Millionen Berufstätige planen ihre freien Wochen nach einem Prinzip, das die Erholungsforschung inzwischen infrage stellt. Eine Metaanalyse der University of Georgia hat 32 Studien mit 256 Effektstärken aus neun Ländern ausgewertet, darunter auch Daten aus Deutschland. Die Auswertung zeigt, wie stark das Wohlbefinden während der Ferien tatsächlich steigt und wie lange dieser Zustand nach der Rückkehr anhält. Ein weit verbreitetes Urlaubsritual schneidet dabei überraschend schlecht ab.
Die Erholungsforschung beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, wie Menschen die Belastungen des Arbeitslebens ausgleichen. Nach dem sogenannten Effort-Recovery-Modell verbraucht jede berufliche Anstrengung körperliche und mentale Ressourcen, die anschließend wieder aufgefüllt werden müssen. Gelingt dieser Ausgleich nicht, summieren sich Ermüdung und Anspannung über Wochen und Monate, was das Risiko für Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und stressbedingte Erkrankungen erhöht. Der Jahresurlaub gilt dabei als wichtigste Erholungsgelegenheit überhaupt, weil er anders als Feierabende und Wochenenden eine längere zusammenhängende Distanz zum Arbeitsplatz schafft. Gleichzeitig hat sich die Arbeitswelt durch Homeoffice, ständige Erreichbarkeit und dichte Terminkalender so verändert, dass die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zunehmend verschwimmen. Umso drängender ist die Frage, unter welchen Bedingungen die Erholung im Urlaub tatsächlich gelingt.
Lange Zeit lieferte die Wissenschaft dazu ein ernüchterndes Bild. Eine einflussreiche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2009 kam zu dem Ergebnis, dass Urlaube das Wohlbefinden nur geringfügig steigern und dieser Effekt nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz innerhalb weniger Tage verpufft. Fachleute sprechen dabei vom Fade-out-Effekt, also dem raschen Abklingen der Erholungswirkung im Alltag. Seit dieser Auswertung ist die Zahl der Urlaubsstudien jedoch deutlich gestiegen, zudem stehen heute präzisere statistische Verfahren zur Verfügung, um Messungen vor, während und nach den Ferien zusammenzuführen. Ein Forscherteam aus den Vereinigten Staaten hat diese Datenbasis nun systematisch neu ausgewertet und geprüft, welche Aktivitäten, Urlaubslängen und kulturellen Rahmenbedingungen den Erholungswert einer Auszeit bestimmen. Die Ergebnisse zeichnen ein deutlich anderes Bild als die bisherige Lehrmeinung.
Das Team um den Psychologen Ryan Grant von der University of Georgia hat gemeinsam mit Beth Buchanan und Kristen Shockley für seine Metaanalyse im Journal of Applied Psychology insgesamt 32 Einzelstudien mit 256 Effektstärken ausgewertet, die Daten aus neun Ländern enthalten, darunter auch Erhebungen aus Deutschland. Anders als die ältere Übersichtsarbeit von 2009 konnten die Forscher dabei auf deutlich mehr Untersuchungen zurückgreifen, in denen das Wohlbefinden nicht nur vor und nach der Auszeit, sondern auch währenddessen gemessen wurde. Zudem nutzten sie modernere statistische Verfahren, um die teils sehr unterschiedlichen Studiendesigns vergleichbar zu machen. Auf diese Weise entstand die bislang umfangreichste Datengrundlage zur Frage, wie stark Ferien das seelische Gleichgewicht von Beschäftigten tatsächlich verändern.
Die Ergebnisse fallen eindeutig aus. Auf einer Skala von eins bis fünf stieg das durchschnittliche Wohlbefinden der Beschäftigten von 2,93 im Arbeitsalltag auf 3,69 während der Ferien, ein für psychologische Feldstudien ungewöhnlich großer Sprung. Damit ist der Urlaubseffekt erheblich stärker, als die Forschung jahrelang angenommen hatte. Noch überraschender ist der zweite Befund: Die Erholung verschwindet nach dem letzten Ferientag nicht innerhalb weniger Tage, sondern baut sich deutlich langsamer ab als gedacht. Nach den Berechnungen der Autoren erreicht das Wohlbefinden im Schnitt erst rund 43 Tage nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz wieder das Ausgangsniveau von vor der Auszeit. Ein gelungener Sommerurlaub kann demnach bis weit in den Herbst hinein nachwirken, sofern die Auszeit richtig gestaltet wird.
