Ultimatum

38 Minuten dauerte der kürzeste Krieg der Geschichte

38 Minuten dauerte der kürzeste Krieg der Geschichte
(Symbolbild) Am Hafen von Stone Town lagen am Morgen des 27. August 1896 fünf britische Kriegsschiffe mit Blick auf den Sultanspalast. Der Streit um den Thron von Sansibar war zwei Tage zuvor entstanden, und ein Ultimatum lief an diesem Morgen um Punkt neun Uhr ab. Was danach folgte, wird bis heute als kürzester Krieg der Geschichte geführt. Die berühmte Minutenzahl verdeckt dabei, wie viele Menschen an dieser Uferkante starben. (Foto: © Forschung und Wissen)

Am Morgen des 27. August 1896 lief in Sansibar ein Ultimatum ab. Was danach geschah, gilt bis heute als kürzester Krieg der Geschichte und dauerte weniger lang als eine Schulstunde. Britische Kriegsschiffe eröffneten um 9:02 Uhr das Feuer auf den Sultanspalast, und vor zehn Uhr war der Beschuss beendet. Die berühmte Zahl von 38 Minuten verdeckt allerdings, was an diesem Morgen tatsächlich vor der Hafenfront passierte.

Sansibar war im Sommer 1896 kein unabhängiges Land mehr. Seit dem Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 hatten das Deutsche Reich und Großbritannien die Einflusszonen an der ostafrikanischen Küste untereinander aufgeteilt, und die Inseln Unguja und Pemba fielen dabei an London. Ein Sultan regierte weiterhin, empfing Gesandte und residierte am Wasser, doch über seine Einsetzung entschied faktisch der britische Konsul. Ein Abkommen aus dem Jahr 1866 hielt ausdrücklich fest, dass ein neuer Herrscher die Zustimmung Großbritanniens brauchte. Genau dieser Satz aus einem drei Jahrzehnte alten Vertrag führte im August 1896 zu jenem Ereignis, das bis heute als kürzester Krieg der Geschichte geführt wird. Der Anlass war weder ein Grenzstreit noch ein Aufstand, sondern ein Todesfall am Vormittag und eine Thronbesetzung, die zwei Stunden später bereits vollzogen war.

Der Schauplatz war die Hafenfront von Stone Town, dem alten Kern der Stadt Sansibar. Hier standen die Korallensteinhäuser der Kaufleute, das Zollhaus, das 1883 errichtete Beit al-Ajaib mit seinen gusseisernen Säulen und unmittelbar daneben der Sultanspalast Beit al-Sahel. Vor dieser Kulisse ankerten am 26. August 1896 zwei britische Kreuzer und drei Kanonenboote, dazu kamen 150 Marineinfanteristen und Seeleute sowie rund 900 sansibarische Soldaten unter britischem Kommando. Im Palast hatten sich nach zeitgenössischen Angaben etwa 2.800 Menschen versammelt, darunter die Palastwache, Bedienstete und bewaffnete Zivilisten. Zwischen beiden Seiten lagen nur wenige hundert Meter offenes Wasser. Wer diese Zahlen nebeneinanderlegt, erkennt bereits, warum die Entscheidung an diesem Morgen nicht lange auf sich warten ließ.

Neun Uhr zwei am Morgen des 27. August 1896

Der kürzeste Krieg der Geschichte war der Britisch-Sansibarische Krieg vom 27. August 1896. Britische Schiffe beschossen ab 9:02 Uhr den Sultanspalast in Sansibar, weil Khalid bin Barghash ein Ultimatum hatte verstreichen lassen. Das Feuer endete gegen 9:40 Uhr. Daraus ergibt sich die geläufige Dauer von 38 Minuten.

Um acht Uhr an diesem Morgen schickte Khalid bin Barghash eine Nachricht aus dem Palast und bat um ein Gespräch. Der britische Konsul Basil Cave ließ ausrichten, verhandelt werde nur, wenn die Bedingungen des Ultimatums vorher angenommen seien. Khalid antwortete, er glaube nicht, dass die Briten schießen würden. Eine Stunde und zwei Minuten später begann der Beschuss. Die Granaten trafen ein Gebäude aus Korallenstein, Mörtel und Holz, das für Repräsentation gebaut worden war und nicht für Artilleriefeuer. Der Palast brannte innerhalb weniger Minuten, die davor aufgestellten Geschütze wurden zerstört, und die Flagge über dem Dach wurde heruntergeschossen. Gegen 9:40 Uhr stellten die Schiffe das Feuer ein. Einzelne Darstellungen nennen 9:45 Uhr, weshalb in der Literatur je nach Quelle 38 oder 45 Minuten stehen.

Ein Sultan stirbt und zwei Stunden später sitzt ein anderer im Palast

Sultan Hamad bin Thuwaini starb am 25. August 1896 gegen 11:40 Uhr. Die Umstände blieben ungeklärt, und in der Stadt hielt sich hartnäckig der Verdacht einer Vergiftung. Noch am selben Tag zog Khalid bin Barghash in den Sultanspalast ein und ließ sich zum Herrscher ausrufen. Er war ein Sohn des früheren Sultans Barghash bin Said und hatte bereits 1893 vergeblich Anspruch auf den Thron erhoben. Innerhalb Sansibars regte sich gegen diesen Schritt kaum Widerstand. Für die britische Seite lag der Fall anders, denn der Vertrag von 1866 machte die Zustimmung Großbritanniens zur Bedingung jeder Thronfolge. Konsul Basil Cave forderte Khalid auf, den Palast zu verlassen. Der lehnte ab, rief die Palastwache zusammen und verbarrikadierte sich mit Hunderten Bewaffneten hinter den Mauern am Hafen.

