Glücksspielstaatsvertrag

Einzahlungslimits reduzieren Risiko einer Glücksspielsucht

von Robert Klatt

In Deutschland gibt es etwa 200.000 Spielsüchtige. Selbstgewählte Einzahlungslimits der Spieler können das Glücksspielsuchtrisiko laut einer neuen Studie deutlich reduzieren, sind im ab 2021 geltenden neuen Glücksspielstaatsvertrag aber nicht vorgesehen.

Nottingham (England). Laut der Befragung „Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland 2019“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter 11.503 Personen haben 75,3 Prozent der 16- bis 70-jährigen Menschen in Deutschland bereits mindestens einmal in ihrem Leben an Glücksspiel teilgenommen. Männer überwiegen mit 79,9 Prozent gegenüber Frauen, von denen lediglich 70,7 Prozent laut eigenen Angaben bereits ein oder mehrmals an einem Glücksspiel teilgenommen haben.

Auffällig ist auch, dass die Spielfrequenz bei Männern mit 17,9 Prozent der Personen, die mehrmals monatlich an Glücksspielen teilnehmen höher liegt als bei Frauen, von denen lediglich 7,8 Prozent mehrmals monatlich Glücksspiel betreiben. Die Studie liefert damit Daten, die eindeutig belegen, dass ein größerer Anteil der Männer Glücksspiel betreibt und dass Männer regelmäßiger an Glücksspiel teilnehmen.

Geldeinsätze bei Männern höher

Die Geldeinsätze beim Glücksspiel variieren unter den Teilnehmern stark. 36,3 Prozent setzen nur bis zu 10 Euro monatlich, bei 37,5 Prozent sind es 10 bis 50 Euro und bei 13,9 Prozent 50 bis 100 Euro. Mehr als 100 Euro geben für Lotto, Sportwetten und in Online Casinos wie bei zum Beispiel für die Merkurspiele im Platincasino nur 10,9 Prozent der Probanden aus. Es fällt dabei auf, dass 29,9 Prozent der Männer mehr als 50 Euro monatlich für Glücksspiel ausgeben, während der Anteil der weiblichen Glücksspieler in dieser Ausgabenkategorie mit 17,3 Prozent deutlich geringer ist.

200.000 Spielsüchtige in Deutschland

Die BZgA untersuchte außerdem, wie viele Personen in Deutschland spielsüchtig sind. Zur Bewertung der Spielsucht nutzten die Wissenschaftler das international anerkannte Verfahren South Oaks Gambling Screen (SOGS), mit dem sich glücksspielassoziierte Probleme nach ihrem Schweregrad klassifizieren lassen. Die extrapolierten Daten zeigen, dass im Jahr 2019 etwa 229.000 Personen ein problematisches Glückspielverhalten zeigten und dass etwa 200.000 Personen pathologische Glücksspielende sind, also unter Spielsucht leiden. Die Ergebnisse der BZgA liegen damit in vergleichbaren Bereichen andere Glücksspielstudien über Deutschland.

Profil des durchschnittlichen Spielsüchtigen

Eine Studie der niederländischen Glücksspielbehörde Kansspelautoriteit (KSA) in Kooperation mit der Spielsuchtorganisation Anonieme Gokkers Omgeving Gokkers (AGOG) zeigt ergänzend das Profil eines „typischen Spielsüchtigen“. Befragt wurden für die Studie ausschließlich Personen, die sich selbst als spielsüchtig einstufen und die bereits an einer Spielsucht-Selbsthilfegruppe von AGOG teilnehmen. Die Ergebnisse sind zwar nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar, laut Experten aber durchaus vergleichbar, weil die Glücksspielbranche beider Länder große Gemeinsamkeiten aufweist.

37 Jahre, männlich mit Vollzeitbeschäftigung

Laut den Studienergebnissen der niederländischen Befragung ist der durchschnittliche Spielsüchtige 37 Jahre alt, männlich und geht einer Vollzeitbeschäftigung nach. 58 Prozent der Spielsüchtigen sind laut eigenen Angaben Angestellte, 21 Prozent selbstständige Unternehmer.

