Tod in der Hansestadt

1529 tötete in Hamburg eine Seuche binnen Stunden und verschwand für immer

1529 tötete in Hamburg eine Seuche binnen Stunden und verschwand für immer
(Symbolbild) Im Sommer 1529 legte in Hamburg ein Schiff aus England an, und wenige Wochen später waren in der Hansestadt über tausend Menschen tot. Der Englische Schweiß tötete Gesunde oft innerhalb eines einzigen Tages, zog über Lübeck und Bremen bis nach Danzig und in die Schweiz und verschwand dann vom Kontinent, ohne je zurückzukehren. Welcher Erreger diese Seuche verursachte, ist bis heute unbekannt. Für die Medizingeschichte ist der Englische Schweiß eine Krankheit ohne Täter. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Englische Schweiß war die schnellste Seuche, die Europa je erlebt hat. Wer morgens gesund aufstand, konnte am Abend tot sein, und wer die ersten 24 Stunden überstand, galt als gerettet. Im Juli 1529 erreichte die Krankheit Hamburg und tötete dort 1.100 Menschen in 22 Tagen. Danach verschwand sie für immer, und bis heute weiß niemand, welcher Erreger dahintersteckte.

Die Sterberegister und Chroniken des Jahres 1529 lesen sich wie das Protokoll eines Angriffs. In Hamburg begann es mit einem Schiff aus England, auf dem bereits ein Dutzend Männer gestorben war, in Lübeck ließen die Ratsherren Testamente im Akkord aufsetzen, in Dortmund sollen von 500 Erkrankten in den ersten vier Tagen 497 gestorben sein. Die Seuche blieb an jedem Ort nur etwa zwei Wochen, tötete in dieser Zeit mehr Menschen als die Pest in Monaten und zog dann weiter. Von den Hansestädten sprang sie auf Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald, erreichte im September Danzig und Königsberg, danach das Baltikum, Polen, Skandinavien und schließlich die Schweiz und Österreich.

Was den Englischen Schweiß von allen anderen Seuchen unterschied, war seine Geschwindigkeit. Die Kranken bekamen zunächst Angstgefühle, Schüttelfrost und Schwindel, dann Schmerzen in Nacken, Schultern und Gliedern, danach setzte das namensgebende Schwitzen ein, begleitet von Herzrasen, unstillbarem Durst und Delirium. Die Chronik der Stadt Schleswig hielt fest, dass die Befallenen binnen 24 Stunden starben, dass aber alle, die diese Frist überlebten, sofort wieder essen, trinken, arbeiten und reisen konnten. Eine Krankheit, die entweder innerhalb eines Tages tötet oder folgenlos verschwindet, ist in der Medizin bis heute ohne Beispiel.

Fünf Wellen aus England

Ihren ersten Auftritt hatte die Krankheit 1485, im selben Sommer, in dem Heinrich Tudor in der Schlacht von Bosworth den englischen Thron gewann. Wenige Wochen nach seinem Einzug in London brach der Schweiß in der Stadt aus und tötete innerhalb weniger Tage Tausende, darunter zwei Bürgermeister. Weitere Wellen folgten 1508, 1517, 1528 und 1551, und jedes Mal begann es in England. Die Krankheit verschonte auffällig oft die Armen und traf die Wohlhabenden, sie tötete bevorzugt kräftige Männer mittleren Alters und ließ Kinder und Greise meist in Ruhe. 1528 erkrankte Anne Boleyn, die spätere Königin, und überlebte, während mehrere Mitglieder des Hofes innerhalb von ein bis zwei Stunden nach den ersten Symptomen starben.

Erst die vierte Welle verließ die Insel. 1528 erreichte der Schweiß Calais, im Herbst desselben Jahres Antwerpen und Amsterdam, wo er beide Städte am selben Morgen befiel, und nach einer Winterpause im Sommer 1529 Hamburg. Frankreich, Italien und Spanien blieben aus Gründen, die niemand erklären kann, fast völlig verschont, ebenso Schottland und Irland. Nach 1529 trat die Krankheit auf dem Kontinent nie wieder auf, in England ein letztes Mal 1551. Danach war sie weg.

