Kometenpanik

1910 kauften Menschen Gasmasken gegen den Schweif eines Kometen

1910 kauften Menschen Gasmasken gegen den Schweif eines Kometen
(Symbolbild). Der Halleysche Komet 1910 löste eine weltweite Angstwelle aus, nachdem Astronomen ein Giftgas in seinem Schweif nachgewiesen hatten. Händler verkauften daraufhin Gasmasken und sogenannte Anti-Kometen-Pillen. Ob von dem berühmten Kometen jemals eine reale Gefahr ausging, klärte sich erst in der Nacht der Begegnung. (Foto: © Forschung und Wissen)

Als der Halleysche Komet 1910 der Erde nahekam, wiesen Astronomen mit dem Spektroskop ein Giftgas in seinem Schweif nach. Weil die Erde tatsächlich durch diesen Schweif fliegen sollte, brach eine weltweite Angstwelle aus. Menschen dichteten Fenster ab, kauften Gasmasken und sogenannte Anti-Kometen-Pillen. Zeitungen titelten vom möglichen Ende der Welt. Die entscheidende Frage war, ob von dem dünnen Gasschleier überhaupt eine reale Gefahr ausgehen konnte.

Der Halleysche Komet 1910 gehört zu den seltenen Fällen, in denen eine astronomische Beobachtung in eine handfeste Massenangst umschlug. Anders als bei früheren Kometenpaniken standen diesmal keine reinen Aberglauben und dunklen Vorahnungen im Zentrum, sondern eine echte wissenschaftliche Messung. Astronomen hatten mit der damals noch jungen Methode der Spektroskopie das Licht des Kometen zerlegt und in seinem Schweif das Gas Cyan nachgewiesen. Cyan, chemisch eng mit der tödlichen Blausäure verwandt, hat einen furchterregenden Ruf. Zugleich hatten Bahnberechnungen ergeben, dass die Erde Mitte Mai 1910 für einige Stunden tatsächlich durch den ausgedehnten Schweif des Kometen hindurchziehen würde. Aus diesen beiden an sich korrekten Fakten entstand in der öffentlichen Wahrnehmung eine Bedrohung, die weit über das hinausging, was die Physik hergab.

Eine zentrale Rolle spielte der französische Astronom und populäre Wissenschaftsautor Camille Flammarion, der so bekannt war, dass man ihn den Carl Sagan seiner Zeit nannte. Flammarion äußerte die Vermutung, das Cyan könne sich theoretisch mit der Atmosphäre vermischen und womöglich alles Leben auf dem Planeten auslöschen. Er meinte das als äußersten Grenzfall und relativierte seine Aussage später, doch die vorsichtige Formulierung ging in den Schlagzeilen unter. Die New York Times gab den Hinweis, ein einziges Körnchen eines Cyansalzes auf der Zunge genüge, um sofort zu töten. Solche Sätze verbreiteten sich rasend schnell, während die beruhigenden Stimmen anderer Astronomen kaum Gehör fanden. So wurde aus einer Messung eine Weltuntergangserzählung.

Wie gefährlich war das Gift im Schweif wirklich

Aus heutiger Sicht war die Gefahr praktisch nicht vorhanden. Cyan ist zwar ein toxisches Gas, im Schweif des Kometen aber nur in winzigen Spuren enthalten. Entscheidend ist die Beschaffenheit eines solchen Schweifs: Er ist extrem dünn und besteht aus einem derart verdünnten Gasnebel, dass der Durchflug der Erde die dichte Lufthülle des Planeten nicht messbar verändern konnte. Die Menge an Cyan im gesamten Schweif war verschwindend gering im Vergleich zu dem, was ohnehin natürlich in der Erdatmosphäre vorkommt. Genau darauf wiesen viele Fachleute schon damals hin. Der Widerspruch zwischen einer real gemessenen Substanz und ihrer völligen Harmlosigkeit im konkreten Fall ist der Kern dieser Geschichte. Die Bedrohung entstand nicht am Himmel, sondern in der Übersetzung einer korrekten Beobachtung in eine falsche Schlussfolgerung.

Gasmasken, Pillen und abgedichtete Fenster

Die Angst erzeugte einen regelrechten Markt. Findige Händler verkauften Gasmasken, angebliche Gegenmittel gegen die Kometengase und sogenannte Anti-Kometen-Pillen, die keinerlei wissenschaftliche Grundlage hatten. Manche Menschen dichteten Türen und Fenster mit feuchten Tüchern ab, um das vermeintliche Gift auszusperren. Andere reagierten fatalistisch: In Deutschland verzichteten einzelne Bauern darauf, im Frühjahr auszusäen, weil sie glaubten, die Ernte ohnehin nicht mehr zu erleben. Wieder andere feierten regelrechte Weltuntergangsfeste. Die Angstwelle erfasste die Vereinigten Staaten und Europa gleichermaßen und zog sich durch alle Bevölkerungsschichten. Dass dabei so viele Menschen zu absurden Mitteln griffen, lässt sich nur verstehen, wenn man bedenkt, dass die Warnung diesmal einen wissenschaftlichen Anstrich trug und nicht als bloßer Aberglaube abgetan werden konnte.

Was die Nacht der Begegnung brachte

In der Nacht vom 18. auf den 19. Mai 1910 zog die Erde schließlich durch den Bereich des Kometenschweifs. Es geschah nichts. Kein Massensterben, keine vergiftete Luft, keine spürbare Veränderung. Der Morgen danach machte deutlich, wie groß die Kluft zwischen medialer Panik und physikalischer Realität gewesen war. Der Fall von 1910 wirkt bis heute nach, weil er zeigt, wie eine korrekte Messung, eine unglückliche Formulierung und reißerische Schlagzeilen zusammen eine globale Angst erzeugen können. Der Halleysche Komet selbst kehrt etwa alle 75 bis 76 Jahre zurück und war zuletzt 1986 zu sehen. Seine nächste Wiederkehr wird für das Jahr 2061 erwartet. Bis dahin bleibt die Erinnerung an gekaufte Gasmasken und abgedichtete Fenster ein Lehrstück darüber, wie schnell aus einem Himmelsschauspiel eine Weltuntergangsstimmung werden kann.

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