In einem zweiten Schritt untersuchten die Forscher anhand von acht Studien mit 69 Effektstärken, welche Urlaubsgestaltung den größten Nutzen bringt. Das Ergebnis widerspricht dem klassischen Bild vom Liegestuhl als Inbegriff der Regeneration: Rein passive Beschäftigungen wie Faulenzen, Sonnenbaden oder stundenlanges Dösen zeigten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit einem höheren Wohlbefinden. Am stärksten profitierten dagegen Urlauber, bei denen körperliche Aktivität wie Wandern, Schwimmen oder Radfahren auf dem Programm stand. Gesellige Unternehmungen mit Familie oder Freunden erzielten immerhin einen moderaten Effekt. Als entscheidender Einzelfaktor erwies sich zudem das Abschalten von der Arbeit: Wer im Urlaub gedanklich beim Job blieb, E-Mails las oder Anrufe von Kollegen annahm, verschenkte einen großen Teil der möglichen Erholung, und zwar sowohl während der Ferien als auch in den Wochen danach.
Studienleiter Grant verweist in einer Mitteilung der University of Georgia darauf, dass Urlauber, die gedanklich ständig bei beruflichen Aufgaben bleiben, den Wert ihrer Auszeit weitgehend einbüßen. Für spürbare Effekte ist dabei kein sportliches Extremprogramm nötig, schon regelmäßige Spaziergänge, Stadterkundungen zu Fuß oder gemütliche Radtouren zählen zu den wirksamen Aktivitäten. Die Erholungsforschung erklärt diesen Zusammenhang unter anderem damit, dass Bewegung Stresshormone abbaut, den Schlaf verbessert und zugleich neue Sinneseindrücke liefert, die das Grübeln über den Job unterbrechen. Das subjektive Wohlbefinden unterliegt darüber hinaus auch im Alltag messbaren Schwankungen, wie Untersuchungen zu der Frage zeigen, zu welcher Uhrzeit Menschen am glücklichsten sind. Für die Urlaubsplanung bedeutet das: Nicht der Ort entscheidet über die Erholung, sondern das Verhalten vor Ort.
Auch die Rahmenbedingungen verändern den Urlaubseffekt deutlich. Längere Ferien steigerten das Wohlbefinden stärker als kurze Auszeiten, allerdings sank die Stimmung nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz umso schneller, je länger die Pause gedauert hatte. Die Forscher vermuten dahinter einen Gewöhnungseffekt: Wer sich über zwei Wochen oder länger im Feriengefühl einrichtet, empfindet den Kontrast zum Arbeitsalltag anschließend als besonders hart. Wie stark die Psyche solche Übergänge verzerrt, zeigt auch das bekannte Phänomen, warum der Rückweg aus dem Urlaub kürzer erscheint als die Hinfahrt. Zudem spielte die Landeskultur eine Rolle: In stark leistungsorientierten Gesellschaften wie den Vereinigten Staaten stieg das Wohlbefinden während der Ferien besonders deutlich an, fiel nach der Rückkehr aber auch rascher wieder ab. In Ländern mit mehr gesetzlich garantierten Urlaubstagen profitierten Beschäftigte insgesamt stärker, vermutlich weil das Urlaubnehmen dort gesellschaftlich breiter akzeptiert ist.
Für Deutschland mit seinem gesetzlichen Mindestanspruch von 24 Werktagen sind die Befunde besonders relevant, weil viele Beschäftigte ihre freien Tage nicht vollständig ausschöpfen oder im Urlaub erreichbar bleiben. Die Autoren weisen zugleich auf offene Fragen hin: Ob Erholung zu Hause, auf Reisen oder in einer Mischform besser funktioniert, ließ sich aus den Daten nicht eindeutig ableiten. Auch körperliche Messgrößen wie Herzfrequenz oder Stresshormonspiegel wurden in den ausgewerteten Studien zu selten erfasst, um belastbare Aussagen zu treffen. Trotz dieser Einschränkungen liefert die Analyse die bislang umfassendste Datengrundlage der Erholungsforschung zum Thema Urlaub. Ihre praktische Botschaft ist eindeutig: Wer seine Auszeit mit Bewegung füllt, berufliche Nachrichten konsequent ignoriert und den Wiedereinstieg sanft plant, holt aus denselben Urlaubstagen messbar mehr Erholung heraus.
Journal of Applied Psychology, I need a vacation: A meta-analysis of vacation and employee well-being; doi:10.1037/apl0001262