Eiskugel

Sydneyer Klinik friert Tumore im MRT auf minus 180 Grad ein

 Dennis Lenz

Sydneyer Klinik friert Tumore im MRT auf minus 180 Grad ein
(Symbolbild). Bei der Kryoablation wird eine dünne Sonde direkt in den Tumor geführt und über verdichtetes Gas auf Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt gebracht. Ein präzise geformter Eisball zerstört das erkrankte Gewebe, während die MRT-Bildgebung den Prozess in Echtzeit sichtbar macht. Das Verfahren erlaubt Eingriffe nahe empfindlicher Strukturen wie Rückenmark und Leber ohne offene Operation. (Foto: © Forschung und Wissen)

Am Liverpool Hospital im Südwesten von Sydney ist Australiens erstes öffentliches System zur MRT-gesteuerten Kryoablation in Betrieb gegangen. Eine dünne Sonde dringt durch einen winzigen Hautstich in den Tumor vor, verdichtetes Argon-Gas kühlt die Spitze auf rund minus 180 Grad Celsius, und innerhalb von Sekunden erstarrt das erkrankte Gewebe zu einem Eisklumpen. Die Besonderheit liegt in der Kombination mit hochauflösender Kernspintomografie, die den wachsenden Eisball in Echtzeit zeigt. Damit lassen sich selbst Tumore unmittelbar neben Rückenmark oder Leber ansteuern, ohne das umliegende gesunde Gewebe zu zerstören. Für viele Patienten endet der Eingriff ambulant und noch am selben Tag.

Kryoablation bezeichnet ein minimalinvasives Verfahren, bei dem krankhaftes Gewebe nicht herausgeschnitten, sondern gezielt bis zum Zelltod gefroren wird. Über eine hohle Nadel, die als Kryosonde bezeichnet wird, strömt ein verdichtetes Gas, das sich beim Entspannen stark abkühlt und an der Sondenspitze extreme Minusgrade erzeugt. Um die Spitze bildet sich eine kugelförmige Zone aus Eis, in der die Zellen absterben. Der Gewebeschaden entsteht durch mehrere Mechanismen zugleich: Innerhalb der Zellen wachsen Eiskristalle, die Membranen zerreißen, der Stoffwechsel bricht zusammen, und die Blutversorgung des Areals wird unterbrochen. Diese Kältetechnik wird in der interventionellen Radiologie seit Längerem etwa bei Nieren-, Prostata- und Lungentumoren eingesetzt, meist unter Ultraschall- oder Computertomografie-Kontrolle mit ihrer jeweils begrenzten Weichteildarstellung.

Neu ist die Steuerung des Eingriffs innerhalb eines Magnetresonanztomografen. Die MRT liefert einen deutlich besseren Weichteilkontrast als Röntgenverfahren und stellt zugleich die Ausbreitung des Eises dar, weil gefrorenes Gewebe im Bild anders erscheint als ungefrorenes. Der behandelnde Arzt sieht auf hochauflösenden Bildschirmen, wie sich der Eisball ausdehnt, und kann kontrollieren, ob er die gesamte Läsion erfasst, ohne benachbarte Strukturen zu bedrohen. Gerade an heiklen Orten wie der Wirbelsäule, wo das Rückenmark nur Millimeter entfernt liegt, entscheidet diese Präzision über das Risiko des Eingriffs. Die Behandlung erfolgt über einen kleinen Einstich, sodass keine Schnitte, Nähte oder Metallimplantate nötig sind. Für empfindliche oder ältere Patienten, für die eine offene Operation ein hohes Risiko darstellt, eröffnet dieser Ansatz eine schonende Alternative zur klassischen Chirurgie.

