In der Atacama-Wüste fällt an manchen Messstationen jahrelang kein messbarer Regen, der Boden gleicht stellenweise dem des Mars. Und doch verwandelt sich genau diese Landschaft in bestimmten Jahren in ein Blumenmeer, das sich über hunderte Kilometer erstreckt und in Violett, Pink, Gelb und Weiß leuchtet. Rund 200 Pflanzenarten erscheinen dann wie aus dem Nichts, viele davon existieren nirgendwo sonst auf der Welt. Der Schlüssel zu diesem Schauspiel liegt unsichtbar im Wüstenboden und wartet dort mitunter Jahrzehnte.
Die Atacama-Wüste zieht sich über rund 1.000 Kilometer an der Pazifikküste im Norden von Chile entlang und gilt als trockenste Wüste der Erde außerhalb der Polargebiete. Im Kernbereich um die Ortschaft Yungay wurden über lange Zeiträume im Mittel nur wenige Millimeter Niederschlag pro Jahr gemessen, einzelne Stationen registrierten über Jahre hinweg überhaupt keinen Regen. Verantwortlich für diese extreme Trockenheit ist eine seltene Kombination: Der kalte Humboldtstrom vor der Küste unterbindet Regenwolken vom Pazifik, während die Anden im Osten die feuchten Luftmassen aus dem Amazonasbecken abriegeln. Übrig bleibt ein schmaler Streifen Land, in dem Verdunstung fast alles übertrifft, was je vom Himmel fällt, und in dem weite Flächen vegetationslos daliegen.
Umso größer ist der Kontrast, wenn diese Landschaft blüht. Das Phänomen trägt in Chile den Namen Desierto Florido, blühende Wüste, und konzentriert sich auf den Süden der Atacama zwischen den Städten Copiapó und Vallenar sowie auf den Küstenstreifen. Historische Berichte über die Wüstenblüte reichen weit zurück, Reisende des 19. Jahrhunderts beschrieben bereits Ebenen voller Blumen dort, wo sie Monate zuvor nur Sand und Geröll gesehen hatten. In starken Jahren färben die Pflanzen dann tausende Quadratkilometer, Straßenränder verschwinden unter Blüten, und aus ganz Chile und dem Ausland reisen Besucher an, um ein Ereignis zu sehen, das im Extremfall nur wenige Wochen dauert.
Die Atacama-Wüste blüht, wenn im Winter ungewöhnlich ergiebiger Regen fällt, meist ausgelöst durch das Klimaphänomen El Niño. Bereits Niederschläge von rund 15 Millimetern können Millionen Samen und Zwiebeln wecken, die jahre- bis jahrzehntelang keimfähig im Boden überdauert haben. Innerhalb weniger Wochen entstehen dann Blütenteppiche mit rund 200 Pflanzenarten.
Der eigentliche Held des Schauspiels ist damit nicht der Regen, sondern eine gewaltige Samenbank im Untergrund. Die Pflanzen der Region haben Strategien entwickelt, die auf Geduld statt auf Dauerpräsenz setzen. Ihre Samen tragen harte, wasserabweisende Hüllen, die erst nach ausreichender Durchfeuchtung aufbrechen, andere Arten überdauern als Zwiebeln oder Knollen in tieferen, kühleren Bodenschichten. Viele Samen keimen zudem nicht alle gleichzeitig, sondern gestaffelt, sodass ein Fehlstart nach einem zu schwachen Regen nie den gesamten Vorrat vernichtet. Fällt dann tatsächlich genug Wasser, läuft ein Programm im Zeitraffer ab: keimen, wachsen, blühen, bestäubt werden und neue Samen streuen, bevor die Sonne den Boden wieder versiegelt.
Den Takt gibt der Pazifik vor. In El-Niño-Jahren verschieben sich Meeresströmungen und Luftdruckzonen so, dass Regenfronten ausnahmsweise die südliche Atacama erreichen. Deshalb folgt die Wüstenblüte keinem Kalender, sondern tritt in unregelmäßigen Abständen von mehreren Jahren auf, mit besonders üppigen Ereignissen im Abstand von etwa einem halben Jahrzehnt bis Jahrzehnt. Eine zweite, leisere Wasserquelle ist der Küstennebel, den die Chilenen Camanchaca nennen. Er kriecht vom Meer über die Küstenberge und versorgt dort spezialisierte Pflanzengemeinschaften, die sogenannten Lomas, fast ausschließlich mit Nebelfeuchte. An diesen Hängen existiert selbst in regenlosen Jahren ein dünner grüner Schleier als Vorschein dessen, was nach echtem Regen möglich ist.
Unter den rund 200 Arten der Wüstenblüte sind viele Endemiten, die ausschließlich in diesem Teil von Chile vorkommen. Berühmt ist die violett blühende Pata de Guanaco, die in starken Jahren ganze Hänge färbt, dazu kommen Añañucas, Wüstenlilien und zahlreiche Kräuter. Mit den Pflanzen erwacht eine komplette Lebensgemeinschaft, Insekten schlüpfen, Vögel und Nagetiere folgen dem plötzlichen Nahrungsangebot, Reptilien jagen zwischen den Stängeln. Die staatliche Forstbehörde CONAF betreut mit dem Nationalpark Llanos de Challe eines der wichtigsten Schutzgebiete des Phänomens direkt an der Küste.
So robust die Samen im Boden sind, so verletzlich ist die Blüte selbst. Jedes Blühereignis ist die einzige Gelegenheit der Pflanzen, ihre Samenbank für die nächsten trockenen Jahre aufzufüllen. Werden Blütenfelder von Fahrzeugen überrollt, niedergetrampelt oder Blumen massenhaft gepflückt, fehlen genau diese Samen im nächsten Zyklus, und der Schaden zeigt sich erst Jahre später, wenn eine Fläche stumm bleibt, die eigentlich blühen müsste. Chile hat deshalb Verhaltensregeln für Besucher erlassen, das Befahren der Felder ist untersagt, und Ranger lenken den Andrang in starken Jahren über ausgewiesene Routen. Diskutiert wird zudem ein erweiterter Schutzstatus für die Kernzonen der Wüstenblüte.
Für die Wissenschaft ist das Gebiet weit mehr als eine Fotokulisse. Die Atacama dient als natürliches Labor dafür, wie Leben mit einem Minimum an Wasser auskommt, von blühenden Pflanzen bis zu Mikroben, die Wasser aus Gipskristallen freisetzen. Was im Kleinsten wie im Größten sichtbar wird, ist dieselbe Pointe: Die scheinbar toteste Landschaft der Erde ist in Wahrheit ein randvoll gefülltes Wartezimmer des Lebens. Es braucht nur einen einzigen ergiebigen Regen, und aus hunderten Kilometern Staub und Geröll wird für einige Wochen das größte Blumenfeld des Planeten.