Warum das Ultimatum ausgerechnet um neun Uhr ablief

Am 26. August 1896 erreichte den Konsul ein Telegramm aus London mit der Ermächtigung, alle für nötig gehaltenen Maßnahmen zu ergreifen und dabei auf die Rückendeckung der Regierung zu zählen. Am selben Tag liefen weitere Kriegsschiffe in den Hafen ein, darunter das Flaggschiff HMS St George mit Konteradmiral Harry Rawson an Bord. Das Ultimatum verlangte, dass Khalid die Flagge einholt, seine Bewaffneten entlässt und den Palast räumt, und es setzte dafür eine Frist bis neun Uhr am folgenden Morgen. Die Royal Navy nahm mit fünf Schiffen Position vor der Uferkante, an Land führte Brigadegeneral Lloyd Mathews die verbündeten sansibarischen Soldaten. Khalid bin Barghash setzte darauf, dass Großbritannien vor einem Beschuss mitten in der bewohnten Stadt zurückschrecken würde, und ließ das dem Konsulat sinngemäß auch ausrichten.

500 Opfer machen den kürzesten Krieg der Geschichte zum Sonderfall

Auf sansibarischer Seite standen nach den britischen Angaben rund 500 Tote und Verwundete, auf britischer Seite ein einziger verletzter Unteroffizier, der im Lazarett wieder genas. Diese Verteilung erklärt sich aus der Bauweise des Ziels. Die Sprenggranaten der Schiffsgeschütze richteten in einem Gebäude aus Korallenstein und Holz eine Wirkung an, für die es nie ausgelegt war. Ein großer Teil der Opfer waren keine Soldaten, sondern Bedienstete und Bewohner. Auf dem Wasser lief parallel ein zweites Gefecht: Die Royal Navy versenkte die sansibarische Jacht Glasgow, ein 1878 gebautes Repräsentationsschiff, sowie zwei kleinere Boote. Die Besatzung der Glasgow wurde aus dem Wasser gefischt. Das Wrack sank im flachen Hafenbecken so, dass seine Masten noch achtzehn Jahre lang über die Oberfläche ragten.

Der geschlagene Sultan verschwand durch ein deutsches Konsulat

Khalid bin Barghash kam bei dem Beschuss nicht ums Leben. Er verließ den brennenden Palast und erreichte das deutsche Konsulat, das ihm Asyl gewährte. Großbritannien verlangte die Herausgabe, das Deutsche Reich verweigerte sie mit Verweis auf den Schutz politischer Flüchtlinge, und rund fünf Wochen lang saß der abgesetzte Sultan wenige hundert Meter vom Ort des Geschehens fest, während britische Schiffe die Insel beobachteten. Am 2. Oktober 1896 löste ein Boot des deutschen Kreuzers SMS Seeadler das Problem auf juristisch elegante Weise: Es legte unmittelbar am Konsulat an, sodass Khalid auf dem Weg nach Deutsch-Ostafrika sansibarischen Boden nicht mehr betreten musste. In Daressalam lebte er anschließend als Gast der deutschen Kolonialverwaltung, mit eigenem Haus und dem Recht, die rote Flagge des Sultanats zu zeigen.

Dieser Zufluchtsort verlor seinen Wert, als Deutschland und Großbritannien 1914 gegeneinander in den Krieg zogen. Beim Fall von Daressalam geriet Khalid 1916 in britische Gefangenschaft. Die Verbannung führte ihn auf die Seychellen und weiter nach St. Helena, jene Atlantikinsel, auf der ein Jahrhundert zuvor Napoleon gestorben war. Erst in den 1920er Jahren durfte er nach Ostafrika zurückkehren, allerdings nicht nach Sansibar. Er starb 1927 in Mombasa. Ein Fachaufsatz zum Exil des abgesetzten Sultans wertet dafür Akten in den britischen Nationalarchiven und im Archiv der Seychellen aus und zeichnet die Stationen zwischen 1896 und 1927 im Einzelnen nach.

Spuren des Bombardements in Stone Town

Noch am Nachmittag des 27. August 1896 setzte Großbritannien Hamoud bin Mohammed als neuen Sultan ein. Er akzeptierte die britischen Bedingungen und unterzeichnete 1897 ein Dekret, das die rechtliche Grundlage der Sklaverei auf Sansibar und Pemba beseitigte. Das Protektorat bestand bis 1963 fort. Die Bezeichnung Britisch-Sansibarischer Krieg wirkt für einen Vorgang von unter einer Stunde übertrieben, doch militärhistorisch erfüllt dieser Morgen alle Merkmale: Kriegserklärung, Gefecht zu Wasser und zu Land, Kapitulation und Regierungswechsel. Darin unterscheidet er sich von späteren Aktionen gegen einen vermeintlich schwachen Gegner, etwa dem Einsatz australischer Soldaten gegen Emus im Jahr 1932, bei dem es weder eine Kriegserklärung noch eine Gegenseite mit eigener Regierung gab.

Vom Beit al-Sahel blieb wenig übrig, und an seiner Stelle entstand ein Neubau, der heute als Palastmuseum dient. Das benachbarte Beit al-Ajaib überstand den Morgen und blieb über ein Jahrhundert das auffälligste Gebäude der Uferzeile, bis 2020 ein Teil der Konstruktion einstürzte. Der historische Stadtkern selbst steht seit dem Jahr 2000 als Stone Town im Welterbeverzeichnis der UNESCO. Wer heute an der Promenade steht, blickt auf dieselbe Wasserfläche, auf der die fünf Schiffe lagen, und unter ihr liegen die Reste der Glasgow. Ein Krieg, der kürzer war als eine Schulstunde, hat an dieser Stelle mehrere hundert Menschen das Leben gekostet und ein Sultanat endgültig unter fremde Aufsicht gestellt.

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