Dennis L.
Scheidung ist nicht nur Beziehung, sondern auch Verfahren vor Gericht. Eine neue Auswertung verbindet regionalen Zugang zu Rechtsberatung mit messbaren Veränderungen bei Scheidungen unter Einkommensberechtigten. Entscheidend ist, wie Forscher „Zugang“ in Verwaltungsdaten abbilden und wie stark sich Effekte pro 1.000 Personen und Jahr überhaupt zeigen. Was das über Hürden, Entscheidungen und mögliche Fehlinterpretationen sagt, hängt an Details der Methode.
In Debatten über Scheidung dominiert oft die persönliche Ebene, doch die juristische Realität entscheidet mit darüber, ob eine Trennung überhaupt als formaler Vorgang sichtbar wird. Wer den Schritt geht, muss Anträge stellen, Fristen einhalten, Vermögen und Unterhalt klären und gegebenenfalls vor Gericht erscheinen. Diese Anforderungen wirken wie ein Filter: Nicht jede zerrüttete Ehe endet in einem Urteil, sondern nur die, bei der Informationen, Zeit und Geld verfügbar sind. In der Forschung ist das wichtig, weil amtliche Scheidungszahlen nicht nur die Zahl gescheiterter Ehen abbilden, sondern auch die Durchlässigkeit des Rechtswegs. Je höher die Hürde, desto größer wird die Lücke zwischen tatsächlicher Trennung und registrierter Scheidung, besonders bei Haushalten mit niedrigem Einkommen.
Gleichzeitig ist eine Ehe kein statischer Zustand, sondern ein Vertrag mit laufenden Verhandlungen über Ressourcen, Verantwortung und Erwartungen. In diesem Rahmen kann Rechtsberatung wie Infrastruktur wirken: Sie reduziert Informationsasymmetrien, erklärt Spielregeln und macht Erfolgsaussichten besser kalkulierbar. Aus Sicht der Ökonomie und Rechtssoziologie verändert sich damit nicht zwingend die „Qualität“ der Beziehung, aber die Kostenstruktur einer Trennung. Dazu gehören direkte Kosten wie Gebühren und Honorare, indirekte Kosten wie Zeitaufwand sowie psychologische Kosten durch Unsicherheit über Folgen. Genau hier wird die Messfrage zentral: Wenn Zugang leichter wird, steigen Scheidungen dann wirklich, oder wird nur das sichtbar, was zuvor im informellen Zustand stecken blieb?
Rechtsberatung ist in Trennungsverfahren mehr als ein Übersetzer für Paragrafen. Sie strukturiert Informationen, setzt Fristen, verhandelt Ansprüche und kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Antrag vollständig und formwirksam eingereicht wird. In vielen Systemen ist das Familiengericht auf formale Ordnung angewiesen: unvollständige Anträge, falsch gesetzte Zustellungen oder fehlende Nachweise können Verfahren verzögern oder scheitern lassen. Für Haushalte mit wenig finanziellen Reserven ist das nicht nur lästig, sondern entscheidend. Prozesskostenhilfe und kostenlose Beratungsangebote senken die Eintrittsschwelle, verändern aber auch die Verhandlungsmacht, weil eine Seite plötzlich nicht mehr allein auf Selbstvertretung angewiesen ist. Theoretisch sind damit zwei gegensätzliche Effekte denkbar: Zugang kann Scheidung erleichtern, indem er Hürden abbaut, oder er kann Scheidung vermeiden helfen, indem er frühe Klarheit über Kosten und Folgen schafft und Konflikte planbarer macht.
Der Kern moderner Analysen liegt selten in Einzelfällen, sondern in der Frage, ob Veränderungen im Zugang zeitlich und räumlich so variieren, dass eine Kausale Analyse plausibel wird. In der Review of Economics of the Household Studie 2025 nutzen die Forscher genau dieses Prinzip, indem sie Unterschiede zwischen Regionen und Jahren auswerten, in denen kostenlose Angebote für Trennungsverfahren unterschiedlich stark verfügbar waren. Der Zugang wird dabei nicht als subjektives Gefühl gemessen, sondern als Aktivität eines öffentlich finanzierten Systems, das bestimmte Leistungen in bestimmten Gebieten anbietet. Entscheidend ist die Identifikationsannahme: Regionen mit mehr Aktivität dürfen sich in relevanten unbeobachteten Faktoren nicht systematisch so verändern, dass sie unabhängig davon Scheidungen treiben. Um diese Gefahr zu verringern, arbeiten solche Modelle typischerweise mit festen Effekten für Regionen und Jahre, mit Kontrollvariablen sowie mit Spezifikationschecks, die testen, ob das Ergebnis nur ein Artefakt räumlicher Unterschiede ist.
Die Ergebnisse sind quantitativ formuliert und damit gut einzuordnen: In Jahren mit höherer Verfügbarkeit werden bei einkommensberechtigten Personen zusätzlich etwa 2,5 bis 3,5 Scheidungen pro 1.000 Berechtigte beobachtet, was einer Veränderung in der Größenordnung von rund 7 bis 9 Prozent entspricht. Diese Angabe ist als Wirkung des Zugangs zu verstehen, nicht als Nachweis, dass jeder einzelne Fall durch Beratung „verursacht“ wurde. Wichtig ist auch die Perspektive: Es handelt sich um eine Absicht-zu-behandeln-Schätzung, weil nicht jeder Berechtigte tatsächlich einen Anwalt nutzt, selbst wenn Angebote existieren. In Subgruppen zeigen sich Unterschiede: Der Effekt fällt bei berechtigten Frauen stärker aus und liegt in dieser Teilgruppe ungefähr bei drei zusätzlichen Scheidungen pro 1.000 Berechtigte und Jahr. Die Interpretation bleibt mehrdeutig, weil dieselbe Zahl sowohl als Abbau einer verdeckten Hürde gelesen werden kann als auch als Verschiebung von Entscheidungen in Richtung formaler Auflösung.
Gerade weil die Effekte statistisch sauber quantifiziert werden, sind typische Fehlinterpretationen naheliegend. Ein Anstieg in der Scheidungsrate muss nicht bedeuten, dass mehr Ehen „kaputtgehen“, sondern kann bedeuten, dass mehr Trennungen den Weg in ein formal korrektes Verfahren finden. Umgekehrt kann ein stabiler Wert auch verdecken, dass Menschen aus Kostengründen in informellen Trennungen verharren. Methodisch bleibt die Frage, ob ungemessene Faktoren parallel zum Ausbau von Angeboten wirken, etwa regionale wirtschaftliche Schocks oder Veränderungen in lokalen Normen, die sowohl Nachfrage nach Beratung als auch Scheidungen beeinflussen könnten. Politisch berührt das den Kern von Sozialpolitik: Wird Rechtszugang als Dämpfer sozialer Ungleichheit verstanden, dann ist eine höhere gemessene Scheidung nicht automatisch ein negatives Signal, sondern kann ein Hinweis sein, dass ein System für eine zuvor ausgeschlossene Gruppe erreichbar wird. Für die Praxis heißt das: Wer Kennzahlen interpretiert, sollte immer trennen zwischen „mehr Verfahren“ und „mehr Konflikt“, denn beides muss nicht zusammenfallen.
Review of Economics of the Household, The impact of access to legal services on divorce outcomes; doi:10.1007/s11150-025-09762-9