Wie Argon-Gas und Echtzeitbilder den Tumor gezielt vereisen

Das Verfahren beruht auf einem physikalischen Prinzip, das sich technisch fein steuern lässt. Verdichtetes Argon strömt durch die Kryosonde und kühlt beim Ausdehnen schlagartig ab, wodurch die Spitze auf Temperaturen um minus 180 Grad Celsius sinkt und sich das umliegende Gewebe in einen kontrollierten Eiskörper verwandelt. In vielen Systemen folgt anschließend ein Auftauzyklus, häufig mit Helium, bevor erneut gefroren wird. Dieser Wechsel aus Frieren und Tauen verstärkt die Zerstörung der Zellen, weil die Eiskristalle die Zellstrukturen mechanisch zerreißen und die Wiedererwärmung zusätzliche Schäden hinterlässt. Die minimalinvasive Behandlung von Tumoren durch Vereisung nutzt damit gezielt die Empfindlichkeit lebender Zellen gegenüber extremer Kälte. Weil die Grenze des Eisballs im MRT sichtbar bleibt, kann das Team die Vereisung stoppen, sobald der Rand die gesunde Umgebung erreicht.

Am Liverpool Hospital findet der Eingriff in einer eigens eingerichteten Suite statt, die mehrere bildgebende Verfahren in einem Raum vereint. Kernspintomografie, Angiografie und Computertomografie stehen dort gemeinsam bereit, sodass Diagnose, Nadelplatzierung und Behandlung in einer einzigen Sitzung ablaufen, ohne dass der Patient zwischen verschiedenen Räumen verlegt werden muss. Nach Angaben der zuständigen Gesundheitsbehörde des Bundesstaats New South Wales ist es die erste Einrichtung des Landes, die MRT-Bildgebung und Kryoablation im öffentlichen Gesundheitswesen auf diese Weise verbindet. Die interventionelle Radiologie erhält damit ein Werkzeug, das Präzision und Schonung verbindet und den Eingriff auf einen winzigen Zugang reduziert.

Warum die Wirbelsäule bislang als besonders heikel galt

Der Nutzen zeigt sich besonders bei Tumoren an der Wirbelsäule. Bislang bedeutete eine Läsion in diesem Bereich häufig einen großen Eingriff, bei dem Chirurgen Knochen entfernen und die Statik mit Schrauben oder Metallimplantaten sichern mussten, gefolgt von einer Erholung über Monate. Eine der ersten Behandelten am Liverpool Hospital war eine Frau in ihren Sechzigern, deren neun Millimeter großer Tumor in der Wirbelsäule starke Schmerzen verursachte. Statt einer offenen Operation erhielt sie die vereisende Behandlung unter dem Scanner und war innerhalb eines Tages schmerzfrei, ohne Schnitte und ohne Schrauben. Solche Fallbeispiele verdeutlichen, warum das Verfahren gerade für schwer zugängliche oder für eine Operation ungeeignete Tumore als vielversprechend gilt. Neben Läsionen an der Wirbelsäule richten die Ärzte den Blick bereits auf Tumore in Leber und Niere.

Bei aller Aufbruchsstimmung bleibt die Methode kein Allheilmittel. Ob ein Tumor für die Vereisung geeignet ist, hängt von Größe, Lage und der Nähe zu lebenswichtigen Strukturen ab; große oder tief eingebettete Geschwülste erfordern weiterhin klassische Verfahren. Da die Technik in dieser Kombination noch jung ist, fehlen belastbare Langzeitdaten über viele Jahre, weshalb die Behandlungsergebnisse systematisch mit Operationen und anderen Ablationsmethoden verglichen werden müssen. Auch der apparative Aufwand ist erheblich, denn die Verbindung aus Kernspintomograf, Kältetechnik und spezialisiertem Team setzt erhebliche Investitionen voraus, die kleinere Kliniken nicht ohne Weiteres stemmen können. Dennoch markiert die Inbetriebnahme in Sydney einen konkreten Schritt hin zu einer Krebsbehandlung, die schwer erreichbare Tumore ohne Skalpell erreicht und die Belastung für die Patienten spürbar senkt.

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