Die Ausgaben für Glücksspiel liegen in dieser Personengruppe bei 30 Prozent zwischen 500 und 1.000 Euro, bei 23 Prozent zwischen 1.000 und 2.000 Euro und bei sechs Prozent sogar bei mehr als 5.000 Euro. Aufgrund der teilweise hohen Ausgaben wurden in der Befragung auch potenzielle Schuldenprobleme untersucht. Dabei zeigte sich eine deutliche Teilung unter den Probanden. Etwa 50 Prozent haben keinerlei Schulden aufgrund ihres Glücksspiels, 27 Prozent haben hingegen Schulden von mehr als 40.000 Euro. Personen, die nur geringe Schulden aufgrund des Glücksspiels haben sind hingegen in der Minderheit.

Probandengruppe der Studie sehr klein

Obwohl an der Befragung nur 86 Personen teilgenommen haben, sind die Ergebnisse laut der KSA aussagekräftig genug, um die auf Selbsthilfe basierten Angebote entsprechend der Bedürfnisse der Personengruppe zu optimieren. Es ist außerdem auffallend, dass Männer mit 93 Prozent deutlich überrepräsentiert unter den Probanden waren, obwohl der Gesamtanteil unter den Spielsüchtigen nur zu 75 Prozent aus Männern besteht. Ausgelöst wird dies laut den Studienautoren dadurch, dass Männer häufiger anonyme Selbsthilfegruppen aufsuchen, aus denen die Probanden der Studie gewonnen wurden, während Frauen in der Regel anerkannten Spielsuchttherapien aufsuchen.

Geringeres Spielsuchtrisiko durch Einsatzlimits

Neben Aufklärungs- und anderen Präventionsmaßnahmen zur Verminderung des Spielsuchtrisikos, gelten auch Einsatzlimits als wirksame Möglichkeit zur Unterdrückung von problematischen und pathologischen Spielverhalten. Im neuen Glücksspielstaatsvertrag, der ab 2021 das Glücksspiel in Deutschland reguliert, ist aus diesem Grund ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Person unabhängig vom Einkommen über alle Angebote hinweg vorgesehen. Eine Verpflichtung der Casinos zum Anbieten selbstgewählter Einzahlungslimits in individueller Höhe sieht der neue Glücksspielstaatsvertrag hingegen nicht vor.

Erste Studie mit echten Glücksspielern

Wissenschaftler der Nottingham Trent University (NTU) haben nun untersucht, welche konkreten Auswirkungen ein selbstgewähltes Einzahlungslimit beim Glücksspiel auf das Verhalten der Spieler hat. Die Autoren der im Fachmagazin Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking publizierten Studie analysierten dafür 49.560 randomisierte Datensätze von Glücksspielern, die zwischen Januar 2017 und Dezember 2019 erhoben wurden. Es handelt sich laut den Forschern um Michael Auer dabei um die erste Untersuchung dieser Art, die Daten von echten Glücksspielern nutzt.

Anonymisierte Daten eines Casinos

Die anonymisierte Spielerdaten stammen von einem Casino. Das Alter und Geschlecht sowie die Höhe der Einzahlungen und eventuelle Einsatzlimits wurden den Wissenschaftlern mitgeteilt, persönliche Informationen, die Rückschlüsse auf die Kunden des Casinos ermöglichen, würden zuvor entfernt. 90,3 Prozent der Datensätze stammten von Männern, 9,07 Prozent von Frauen.

Die Auswertung zeigt, dass 659 der Spieler selbstständig ein Einzahlungslimit festlegten, dass sie bei dem in der Studie genutzten Casino erst nach mehreren Tagen Wartezeit anpassen konnten. Dabei wurde deutlich, dass unabhängig vom Alter und Geschlecht das Spielsuchtrisiko durch das Einzahlungslimit deutlich sinkt. Besonders stark profitieren von einem Einzahlungslimit sogenannte Intensivspieler, die regelmäßig an Glücksspielangeboten teilnehmen und die durch ein Einzahlungslimit innerhalb des Studienzeitraums von einem Jahr ihre Verluste deutlich reduzieren konnten.

Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, doi: 10.1089/cyber.2019.0202

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