Skifahren im Schutzgebiet

Finnischer Nationalpark kombiniert Nachhaltigkeit mit Tourismus

Robert Klatt

Immer mehr Menschen verreisen. Durch die Globalisierung rückt die Weltgemeinschaft näher zusammen und fast jeder Punkt der Erde ist nur einige Flugstunden entfernt. Doch die Natur leidet unter dieser Entwicklung. Mehr Touristen in geschützten Gebieten, mehr Emissionen durch Flugzeuge und immer mehr Müll. Ein Park in Finnland hat nun aber gezeigt, dass umweltfreundlicher Tourismus nicht nur möglich, sondern auch für alle von Vorteil sein kann.

Kuopio (Finnland). Die Tourismusbranche boomt. 2020 war zwar ein harter Rückschlag und 2021 scheint sich nur leicht zu verbessern. Im letzten Jahrzehnt ist die Anzahl das weltweite Tourismus-Aufkommen nach Anzahl der Reiseankünfte aber um mehr als 50 % gestiegen. Im Vergleich zu den Zahlen im Jahre 2000 ist es sogar ein Anstieg von fast 200 %. Auch die Zahl der Flüge, Bahnreisen und Kreuzfahrten steigt stetig.

Diese Entwicklung bekommen auch viele Reiseorte zu spüren. Ob Los Angeles, Paris oder Kuala Lumpur: Jedes Jahr kommen mehr Menschen zu Besuch. Wie stark der Einfluss von Touristen, aber auch einheimischen Bewohnern mittlerweile auf die Natur ist, wurde durch den Beginn der Pandemie 2020 eindrucksvoll gezeigt. In Venedig wurden seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder Delfine gesichtet. Und in der thailändischen Stadt Lop Buri waren hunderte Affen auf den Straßen unterwegs, da die Touristen, die eigentlich Futter für die Affen daließen, durch die Pandemie ausfielen. Fast jeder Reise Blog berichtete damals über Orte, die durch die Abwesenheit von Touristen plötzlich schöner wurde und an denen die Natur „heilte“.

Ökotourismus versus Massentourismus

Das Touristen größtenteils schädlich für die Natur sind, ist kein Geheimnis. Trotzdem war es überraschend, wie schnell sich manche Gebiete durch die Abwesenheit von Menschen erholen konnten. Viele Umweltverbände forderten daraufhin eine Reduktion des Tourismus weltweit. Doch so etwas lässt sich kaum umsetzen. Da aber auch viele Touristen selbst mittlerweile nach mehr Natur streben, hat sich in den letzten Jahren ein Kompromiss zwischen Reiselust und Umweltschutz etabliert: der Ökotourismus.

Ökotourismus, auch als sanfter oder nachhaltigerer Tourismus bezeichnet, hat sich in den 1980er-Jahren als Konzept etabliert. Er beschreibt das verantwortungsvolle Reisen in naturnahe Gebiete, bei dem die Natur geschützt und Rücksicht auf die lokale Bevölkerung genommen wird. In den letzten Jahren hat das Konzept auch im Zuge der weltweiten Nachhaltigkeitsbestrebungen an immer mehr Popularität gewonnen. Laut dem Bundesamt für Naturschutz sind beim Ökotourismus nicht Großstädte oder kulturelle Sehenswürdigkeiten das Reiseziel, sondern natürliche und unberührte Landschaften.

Nationalpark Koli profitiert von Ökotourismus

Für Länder wie Finnland ist der Ökotourismus eine große Chance. Umweltschutz spielt besonders in Skandinavien aufgrund der hohen Naturverbundenheit der dortigen Länder eine große Rolle und beschränkt dadurch den Massentourismus. Denn Tourismus sorgt direkt für mehr Umweltverschmutzung. Dennoch befinden sich besonders im Osten Finnlands viele Skigebiete, die theoretisch sehr profitabel für das Land sein könnten. Eines dieser Skigebiete liegt am Berg Koli, welcher sich in der finnisch-russischen Region Karelien befindet. In den späten 1930er-Jahren entwickelte sich der Berg schnell zu einem beliebten Skigebiet, von dessen Touristen die lokalen Einwohner profitierten.

Als der Park in Laufe des 20. Jahrhunderts an immer mehr Popularität gewann, wurde er allmählich immer größer. Doch die Entwicklung der naturbelassenen Region hin zu einem Skiresort mit Tourismus-Hotspot löste zahlreiche Gegenströmungen in allen Teilen Finnlands aus. 1991 wurde der Berg mitsamt seiner Umgebung deshalb als Nationalpark ausgewiesen. Viele am Berg ansässige Bewohner waren gegen diese Entwicklung, da sie einen großen Einbruch des Tourismus und damit auch einen Verlust ihres Einkommens fürchteten. Doch durch eine starke Einbindung des Ökotourismus konnten die Menschen in Koli auf lange Zeit sogar von dem Nationalpark profitieren.

Mit Kompromissen und Gesprächen zum Erfolg

In einer Studie, welche von der Universität Ostfinnland im Fachjournal Tourism Geographies veröffentlicht wurde, wurde die Entwicklung des Tourismusgebiets um den Koli Berg genaustens analysiert. Auch die lokale Bevölkerung wurde interviewt. Die anfängliche Skepsis vieler Menschen vor Ort gegenüber dem Nationalpark wurde nach und nach durch Gespräche mit den Parkbetreibern beseitigt. Und seit der Ökotourismus-Initiative, die kurz nach der Ausweisung des Berges als Nationalpark geschah, sind die Tourismuszahlen stetig gestiegen. Während 2000 noch rund 100.000 Besucher pro Jahr den Park und die umliegende Natur erkundeten, waren es 2017 mehr als 200.000.

Die anfängliche Bedrohung eines Nationalparks für die lokale Tourismusbranche hat sich also als Vorteil erwiesen. Durch zahlreiche Projekte kommen im Koli-Park Tourismus und Naturschutz zusammen. Dieser nachhaltige Tourismus ist ein Vorteil für alle Seiten: Parkbetreiber und lokale Unternehmer profitieren von den vielen Touristen. Gleichzeitig ist es im Interesse aller, dass die Natur geschützt wird, da diese der wichtigste Anreiz für die Touristen ist. Somit profitiert auch die Umwelt. Die Studie zeigt, dass nachhaltiger Tourismus nicht nur eine funktionierende Alternative zum Massentourismus ist, sondern auch viele Vorteile gegenüber dem klassischen Reisen hat. Ähnliche Tourismus-Initiativen wie im Nationalpark Koli gibt es bereits in vielen anderen skandinavischen Ländern. In den nächsten Jahren könnte das steigende Interesse von Menschen an nachhaltigerem Reisen dafür sorgen, dass auch andere Länder mehr Wert auf eine umweltfreundlichere Tourismusbranche legen.

Tourism Geographies, doi: 10.1080/14616688.2020.1812112

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