Nur noch 350 Tiere weltweit

Künstliche Intelligenz soll seltene Wal-Art retten

Conny Zschage

Der Atlantische Nordkaper ist ein bis zu 18 Meter großer Wal, welcher an der amerikanischen Ostküste, aber auch an den Küsten Frankreichs und Englands vorkommt. Er gehört zu den am stärksten vom Aussterben bedrohten Tierarten der Welt. Nun soll eine neue Technologie dabei helfen, den Wal vorm Verschwinden zu bewahren. Auch andere Walarten könnten davon profitieren.

Norwich (England). Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es wahrscheinlich bis zu 100.000 Atlantische Nordkaper weltweit. Besonders in Küstenregionen des Nordatlantiks waren sie weitverbreitet. Selbst im westlichen Mittelmeer sollen sie damals gesichtet wurden sein. Oftmals versammelten sich mehrere hundert Tiere, um auf langsame Wanderschaft zwischen Siedlungsgebieten zu gehen. Der Atlantische Nordkaper hat nur eine maximale Geschwindigkeit von etwa 8 km/h. Ein Blauwal kann bis zu 44 km/h schnell schwimmen, ein Finnwal sogar bis zu 47 km/h. Zu den Merkmalen des Atlantischen Nordkapers gehört auch, dass er einen sehr hohen Blubberanteil von etwa 40 % hat. Das ist Rekord unter den Walarten. Als Blubber versteht man die mehrere Zentimeter dicke Fettschicht von Walen, aus welcher Tran bzw. Fischöl gewonnen werden kann.

All diese Eigenschaften machen den Atlantischen Nordkaper zu einem äußerst beliebten Ziel für Walfänger. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde er nahezu ausgerottet. Nachdem kaum noch Bestände übrig waren, folgte die fast vollständige Vernichtung aller Grönlandwale, gefolgt von der ebenfalls fast vollständigen Jagd auf den Pazifischen Nordkaper. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als Walfang in vielen Ländern verboten wurde, erholten sich die meisten Walbestände. Doch der Atlantische Nordkaper blieb stark gefährdet.

Überfischung und Schiffsverkehr gefährden Bestände weiterhin

Obwohl es weltweit kaum noch legalen Walfang gibt, sind Wale wie der Rest des Ozeans akut bedroht. Überfischung und Umweltverschmutzung, aber auch kommerzielle Seefahrt und Rohstoffgewinnung sind eine Gefahr für das gesamte aquatische Leben. Da der Atlantische Nordkaper in Küstenregionen lebt, ist er zusätzlich auch noch von Strandtourismus und Ölgewinnung durch Bohrplattformen bedroht. Da dasselbe auch für Ruderfußkrebse gilt, welche die Hauptnahrung des Wales sind, muss er zunehmend durch gefährdete Gewässer navigieren, um Nahrung zu finden. Der Gesamtbestand beträgt momentan rund 350 Tiere, aber nur circa 100 gebärfähige Weibchen, welche den Fortbestand der Art garantieren.

Künstliche Intelligenz als Frühwarnsystem

Um die Wale besser zu schützen und den Bestand besser im Auge zu behalten, wurde nun eine Technik entwickelt, welche mithilfe von maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz (KI) Atlantische Nordkaper aufspüren kann. Dafür nehmen sehr sensible Mikrofone an Schiffen oder auf dem Meeresgrund alle Geräusche auf, die sie empfangen. Diese Audiospur kann dann in Echtzeit von der KI analysiert werden. Diese ist speziell darauf trainiert, die Rufe des Wales von anderen Geräuschen wie Schiffen oder Bohrungen zu unterscheiden. Dadurch können die Wale besser geortet und überwacht werden.

Veraltete Technik bei Walüberwachung

Denn trotz vieler moderner Technologien ist die billigste Methode zur Zählung und Überwachung von Walbeständen immer noch das tatsächliche Auffinden durch Forschungsschiffe, welche oftmals viele Tage durch den Ozean fahren, mit der Hoffnung auf eine Herde zu stoßen. Da eine Schifffahrt alleinig zum Auffinden ein paar Wale aber weder effektiv noch sonderlich kosteneffizient ist, löst diese neue Technik die traditionelle Methode hoffentlich bald ab.

Entwickelt wurde sie von der Universität von East Anglia in Norwich in Partnerschaft mit der Scottish Association for Marine Science. Zusammen veröffentlichten sie ihre gemeinsame Arbeit in der Fachzeitschrift The Journal of the Acoustical Society of America. Die neue Methode zur Erkennung von Atlantischen Nordkapern kann theoretisch auch als Basis für ähnliche Programme zur genaueren Überwachung ähnlicher Wahlarten dienen. Aber auch eine Überwachung von komplett anderen Tierarten, wie speziellen Vogelarten in lauten Großstädten wäre theoretisch möglich.

The Journal of the Acoustical Society of America, DOI: 10.1121/10.0005128

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