Eine internationale Jury aus Linguisten, Autoren und Kulturschaffenden hat ein Wort aus dem Māori zum schönsten Wort der Welt gekürt. Grundlage der Wahl war eine Longlist mit mehr als 223 Begriffen aus über 75 Sprachen. Bewertet wurden Klang, Bedeutung, sprachliche Form und die emotionale Wirkung auf Menschen. Der Sieger stammt aus der indigenen Sprache Neuseelands und trägt eine Botschaft, die weit über reine Ästhetik hinausreicht. Was den Begriff für die Jury unwiderstehlich machte, liegt in einer seltenen Kombination mehrerer Eigenschaften.
Weltweit werden schätzungsweise 7000 Sprachen gesprochen, und viele von ihnen enthalten Wörter, für die es in anderen Sprachen keine direkte Entsprechung gibt. Solche unübersetzbaren Begriffe faszinieren die Sprachwissenschaft seit Langem, weil sie zeigen, wie eng Sprache, Kultur und Weltbild miteinander verwoben sind. Manche Wörter beschreiben ein Gefühl, für das andere Sprachen ganze Sätze benötigen, andere verdichten eine komplette Lebenshaltung in wenigen Silben. Die Frage nach dem schönsten Wort der Welt berührt damit ein zentrales Feld der Psychologie und Linguistik, nämlich die Frage, warum Menschen bestimmte Laute, Bedeutungen und Konzepte als besonders schön empfinden. Sprachliche Schönheit entsteht dabei selten aus einer einzelnen Eigenschaft, sondern aus dem Zusammenspiel von Wohlklang, semantischer Tiefe und kultureller Resonanz. Genau dieses Zusammenspiel stand im Mittelpunkt der aktuellen Bewertung, bei der Fachleute aus verschiedenen Disziplinen die Kandidaten in mehreren Runden gegeneinander abwogen.
Initiiert wurde die Suche von der Sprachlernplattform Babbel, die für die erste Auswahl auf Diskussionen in internationalen Reddit-Threads und in Sprachcommunitys auf TikTok zurückgriff. Ergänzt wurde diese Basis durch Vorschläge von Sprach- und Kulturexperten des Unternehmens, sodass eine breite und vielstimmige Ausgangsmenge entstand. Aus dieser Longlist filterte eine international besetzte Jury in einem mehrstufigen Verfahren zunächst eine Shortlist mit fünfzehn Wörtern heraus, bevor sie in einer finalen Runde den Sieger bestimmte. Bewertet wurde nicht allein der Klang eines Wortes, sondern ausdrücklich auch seine besondere sprachliche Form und das, was es bei den Menschen auslöst. Auf der engeren Auswahl fanden sich unter anderem das walisische Hiraeth, das portugiesische Saudade, das aus dem Zulu stammende Ubuntu und das jiddische Luftmensch. Diese Vielfalt verdeutlicht, dass sprachliche Schönheit nicht an eine einzelne Region oder Sprachfamilie gebunden ist, sondern in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten entstehen kann.
Den ersten Platz sicherte sich der Begriff Kaitiakitanga aus dem Māori, der indigenen Sprache Neuseelands. Das dreizehn Buchstaben lange Wort beschreibt die spirituelle Verantwortung des Menschen, die Natur zu schützen und für kommende Generationen zu bewahren. Für die Jury überzeugte es, weil es mehrere Formen sprachlicher Schönheit in sich vereint, nämlich einen unverwechselbaren Klang, eine tiefgreifende Bedeutung und ein Konzept, für das es in vielen anderen Sprachen keine direkte Entsprechung gibt. Der bei Babbel tätige Sprachlehrer Esteban Touma verwies zur Begründung auf die klangliche Struktur des Begriffs, dessen Lautwiederholungen für ihn etwas Kreisförmiges besitzen und damit an den Planeten, seine natürlichen Kreisläufe und den Platz des Menschen darin erinnern. In einer Zeit, in der weltweit die Folgen des Klimawandels spürbar werden, mahne das Wort zugleich die Verantwortung gegenüber der Umwelt und untereinander an. Damit verbindet der Begriff Klang, Bedeutung und kulturelle Tiefe zu einer Einheit, die weit über eine ästhetische Momentaufnahme hinausreicht.
Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist die Wahl mehr als eine subjektive Geschmacksfrage, denn die Wahrnehmung von Wohlklang folgt erkennbaren Mustern. Bestimmte Lautfolgen, weiche Konsonanten und wiederkehrende Silben werden über viele Kulturen hinweg als angenehm empfunden, ein Effekt, den die Forschung unter dem Stichwort Phonästhetik untersucht. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Auswahl, dass die Bedeutung eines Wortes seine wahrgenommene Schönheit erheblich mitprägt. Begriffe, die ein schwer fassbares Gefühl oder eine komplexe Haltung präzise benennen, wirken oft besonders eindrücklich, weil sie eine kognitive Lücke schließen. Kaitiakitanga vereint beide Ebenen, indem es klanglich harmonisch aufgebaut ist und zugleich ein Konzept transportiert, das viele Menschen als bedeutsam erleben. Die Verantwortlichen betonen ausdrücklich, dass es sich nicht um eine objektive Rangliste handelt, sondern um eine Momentaufnahme dessen, wie unterschiedlich Schönheit klingen, wirken und sich anfühlen kann. Für die Psychologie ist gerade dieser Befund aufschlussreich, weil er zeigt, wie stark ästhetisches Empfinden von Klang, Sinn und kulturellem Kontext gemeinsam geformt wird.