Dennis L.
Hundemenschen und Katzenmenschen sind kein bloßes Internet-Klischee. Psychologische Studien zeigen, dass Tierpräferenz mit Persönlichkeit, Alltag und früher Erfahrung zusammenhängen kann. Entscheidend ist aber nicht ein einfacher Charaktertyp, sondern das Zusammenspiel aus Bindung, Gewohnheit und Lebensumfeld. Gerade deshalb mögen viele Menschen nicht einfach irgendein Haustier, sondern fühlen sich von Hunden oder Katzen besonders deutlich angesprochen.
Wenn Menschen sich als Hundemenschen und Katzenmenschen beschreiben, meinen sie meist mehr als eine Vorliebe für ein bestimmtes Tier. Die Selbstbeschreibung enthält oft eine Aussage über den eigenen Alltag, über Nähe und Distanz, über Aktivität, Ruhe, Kontrolle und Verlässlichkeit. In der Psychologie ist eine solche Tierpräferenz interessant, weil sie an stabile Persönlichkeitsmerkmale anschließen kann, ohne selbst eine feste Diagnose oder ein unveränderliches Persönlichkeitsprofil zu sein. Das Modell der Big Five beschreibt Persönlichkeit über fünf breite Dimensionen: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Offenheit für Erfahrung. Eine Vorliebe für Hunde oder Katzen kann in diesem Rahmen als kleiner, aber sichtbarer Hinweis darauf gelesen werden, welche sozialen Situationen, Routinen und Bindungsformen ein Mensch im Alltag bevorzugt. Genau deshalb ist die Frage nicht nur niedlich, sondern ein ernstzunehmendes Thema der Alltagspsychologie.
Hunde und Katzen unterscheiden sich nicht nur biologisch, sondern auch in der Art, wie Menschen mit ihnen leben. Hunde verlangen Spaziergänge, Training, direkte Aufmerksamkeit und häufige soziale Abstimmung. Katzen sind stärker an Revier, Rückzugsorte und selbst gewählte Nähe gebunden. Deshalb passt die Wahl eines Tieres oft zu bereits vorhandenen Lebensmustern. Wer klare Routinen mag, gern nach draußen geht und soziale Resonanz sucht, erlebt Hunde häufig als besonders passende Begleiter. Wer Ruhe, flexible Nähe und Unabhängigkeit schätzt, findet sich eher in der Beziehung zu Katzen wieder. Diese Muster erklären auch, warum Haustiere psychologisch so unterschiedlich erlebt werden können, obwohl sie allgemein Nähe, Verantwortung und emotionale Stabilität in den Alltag bringen. Der Unterschied liegt weniger im Wert des Tieres, sondern in der Passung zwischen Tierverhalten und menschlichem Bedürfnis.
Eine Big Five Analyse in Anthrozoös verglich 4.565 Teilnehmer, die sich selbst als Hundemenschen, Katzenmenschen, beides oder keines von beidem einordneten. In dieser Stichprobe bezeichneten sich 46 Prozent als Hundemenschen, 12 Prozent als Katzenmenschen, knapp 28 Prozent als beides und 15 Prozent als keines von beidem. Die Unterschiede lagen nicht darin, dass eine Gruppe generell besser oder schlechter abschnitt. Hundemenschen erreichten im Mittel höhere Werte bei Extraversion, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Katzenmenschen lagen im Mittel höher bei Offenheit für Erfahrung und Neurotizismus. Letzteres bedeutet nicht psychische Krankheit, sondern eine stärkere Tendenz zu Sensibilität, innerer Anspannung oder vorsichtiger Reaktion auf Belastung. Wichtig ist auch die Größenordnung: Die Effekte waren statistisch messbar, aber nicht groß genug, um einzelne Personen sicher einzuordnen oder aus einer Tierliebe eine feste Charakterdiagnose abzuleiten.
Eine 2024 veröffentlichte Studie im Fachjournal Animals ergänzte diese Sicht durch Daten zu früher Tiererfahrung, Wohnort und tatsächlichem Umgang mit Tieren. Unter den befragten Tierhaltern ordneten sich 63,3 Prozent eher Hunden und 36,7 Prozent eher Katzen zu. Die Forscher fanden zudem, dass Hundevorlieben von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter stabiler blieben als Katzenvorlieben. Menschen, die später von einer Hundepräferenz zu einer Katzenpräferenz wechselten, hatten besonders häufig in der Kindheit keinen engen Kontakt zu Katzen. Auch der Wohnort spielte eine Rolle: Katzenmenschen lebten häufiger in städtischer Umgebung, Hundemenschen häufiger ländlich. Tierpräferenz entsteht damit nicht allein aus Persönlichkeit, sondern auch aus Verfügbarkeit, Erfahrung und den praktischen Anforderungen des eigenen Umfelds. Die frühe Tiererfahrung kann also spätere Vorlieben prägen, ohne sie vollständig festzulegen.
