Robert Klatt
In der Serie „Breaking Bad“ wird der Hauptdarsteller nach seiner Krebsdiagnose kriminell. Nun wurde untersucht, ob der sogenannte „Breaking Bad“-Effekt real ist und die moralischen Grenzen eines Menschen tatsächlich verschiebt.
Kopenhagen (Dänemark). In der Serie „Breaking Bad“ wird beim Hauptdarsteller Walter White tödlicher Lungenkrebs diagnostiziert. Um seine Behandlungskosten zu decken und seine Familie nach seinem potenziellen Tod zu versorgen, beginnt der Chemielehrer daraufhin mit der Herstellung von Methamphetamin. Eine Studie der Universität Kopenhagen (KU) hat nun untersucht, ob dieser sogenannte „Breaking Bad“-Effekt tatsächlich existiert und ob ein plötzlicher gesundheitlicher Schock die moralischen Grenzen eines Menschen verschiebt und es wahrscheinlicher macht, dass er kriminell handelt.
Die Studie basiert auf Gesundheits- und Kriminalitätsdaten der gesamten dänischen Bevölkerung aus dem Zeitraum von 1980 bis 2018. Bei 368.317 Personen wurde in diesem Zeitraum Krebs diagnostiziert, während die anderen Personen als Kontrollgruppe verwendet wurden. Die umfassende Datenanalyse offenbart, dass eine Krebsdiagnose tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, kriminell zu handeln, deutlich erhöht (+ 14 %).
Im ersten Jahr nach der Diagnose nimmt die Kriminalitätsrate zunächst leicht ab, wohl weil die Chemotherapie und Bestrahlung körperlich sehr belastend sind. Zwei Jahre nach der Krebsdiagnose kehrt sich dieser Trend aber um und die Wahrscheinlichkeit für kriminelles Verhalten steigt über das Ausgangsniveau hinaus an. In den Jahren danach verstärkt sich dieser Trend und bleibt über mehr als ein Jahrzehnt bestehen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Personen bereits vor ihrer Krebsdiagnose kriminell waren.
Die Studienautoren erklären den Zusammenhang zwischen der Kriminalität und einer kritischen Diagnose mit dem Konzept des „rationalen Verbrechers“, das die Ökonomen Gary Becker und Isaac Ehrlich in den 1960er Jahren entwickelten. Kriminelle handeln demnach nicht immer aus Bosheit, sondern treffen eine Abwägung aus Nutzen und Risiko ihrer Handlung. Dabei stellen sie den potenziellen Gewinn einer Straftat der Wahrscheinlichkeit, gefasst zu werden, und der realistischen Strafe gegenüber.
Bei vielen Krebspatienten führt die Krankheit dazu, dass ihre Beschäftigungswahrscheinlichkeit und ihr Einkommen sinken. Krebspatienten stehen also auch in Dänemark, wo alle Bürger eine kostenlose, universelle Gesundheitsversorgung nutzen können, oft vor einer schwierigen finanziellen Situation, die dazu führt, dass illegale Einkommensquellen attraktiver werden.
Bei Männern war die Zunahme der Kriminalität deutlich höher als bei Frauen. Dies ist deckungsgleich mit anderen Studien der Psychologie, die gezeigt haben, dass Männer auf eine Lebenskrise öfter mit strafbarem Verhalten reagieren. Die größte absolute Zunahme der Kriminalität ist bei Menschen mit niedrigem Einkommen aufgetreten, der höchste relative Zuwachs aber bei Menschen mit hohem Einkommen. Laut den Forschern könnte dies daran liegen, dass die Sozialleistungen in Dänemark gedeckelt sind. Der Einkommensverlust ist deshalb bei eher wohlhabenden Haushalten nach einer Krebsdiagnose oft deutlich höher als bei Menschen, die bereits zuvor nur über wenig Geld verfügt haben.
Die nach einer Krebsdiagnose oft sinkenden Einkommen können jedoch nur die Zunahme von Eigentums- und Betrugsdelikten erklären, nicht aber die Zunahme von Gewaltdelikten, durch die der Täter keinen finanziellen Vorteil erlangt. Trotzdem ist die Zunahme bei Gewaltdelikten nach einer Krebsdiagnose deutlich höher (+ 38 %) als bei der Wirtschaftskriminalität (+ 14 %).
Es müssen also noch andere psychologische Mechanismen bestehen, die für die Zunahme der Kriminalität verantwortlich sind. Laut den Autoren ist dies vor allem die geringere Überlebenswahrscheinlichkeit, die die erwarteten Konsequenzen einer potenziellen Strafe, etwa die Zeit im Gefängnis, reduziert. Menschen, die ohnehin davon ausgehen, in den kommenden Jahren zu sterben, haben demnach weniger Angst vor einer kommenden Haftstrafe.
Quellen:
Pressemitteilung der Tilburg University
Studie im Fachmagazin American Economic Journal: Applied Economics, doi: 10.1257/app.20220769