Urban InVEST

Neuartige Software revolutioniert ökologisches Stadtdesign

Robert Klatt

Wie können Städte, die Hotspots für Verschmutzung, Lärm und Abfall sind, nachhaltiger und grüner gestaltet werden? Dies ist eine der größten Fragen für heutige Stadtdesigner. Mithilfe einer neuen Software der Universität Stanford können Städte nun besser und umweltfreundlicher geplant werden. Sie ist zudem völlig kostenlos nutzbar.

Stanford (USA). In den letzten Jahren gab es immer wieder sehr interessante Ideen zu nachhaltigerem Stadtdesign: Hyperloops, also Röhren für Autos unter der Erde, sollen in Zukunft einen Großteil des Verkehrs unterirdisch transportieren. Lufttaxis sollen den Hauptverkehr in die Lüfte heben. Neuartiges Moos soll Feinstaub und andere Verunreinigungen aus der Atemluft filtern. Und die vielleicht berühmteste Straße der Welt, die Champs-Élysées in Paris, soll in den nächsten Jahren komplett autofrei werden.

Doch die Kreation einer vollständig grünen Stadt benötigt noch viel mehr. Eine autofreie Zone im Stadtzentrum allein reicht nicht, um das Stadtleben auf lange Zeit nachhaltig zu gestalten. Etliche Faktoren und Systeme fließen in eine vollständig nachhaltige urbane Region ein, von großen Entscheidungen wie neuen U-Bahn-Tunneln, bis zu kleineren wie ein paar neuen Büschen am Gehweg.

Neue Software hilft bei komplexen Entscheidungen

Um Stadtarchitekten zu unterstützen, haben Softwareentwickler der Universität Stanford nun ein neues Programm für Stadtdesign entwickelt, welche sie im Fachmagazin Nature vorstellten. Die Software ist Teil des Natural Capital Project, bei welchem 250 Gruppen weltweit versuchen die Vorteile der Natur abzuwägen und hat ein simples Ziel: Statt durch komplizierte Forschungen, umfangreiche Studien und eventuelle Fehlversuche Möglichkeiten für eine grünere Stadt zu finden, analysiert die neue Software alle vorhandenen Daten, um akkurat herauszufinden, wo sich welche Investments am meisten lohnen. Dadurch können Städteplaner möglichst effiziente Entscheidungen treffen, die kostengünstig aber gleichzeitig auch wirksam sind.

Dadurch hilft die Software enorm bei der Stadtentwicklung. Denn unter normalen Umständen müssen für urbane Gebiete zahlreiche Faktoren einzeln abgewogen werden. Und besonders Natur und Stadtleben beeinflussen sich weitaus mehr, als es auf den ersten Blick ausschaut. Mehr Bäume am Straßenrand können beispielsweise dafür sorgen, dass benachbarte Apartments im Sommer kühler sind. Solche Faktoren müssen dann beim Bau neuer Klimaanlagen berücksichtigt werden.

Zukünftige Entwicklungen erschweren Planung

Auch kann nicht einfach ein Park neben ein Wohngebiet gebaut werden. Neben momentanen infrastrukturellen Beschränkungen müssen auch zukünftige bedacht werden. Und während momentan eine Grünanlage die beste Option für einen Bauplatz wäre, wird in fünf Jahren vielleicht ein Parkplatz benötigt. In Deutschland leiden manche Städte noch immer an schiefen Pflasterstraßen oder schwer zu navigierenden Innenstädten, weil vor 250 Jahren anders gebaut wurde als heute. Aufgrund des Denkmalschutzes kann zudem nicht einfach jede Straße weggerissen und neu gebaut werden. Viele Städte haben auch strikte Vorgaben bezüglich des Stadtdesigns. Neue Gebäude müssen beispielsweise in das Stadtbild passen, nur teilweise kommt es zu Ausnahmen.

2050 leben 70 % aller Menschen in Städten

Die neue Software namens Urban InVEST berücksichtigt zahlreiche Daten, um die bestmöglichen Investitionen zu finden. Welchen Weg gehen die meisten Menschen zum lokalen Park? Wo können Parkanlagen mit Schutz gegen Überflutungen verbunden werden? Welche Interessen haben verschiedene Stadtviertel und wie stark beeinflusst das durchschnittliche Einkommen die Freizeitaktivitäten? Und wie entwickelt sich die Bevölkerungsdichte in Städten in den nächsten Jahren? Prognosen zeigen zum Beispiel, dass bis 2050 etwa 70 % aller Menschen weltweit in Städten leben werden. In Deutschland sind es bereits 77 %.

Um nun die Software auch in sehr speziellen Situationen zu testen, wurde sie in mehreren größeren Städten weltweit ausprobiert. Und während in Paris beispielsweise die Begründung von zentralen Flächen von größter Wichtigkeit war, wurde in Minneapolis darüber geknobelt, wie ein alter Golfkurs bestmöglich genutzt werden könne.

Nützlich für jede Stadt

Für Shenzhen, eine der größten Städte Chinas, wurde durch Urban InVEST kalkuliert, wie viel Geld durch ökonomisches Bauen gespart werden könnte. Im Falle eines großen Sturms könnten durch Parkanlagen, Wiesen und Waldgebiete etwa 25 Milliarden Dollar an Schäden vermieden werden. Zudem könne die Stadttemperatur um etwa drei Grad Celsius gesenkt werden, wodurch jeden Tag 71.000 Dollar gespart werden könnten.

In Paris konnte die Software berechnen, wie stark sich die mentale Gesundheit von Menschen erhöhte, die in der Nähe der potenziell neuen Grünanlagen wohnten und wer genau von neuen Radwegen und Parks profitierte. In Minneapolis sollte der Golfkurs entweder in ein Wohngebiet oder eine Parkanlage transformiert werden. Durch Urban InVEST wurde festgestellt, dass mehr Grünfläche die Biodiversität, Luft- und Wasserqualität des Gebietes erhöhen würde, während Wohnfläche das Gegenteil bewirkte.

Software hilft bei der Energiewende weltweit

Urban InVEST wird mittlerweile weltweit eingesetzt und hat unter anderem nachhaltige Konzepte für 775 europäische Städte zur Vermeidung von Abgasen und Verminderung der Temperatur erstellt. In Zukunft kann die Software nahezu jeder Stadt dabei helfen, möglichst effektiv in erneuerbare Energien zu investieren und das gesamte Stadtleben nachhaltiger zu gestalten. Die Software wird bereits für zahlreiche Projekte genutzt, ist kostenlos und zudem Open-Source. Jeder, der interessiert ist, kann sie herunterladen, weiterentwickeln und nutzen. In Zukunft könnte Urban InVEST eines der Standardwerkzeuge für Stadtplanung und -entwicklung werden.

Nature, doi: 10.1038/s42949-021-00027-9

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