Robert Klatt
Sexuelle Fantasien kommen bei fast allen Menschen vor. Eine große Umfrage zeigt nun, bei welchen Persönlichkeitstypen sie am häufigsten auftreten.
East Lansing (U.S.A.). Sexuelle Fantasien gehören bei den meisten Menschen zum Alltag und stimmen oft nicht mit der tatsächlich ausgelebten Sexualität überein. Die Psychologie hat entdeckt, dass sie bei jungen Erwachsenen öfter auftreten als bei Senioren und bei Männern öfter als bei Frauen. Nun haben Forscher der Michigan State University (MSU) eine Studie publiziert, die untersucht hat, ob es auch Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von sexuellen Fantasien und der Persönlichkeit gibt. Die Wissenschaft hat diesen Zusammenhang zuvor kaum untersucht.
Die Forscher um die Psychologin Emily Cannoot sind in ihrer Studie der allgemeinen Definition von sexueller Fantasie gefolgt, also einer „mentalen Vorstellung, die für die Person sexuell erregend oder erotisch ist“. Diese Definition wird in der Forschung noch in vier Subkategorien unterteilt, nämlich explorative Fantasien, etwa Sex an ungewöhnlichen Orten oder mit mehreren Personen, distanzierte Fantasien, etwa das Beobachten von anderen Menschen bei intimen Handlungen (Voyeurismus), gefühlvolle Fantasien, die sich vor allem um emotionale Verbundenheit und romantische Stimmung drehen, und Fantasien mit dominanten und unterwürfigen Elementen.
Im Rahmen der Studie haben über 5.000 Probanden aus den U.S.A. angegeben, wie oft sie 40 unterschiedliche sexuelle Fantasien haben. Die Skala reichte von „nie“ bis „täglich. Außerdem haben die Teilnehmer einen standardisierten Fragebogen zu den Big Five beantwortet, um ihren Persönlichkeitstyp zu ermitteln. Die fünf Persönlichkeitsdimensionen umfassen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und die Offenheit für Erfahrungen.
Laut den Antworten kommen sexuelle Fantasien bei offenen, neugierigen Persönlichkeitstypen und bei extrovertierten Personen etwa durchschnittlich oft vor. Bei Menschen, die in der Kategorie Gewissenhaftigkeit oder Verträglichkeit hohe Werte haben, sind sexuelle Fantasien unterdurchschnittlich selten, vor allem bei Personen mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein und einem starken Respekt. Am häufigsten sind sexuelle Fantasien bei sogenannten neurotischen Personen, vor allem bei Menschen mit depressiven Persönlichkeiten.
Die Studie kann nicht beantworten, wieso die Häufigkeit von sexuellen Gedanken sich zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeitstypen stark unterscheidet. Die Forscher halten es jedoch für wahrscheinlich, dass verantwortungsbewusste Persönlichkeiten einen hohen moralischen Anspruch an sich und andere Personen haben und deshalb sexuelle Gedanken vermeiden. Dies könnte auch auf Personen mit einem verträglichen Persönlichkeitstyp zutreffen, die sexuelle Gedanken wohl aufgrund ihres Respekts für andere Menschen unterdrücken. Dafür spricht auch, dass sie am seltensten sadomasochistische Fantasien haben.
Dass besonders Menschen mit neurotischen Eigenschaften häufig sexuelle Fantasien haben, ist laut den Forschern nicht überraschend, unter anderem, weil frühere Studien gezeigt haben, dass bei ihnen sowohl positive als auch negative Gedanken aus den unterschiedlichsten Bereichen öfter auftreten. In der Psychologie gibt es eine Theorie, dass dadurch negative Gedanken bei ihnen ausgeglichen und unterdrückt werden sollen. Dafür spricht auch, dass sexuelle Fantasien vor allem bei Menschen mit Depressionen vorkamen, aber nicht bei ebenfalls neurotischen Personen, die unter Ängstlichkeit und emotionaler Unbeständigkeit leiden.
Quellen:
Studie im Fachmagazin Plos One