführenden Gesteinsschichten, und genau unter dem See kreuzen sich Störungszonen, an denen Erdöl und Gas aus diesen Lagerstätten nach oben wandern können. Auf dem Weg zur Oberfläche und im offenen Becken verdunsten die leichten Bestandteile des Öls, Bakterien bauen weitere Anteile ab, und zurück bleibt das schwere Bitumen, angereichert mit Wasser, Gasbläschen und feinem Sediment. Der See ist damit kein totes Relikt, sondern das sichtbare Ende einer aktiven geologischen Förderanlage, die seit Jahrtausenden läuft, Schicht um Schicht.
Dass aufsteigende Kohlenwasserstoffe an der Erdoberfläche ganz unterschiedliche Landschaften erzeugen können, zeigt der Vergleich mit dem brennenden Gaskrater von Darvaza in Turkmenistan. Dort verbrennt das Methan in offener Flamme, auf Trinidad dickt das Öl zu einem begehbaren See ein. In beiden Fällen entscheidet allein die Chemie des austretenden Materials darüber, ob am Ende Feuer oder Teer die Landschaft prägt. Am Pitch Lake sorgt das eingeschlossene Gas zusätzlich für Bewegung, aufsteigende Blasen halten die Oberfläche in ständiger, kaum sichtbarer Unruhe und drücken frischen Asphalt in die Falten der Kruste.
Wirtschaftlich wurde der See zu einem der ungewöhnlichsten Bergwerke der Welt. Ab dem späten 19. Jahrhundert begann der großindustrielle Abbau, und Trinidader Naturasphalt wurde in alle Welt verschifft, wo er Straßen in Europa und Nordamerika bedeckte, lange bevor Raffinerie-Bitumen den Markt übernahm. Bis heute baut ein Staatsunternehmen das Material ab und verarbeitet es zu Straßenbelägen, Beschichtungen und Dichtstoffen. Das Bemerkenswerte daran: Die Abbaugruben schließen sich von selbst, weil der See die entnommene Masse aus der Tiefe ersetzt. Trotz mehr als eines Jahrhunderts Förderung wirkt die Oberfläche heute kaum anders als auf den Fotografien des 19. Jahrhunderts, ein Rohstofflager mit eingebauter Selbstheilung.
Auch als Kulturort hat der See eine zweite Karriere gemacht. Die Wasserlachen auf seiner Oberfläche, teils schwefelhaltig, gelten bei Einheimischen als heilsam, Besucher baden in den flachen Tümpeln, während wenige Meter weiter der Teer arbeitet. Rund 20.000 Menschen besichtigen den Asphaltsee jedes Jahr, geführt von Guides aus La Brea, deren Familien seit Generationen mit dem See leben und seine sicheren Wege kennen.
Die größte Überraschung lieferte der See der Wissenschaft erst im 21. Jahrhundert. Ein internationales Forscherteam untersuchte Proben aus dem aktiven Asphalt und fand darin eine reiche Gemeinschaft von Mikroorganismen, Bakterien und Archaeen, die in winzigen, im Bitumen eingeschlossenen Wassertröpfchen leben und Bestandteile des Öls als Energiequelle nutzen. Pro Gramm Asphalt zählten die Forscher Millionen Zellen, ein ganzes Ökosystem in einem Material, das lange als lebensfeindlich galt. Publiziert wurde der Fund im Fachjournal Astrobiology, denn er reicht weit über Trinidad hinaus: Auf dem Saturnmond Titan existieren Seen aus flüssigen Kohlenwasserstoffen, und der Pitch Lake gilt als bestes irdisches Modell für die Frage, ob Leben in solchen Umgebungen möglich wäre.
So vereint der schwarze See von La Brea Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören. Er ist Rohstoffmine und Naturdenkmal, Badeort und Gefahrenzone, geologische Maschine und biologisches Labor. Wer über seine warme, federnde Oberfläche geht, bewegt sich auf zehn Millionen Tonnen eingedicktem Erdöl, unter denen es langsam brodelt, in denen Mikroben von Teer leben und in deren Tiefe womöglich gerade ein Baumstamm auf seine Rückkehr ans Licht wartet.
Astrobiology, Microbial Life in a Liquid Asphalt Desert; doi:10.1089/ast.2010.0488