Der Sommer 1529 in Deutschland

Für die deutschen Städte kam der Schweiß ohne Vorwarnung. Der Marburger Medizinprofessor Euricius Cordus notierte am 5. September 1529, es möge um Gottes willen bei einem Gerücht bleiben, nachdem ihn ein Brief des hessischen Landgrafen über eine unbekannte tödliche Krankheit erreicht hatte, die sich in Windeseile verbreite. Anfang Oktober war sie in Marburg, ausgerechnet in den Tagen, in denen sich dort Martin Luther und Ulrich Zwingli zum Religionsgespräch trafen. Cordus verfasste daraufhin eine der ersten deutschen Schriften über die Seuche, in der er die Zeitgenossen anwies, die Kranken warm zu halten und am Einschlafen zu hindern.

Auch wirtschaftlich hinterließ die Seuche Spuren. Der Handel der Hanse lief über genau die Hafenstädte, in denen der Schweiß zuerst zuschlug, und die Ausbreitung entlang der Ostseeküste folgt exakt den Schiffsrouten. Eine Analyse im Journal Medical History der Cambridge University Press hat die Stadtbücher Lübecks und Norddeutschlands ausgewertet und zeigt, wie sich die Krankheit binnen Wochen von Hafen zu Hafen fortpflanzte. Zur gleichen Zeit belagerte ein osmanisches Heer Wien, und einige Historiker vermuten, dass die Seuche im Lager der Belagerer zum Rückzug beitrug.

Welcher Erreger den Englischen Schweiß auslöste

An Vorschlägen für den Täter mangelt es nicht, an Beweisen schon. Weil die Krankheit in feuchten Sommern auftrat und auf dem Land oft schlimmer wütete als in der Stadt, dachten Mediziner lange an ein Virus, das von Nagetieren übertragen wird. Eine klinisch-historische Analyse von 1991 hielt Enteroviren für die plausibelste Ursache, eine virologische Neubewertung von 2014 stellte Hantaviren in den Vordergrund, die auch heute noch von Mäusen auf Menschen springen und schwere Lungen- und Nierenerkrankungen mit hoher Sterblichkeit verursachen. Auch eine frühe Form der Influenza, Leptospirose, Milzbrand und sogar Mutterkornvergiftungen wurden vorgeschlagen und wieder verworfen, weil jede Erklärung an einem Detail scheitert: an der Geschwindigkeit, am Verschonen der Kinder oder an der geografischen Auswahl der Opfer.

Eine Beschreibung aus dem 19. Jahrhundert berichtet zudem von einem Vogelsterben, das die Seuche begleitete, wobei die toten Tiere Abszesse unter den Flügeln gehabt haben sollen. Sollte das zutreffen, wäre der Englische Schweiß eine Zoonose, ein Erreger, der aus dem Tierreich in den Menschen sprang und wieder verschwand, als sich das Reservoir änderte. Einen ähnlichen Fall, in dem der Ausfall einer ganzen Wasserversorgung auf eine antike Seuche hindeutet, zeigen Kalkschichten im Pont du Gard, die den Zeitpunkt einer Pandemie in Nîmes festhalten.

Was von der Seuche übrig ist

Von den Opfern des Englischen Schweißes existiert bis heute kein einziges untersuchtes Grab. Anders als bei der Pest, deren Erreger aus mittelalterlichen Massengräbern längst genetisch nachgewiesen wurde, sind die Toten von 1529 nie gezielt gesucht worden, und ein Virus hinterlässt in 500 Jahre alten Knochen ohnehin kaum Spuren. Zwischen 1718 und 1861 trat in Nordfrankreich der Pikardische Schweiß auf, eine ähnliche, aber mildere und mit Hautausschlag verbundene Krankheit, die manche Forscher für einen Nachfahren des Erregers halten. Ob dieser Erreger noch existiert, vielleicht als harmloses Erkältungsvirus, oder ob er mit den letzten Kranken von 1551 ausgestorben ist, weiß niemand.

So bleibt eine Seuche, die in Hamburg innerhalb von drei Wochen mehr als tausend Menschen tötete, die Luther und Zwingli in Marburg beim Streiten störte, die einen Sultan vor Wien beunruhigt haben mag und die dann für immer verschwand, in der Medizingeschichte eine Krankheit ohne Namen im Lehrbuch. Was 1529 durch die Hansestädte zog, hat seinen Täter nie preisgegeben.

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