Ein neues bundesweites Frühwarnsystem liefert erstmals belastbare Zahlen dazu, wie tief die Social-Media-Sucht in der deutschen Bevölkerung verankert ist. Mehr als 22.000 Menschen wurden befragt, und die Ergebnisse zeigen ein deutliches Gefälle zwischen den Generationen. Besonders eine Altersgruppe hebt sich mit auffällig hohen Werten von allen anderen ab. Fachleute des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit ordnen die Befunde nun im Kontext einer wachsenden politischen Debatte um den Jugendschutz im Netz ein.
Soziale Medien gehören für nahezu alle Erwachsenen in Deutschland zum Alltag, doch die Grenze zwischen intensiver Nutzung und einem problematischen Verhaltensmuster verläuft oft unscharf. Von einer suchtartigen Mediennutzung sprechen Fachleute dann, wenn Betroffene die Kontrolle über die eigene Bildschirmzeit verlieren, gedanklich ständig um die nächste Sitzung kreisen und trotz negativer Folgen nicht loslassen können. Diese Muster ähneln strukturell anderen Verhaltenssüchten und lassen sich mit standardisierten Fragebögen erfassen, ähnlich wie es Untersuchungen zum Einfluss sozialer Medien auf die psychische Gesundheit seit Jahren zeigen. Der Begriff Social-Media-Sucht beschreibt dabei kein flüchtiges Modephänomen, sondern ein messbares Belastungsmuster, das Schlaf, Konzentration und Stimmung beeinträchtigen kann. Wie stark solche Nutzungsstörungen bei Jugendlichen und Erwachsenen ausgeprägt sind, wurde in Deutschland lange nur unzureichend systematisch erhoben.
Erhoben werden die Daten über das Deutsche Gesundheitsbarometer, eine bundesweite Online-Plattform des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit und des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität Bochum. Zwischen September 2024 und November 2025 nahmen mehr als 22.000 Personen ab 18 Jahren teil, was der Erhebung eine für Deutschland ungewöhnlich breite Datenbasis verschafft. Zur Einordnung der Nutzungsmuster kam die international anerkannte Bergen Social Media Scale zum Einsatz, ein etablierter Fragebogen, der typische Suchtmerkmale wie Kontrollverlust, gedankliche Vereinnahmung und Rückzug abfragt. Die Fragestellung besitzt gerade jetzt hohe gesellschaftliche Relevanz, da mehrere Länder den Zugang Minderjähriger zu sozialen Netzwerken neu regeln und auch in Deutschland über Altersgrenzen sowie Schutzmechanismen diskutiert wird. Damit verbindet die Erhebung eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme mit einer hochaktuellen politischen Debatte um die psychische Gesundheit junger Menschen.
Nach den über das Deutsche Gesundheitsbarometer erhobenen Daten zeigen 27,6 Prozent der Nutzenden ein suchtartiges Verhalten in sozialen Medien, was rechnerisch mehr als jedem vierten Befragten entspricht. Frauen sind mit rund 29 Prozent etwas häufiger betroffen als Männer mit 25,4 Prozent. Der auffälligste Befund betrifft jedoch die junge Generation: Unter den unter 20-Jährigen weist mehr als die Hälfte deutliche Suchtsymptome auf, konkret 51,3 Prozent, während es bei den 20- bis 39-Jährigen 34,9 Prozent sind. Mit steigendem Alter sinkt die Betroffenheit spürbar ab. Die möglichen Folgen reichen von Konzentrationsproblemen über Schlafstörungen bis hin zu verstärkten psychischen Belastungen. Damit liefert die Erhebung erstmals eine flächendeckende Größenordnung für ein Phänomen, das bislang vor allem aus kleineren Stichproben und internationalen Studien bekannt war und dessen Ausmaß in der Bundesrepublik oft nur geschätzt wurde.
Grundlage der Auswertung ist die an der Ruhr-Universität Bochum aufbereitete Erhebung, die neben der Suchtneigung auch das reine Nutzungsverhalten abbildet. Demnach greifen über 96 Prozent der Erwachsenen regelmäßig zu Plattformen wie Instagram, TikTok oder Messenger-Diensten, im Schnitt drei Stunden und 18 Minuten pro Tag. Bei den unter 20-Jährigen steigt die tägliche Bildschirmzeit auf gut vier Stunden. Auch regional treten Unterschiede hervor, denn Hamburg und Berlin liegen mit mehr als vier Stunden an der Spitze, während Mecklenburg-Vorpommern und Bayern mit rund drei Stunden am unteren Ende rangieren. Entscheidend für die Bewertung ist dabei nicht allein die Dauer, sondern die Qualität der Mediennutzung, die über die Bergen Social Media Scale erfasst wird. Der Fragebogen unterscheidet gewohnheitsmäßiges Scrollen von einem zwanghaften Muster, bei dem soziale Medien Denken, Stimmung und Tagesstruktur zunehmend bestimmen.
Die beteiligten Forscher betonen, dass soziale Medien nicht automatisch krank machen, dass aber bestimmte Nutzungsmuster psychische Belastungen verstärken können. Als besonders riskant gilt eine Nutzung, die passiv, sehr lang, spät am Abend oder kaum noch kontrollierbar ist. Als Gegenstrategie empfiehlt das Team einen bewussten Digital Detox, bei dem bereits 30 Minuten weniger Zeit in sozialen Medien pro Tag die Stimmung spürbar verbessern sollen. Wirksam seien zudem feste Schlafzeiten, der Verzicht auf das Smartphone kurz vor dem Einschlafen sowie mehr Offline-Aktivitäten wie Sport oder gemeinsame Spieleabende. Ähnliche Dynamiken zeigen sich auch darin, wie sich psychische Belastungen über soziale Netzwerke junger Menschen ausbreiten können, was den Stellenwert eines gesunden Umgangs zusätzlich unterstreicht.
Die Ergebnisse gewinnen vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen zusätzliche Brisanz, denn Australien hat den Zugang zu sozialen Netzwerken für unter 16-Jährige weitgehend beschränkt, und auf europäischer Ebene werden strengere Vorgaben und Altersgrenzen offen diskutiert. Fachleute des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit weisen zugleich auf methodische Grenzen hin, da ein Fragebogen Zusammenhänge aufzeigt, aber keine eindeutige Ursache-Wirkung-Kette beweist. Ob intensive Nutzung Belastungen auslöst oder ob belastete Menschen häufiger zum Smartphone greifen, lässt sich aus Querschnittsdaten allein nicht abschließend klären. Weitere Wellen des Gesundheitsbarometers sollen solche Verläufe künftig genauer abbilden. Dass digitale Umbrüche messbare Spuren hinterlassen, zeigt sich auch daran, wie stark Krisenzeiten die Entwicklung jugendlicher Gehirne beeinflussen können.