Hundemenschen suchen nicht zwingend mehr Nähe als andere Menschen. Die Forschung deutet eher darauf hin, dass Hunde eine bestimmte Form von Nähe besonders gut bedienen. Ein Hund reagiert sichtbar auf Blickkontakt, Stimme, Körperhaltung und Bewegung. Er braucht tägliche Aktivität, klare Regeln und regelmäßige Pflege. Dadurch entsteht eine Beziehung, die stark über gemeinsame Handlung organisiert ist. Menschen mit höherer Extraversion erleben diese ständige Rückmeldung oft als angenehm, weil der Hund soziale Interaktion erleichtert und auch außerhalb der Wohnung Kontakte auslösen kann. Gewissenhaftigkeit passt ebenfalls zu Hunden, weil Fütterung, Training, Gassi-Runden und Gesundheitsvorsorge feste Abläufe verlangen. Die Präferenz für Hunde kann deshalb anzeigen, dass ein Mensch Bindung nicht nur über Gefühl, sondern auch über verlässliche gemeinsame Routine erlebt. Aus psychologischer Sicht ist der Hund damit weniger ein Statussymbol als ein sozialer Taktgeber.
Die besondere Nähe zwischen Menschen und Hunden hat auch eine biologische und kulturgeschichtliche Grundlage. Hunde wurden über viele Generationen auf Kooperation mit Menschen selektiert und reagieren stärker auf menschliche Signale als ihre wilden Verwandten. Dieser Unterschied erklärt, warum Wölfe trotz Aufzucht durch Menschen nicht dieselbe berechenbare Bindung entwickeln wie Hunde. Für Hundemenschen ist genau diese Berechenbarkeit zentral. Ein Hund ist ansprechbar, erwartbar und oft deutlich auf den Menschen ausgerichtet. Das kann Menschen entgegenkommen, die soziale Klarheit, direkte Reaktion und eine aktive Rolle in Beziehungen bevorzugen. Der Hund verstärkt solche Bedürfnisse im Alltag, weil seine Haltung mehr Planung, Bewegung und Verantwortung sichtbar macht als die Haltung vieler anderer Haustiere. Diese Anforderungen können anstrengend sein, aber für passende Besitzer auch psychologisch stabilisierend und sinnstiftend.
Katzenmenschen werden in Studien häufiger mit Offenheit für Erfahrung und geringerer Extraversion in Verbindung gebracht. Das bedeutet nicht, dass sie unsozial sind. Es beschreibt eher eine andere bevorzugte Balance zwischen Nähe und Eigenständigkeit. Katzen erlauben Kontakt, ohne ihn permanent einzufordern. Sie können sehr eng gebunden sein, behalten aber stärker die Kontrolle über Zeitpunkt, Intensität und Dauer der Interaktion. Für Menschen, die Reizüberflutung vermeiden, gern selbst entscheiden und Beziehungen weniger über feste Abläufe organisieren, kann diese Form der Tierbeziehung besonders passend sein. Auch städtische Wohnungen begünstigen Katzen, weil sie weniger Raum, keine täglichen Spaziergänge und geringere öffentliche Abstimmung verlangen. Katzen passen damit oft zu Lebensformen, in denen Ruhe, flexible Tagesstrukturen und private Rückzugsräume wichtiger sind als regelmäßige Aktivität im Außenraum. Die Präferenz kann deshalb eine nüchterne Anpassung an Alltag und Temperament sein.
Menschen, die Hunde und Katzen gleichermaßen mögen, widersprechen dieser Logik nicht. Sie zeigen eher, dass Tierpräferenz kein starres Entweder-oder ist. In der älteren Big Five Studie ordnete sich mehr als ein Viertel der Teilnehmer beiden Gruppen zu, während eine kleinere Gruppe keine klare Präferenz angab. Das passt zu einem dimensionalen Verständnis von Persönlichkeit: Ein Mensch kann sozial, gewissenhaft und zugleich offen, sensibel und autonom sein. Außerdem verändern Lebensphasen die praktische Passung eines Tieres. Ein Student in einer kleinen Wohnung kann Katzen bevorzugen, später mit Garten und Familie aber Hunde. Umgekehrt kann ein früherer Hundemensch im ruhigeren Alltag eine Katze als passender erleben. Hundemenschen und Katzenmenschen entstehen deshalb aus Persönlichkeit, Lebensumfeld und Erfahrungen mit Tieren zugleich, nicht aus einem einzigen psychologischen Schalter. Die wichtigste Schlussfolgerung lautet: Die Tierliebe sagt weniger über einen festen Typ aus als über die Beziehung, die ein Mensch gerade gut leben kann.
Anthrozoös, Personalities of Self-Identified “Dog People” and “Cat People”; doi:10.2752/175303710X12750451258850
Animals, Evaluation of Characteristics Associated with Self-Identified Cat or Dog Preference in Pet Owners and Correlation of Preference with Pet Interactions and Care: An Exploratory Study; doi:10.3390/ani14172534