30 % Abweichung

Stromverbrauch von Elektrogeräten oft höher als angegeben

von Robert Klatt

Der Stromverbrauch von Elektrogeräten ist in der Realität oft bis zu 30 Prozent höher als auf den Effizienzskalen angegeben. In einigen Fällen ist der Verbrauch sogar doppelt so hoch.

Berlin (Deutschland). Die Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung (EnVKV) der Europäischen Union soll den Energieverbrauch von Elektrogeräten mit farbigen Effizienzskalen auf den ersten Blick sichtbar machen und es Kunden so erleichtern, einfacher energieeffiziente Produkte auszuwählen. Die im Juli 2017 zuletzt aktualisierte Verordnung soll so zu einem stärkeren Wettbewerb zwischen den Herstellern führen, der schlussendlich aufgrund energieeffizienter Geräten zu einem geringeren Stromverbrauch führt.

Laut der Studie Closing the reality gap (PDF), die von den Umweltschutzorganisationen CLASP, ECOS, EEB und Topten.eu durchgeführt wurde, entspricht die auf der Labels angegebene Effizienzskala häufig jedoch nicht einem realistischen Verbrauch in der Praxis. Sowohl normale Haushaltsgeräte als auch professionelle Elektrogeräte für Gewerbe und Industrie wie zum Beispiel Kühl- und Gefrierschränke haben in der Realität oft einen deutlich höheren Stromverbrauch.

Mangelhaftes Prüfverfahren sorgt für falsch Energieverbrauchsangaben

Laut Wissenschaftlern des European Environmental Bureau (EBB) liegt dies daran, dass das im Testszenario eingesetzte Verfahren mit dem Einsatz in der Realität nicht übereinstimmt. Die Studienautoren haben aus diesem Grund vier kritische Problembereiche identifiziert, die überarbeitet werden müssen, um realistische Energieverbrauchsangaben treffen zu können.

Unrealistische Testmethoden: Der Nutzungsszenarien, die zur Festlegung des auf den Effizienzskalen ausgewiesenen Stromverbrauchs genutzt werden, sind unrealistisch und erlauben es den Herstellern so mit einem Energieverbrauch zu werben, der in der Realität von den allermeisten Nutzern nicht erreicht werden kann. Besonders bei gewerblich genutzten Kühlschränken kommt es deshalb zu deutlichen Abweichungen.

Veraltete Energieverbrauchsvorgaben: Die Prüfnormen werden zu selten aktualisiert und berücksichtigen deshalb technische Entwicklung oft zu spät. Hersteller können aus diesem Grund auch mit eigentlich veralteten Geräten noch sehr gute Ergebnisse in den Tests erzielen. Eine regelmäßigere Aktualisierung würde die Unternehmen hingegen zu mehr Innovation zwingen und den Stromverbrauch damit verringern.

Manipulierbarkeit der Ergebnisse: Die Kriterien sind nicht vollkommen nachvollziehbar und können von unterschiedlichen Prüfern individuell ausgelegt werden. Es kann so beim selben Elektrogerät zu unterschiedlichen Einstufungen des Energieverbrauchs kommen. Die nicht eindeutige Reproduzierbarkeit der Ergebnisse widerspricht deutlich wissenschaftlichen Standards.

Verwirrende Verbraucherinformationen: Mangelhafte, fehlende und kaum verständliche Verbraucherinformationen machen es Laien schwer den Stromverbrauch abzuschätzen und so eine Kaufentscheidung zu treffen. Bei modernen Geräten wird dies durch die große Anzahl individueller Betriebsmodi zusätzlich erschwert, weil anhand der Effizienzskalen nicht, deren jeweiliger Stromverbrauch abgelesen werden kann.

30 Prozent höherer Stromverbrauch

Die Wissenschaftler des EBB haben aus diesen Gründen neue, realistische Prüfverfahren entwickelt und diese mit unterschiedlichen Elektrogeräten erprobt. Die neuen Verfahren sehen unter anderem vor, dass Ultra-HD-Fernseher auch tatsächlich mit Ultra-HD-Videos getestet werden, das bei Kühlschränken die Türen regelmäßig geöffnet werden und dass bei Geschirrspülern das in der Praxis oft genutzte Automatikprogramm verwendet wird. Diese Prüfschritte, die zu einer realistischen Messung des Energieverbrauchs essenziell sind, sind in den EU-Prüfrichtlinien nicht vorgesehen.

Je nach Elektrogerät zeigte sich dabei, dass der realistische Stromverbrauch 20 bis 30 Prozent über dem Verbrauch liegt, für den die Effizienzskala vergeben wurde. In einigen Extremfällen verdoppelte sich der Stromverbrauch sogar.

Parallelen zum VW Abgasskandal?

Auch Studien amerikanischer Wissenschaftler kamen zu ähnlichen Ergebnissen, laut denen vor allen Fernseher im Alltag einen deutlich höheren Stromverbrauch als bei Laboruntersuchungen haben. Die Ergebnisse deuten außerdem auf Parallelen zum VW Abgasskandal hin. Laut den US-Studien ist es wahrscheinlich, dass auch Elektrogeräte selbstständig den Stromverbrauch reduzieren, wenn sie bemerken, dass ein Prüfverfahren läuft. Bei Fernsehern reicht dazu bereits eine Verringerung der Hintergrundbeleuchtung, die mit bloßem Auge nicht sofort zu erkennen ist.

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