Entwicklung

Babys täuschen ihre Eltern bereits bevor sie sprechen können

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Babys können schon ohne ausgereifte Sprache Erwartungen anderer Menschen beeinflussen. Hinter scheinbar einfachen Alltagssignalen wie Blicken, Verbergen oder Schreien könnten frühe Formen von Täuschung stehen. Die Forschung fragt deshalb, ab wann solche Handlungen eher Reflex als gezielte soziale Strategie sind. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Schon lange gilt Lügen als Fähigkeit, die Sprache und ein entwickeltes Verständnis fremder Gedanken voraussetzt. Eine neue Analyse stellt dieses Bild infrage und kartiert Täuschung erstmals systematisch vom Säuglingsalter bis 47 Monaten. Entscheidend ist dabei, welche Handlungen überhaupt als Täuschung gelten und wie verlässlich Eltern sie erkennen. Genau an dieser Grenze wird die Studie besonders interessant.

Kinder kommunizieren lange bevor sie vollständige Sätze bilden. Sie lenken Blicke, greifen nach Gegenständen, warten auf Reaktionen und verändern ihr Verhalten, wenn Erwachsene hinsehen oder weghören. Genau in diesem Übergang zwischen spontaner Bedürfnisäußerung und absichtsvoller sozialer Steuerung beginnt eine der spannendsten Fragen der Entwicklungsforschung. Ab wann versuchen junge Menschen nicht nur etwas zu bekommen, sondern die Erwartung eines anderen gezielt zu beeinflussen? In der Psychologie gilt Täuschung nicht bloß als moralische Kategorie, sondern auch als Hinweis auf kognitive Reifung. Wer täuscht, muss zumindest in einfacher Form berücksichtigen, dass andere Menschen eine eigene Perspektive haben. Diese Verbindung zu soziale Kognition und Theory of Mind macht das Thema auch für die frühe Entwicklung interessant. Gleichzeitig ist Vorsicht nötig, weil nicht jedes unpassende oder versteckende Verhalten schon eine bewusste Lüge darstellt.

Besonders schwierig ist die Abgrenzung im Säuglingsalter, weil Babys und sehr junge Kleinkinder ihre Absichten kaum sprachlich erklären können. Forscher sind daher auf Verhaltensmuster angewiesen: Wird ein Objekt versteckt, wird eine Anweisung scheinbar überhört, wird etwas abgestritten oder dient Schreien eher der unmittelbaren Not als einer sozialen Wirkung? Solche Fragen beschäftigen die Forschung schon länger, auch weil Alltagserfahrungen von Eltern häufig sehr stark von Interpretation geprägt sind. Ein Ruf, ein Blick oder ein abruptes Verstummen kann je nach Situation wie Reflex, erlernte Kommunikation oder kleine List wirken. Genau deshalb ist das Thema mehr als eine kuriose Familienbeobachtung. Es berührt grundlegende Modelle dazu, wie Selbstkontrolle, Perspektivübernahme und soziale Regeln entstehen. In angrenzenden Arbeiten zu Schreien bei Säuglingen zeigt sich immer wieder, dass selbst sehr frühe Signale nicht nur biologisch, sondern auch sozial organisiert sind.

Was Täuschung bei sehr jungen Kindern bedeutet

Täuschung bei sehr jungen Kindern darf nicht mit ausformulierter Unwahrheit verwechselt werden. In der frühen Phase geht es meist nicht um komplexe erfundene Geschichten, sondern um Handlungen, mit denen ein Kind Information steuert. Entwicklungspsychologisch relevant ist dabei, ob ein Verhalten darauf abzielt, bei einer anderen Person einen falschen Eindruck zu erzeugen oder einen wahren Eindruck gezielt zu verhindern. Dazu reichen in einfacher Form schon Wegschauen, Verbergen, Ablenken oder demonstratives Nichtreagieren. Solche Akte setzen keine ausgereifte Grammatik voraus, aber sie stehen wahrscheinlich mit Fähigkeiten in Zusammenhang, die später für anspruchsvollere Lügen wichtig werden. Dazu zählen Inhibition, also das Unterdrücken einer naheliegenden Reaktion, Aufmerksamkeit für die Perspektive anderer und Elemente von Theory of Mind. Genau deshalb ist es wissenschaftlich sinnvoll, nicht erst bei gesprochenen Falschaussagen anzusetzen, sondern die Vorstufen von Täuschung früher im Alltag zu suchen.

Wie die Studie Babys und Eltern erfasste

Die neue Datengrundlage ist für dieses Feld ungewöhnlich breit. Im Zentrum steht die im Fachjournal veröffentlichte EDS-Studie zur Täuschung im Alter von 10 bis 47 Monaten, in der Forscher ein Elterninstrument mit 16 Täuschungstypen entwickelten und in mehreren Teilstudien prüften. Ausgangspunkt waren Berichte von 130 Eltern über frühe Verhaltensweisen ihrer Kinder vor dem Alter von 47 Monaten. Danach testete das Team die Skala mit weiteren Stichproben, darunter 167 und 382 Teilnehmende zur internen Struktur, 85 Kinder zur Validierung mit Labortests sowie 610 und später 203 Fälle für den Vergleich mit einem Instrument zur soziale Kognition. Insgesamt flossen Daten zu 734 Kindern in die Altersmodellierung ein. Der methodische Gewinn liegt darin, dass nicht nur einzelne spektakuläre Beispiele gesammelt wurden, sondern ein Altersprofil vieler kleiner Alltagsformen entstand.

Welche Muster bei Babys am frühesten auffallen

Besonders interessant ist, welche Muster am frühesten auftauchen. Im explorativen Teil wurde der früheste elterliche Bericht bereits mit 8 Monaten angegeben. In der zusammengeführten Modellierung war mindestens ein Täuschungstyp bei 25 Prozent der Kinder ab etwa 10 Monaten, bei 50 Prozent ab 16 Monaten und bei 75 Prozent ab 24 Monaten zu erwarten. Früh dominieren einfache, handlungsnahe Formen wie scheinbares Nichthören, Verbergen oder Leugnen per Kopfbewegung, während später Ausreden, Untertreibung, Übertreibung, Ablenkung und vollständig erfundene Aussagen hinzukommen. Dass nonverbale Strategien dabei eine große Rolle spielen, passt zu älteren Befunden. Bereits frühere Befunde zu Veränderungen des Affekts vor und nach Schreiepisoden zeigten, dass Schreien nicht immer eindeutig mit negativem Affekt gekoppelt ist. Gerade diese alltägliche Form der Signalgebung macht deutlich, warum Babys und Kleinkinder Täuschung schon vor sicherer Sprache erproben könnten.

Wo die Grenzen der Daten liegen

Trotz der spannenden Zahlen bleibt die Aussagegrenze wichtig. Die Studie misst keine objektiv registrierte Lüge in jeder Alltagsszene, sondern vor allem elterliche Beobachtung und Einordnung. Das ist bei so jungen Kindern kaum anders möglich, erhöht aber das Risiko von Fehlinterpretationen. Ein auffälliger Befund ist, dass die Übereinstimmung zwischen zwei Elternteilen zwar gut war, die Übereinstimmung zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften in einer kleinen Teilstichprobe jedoch schwach ausfiel. Dazu kommt, dass die Stichprobe vor allem aus englischsprachigen Familien in wenigen westlichen Ländern stammt. Für die Forschung ist das Ergebnis dennoch wichtig, weil es Täuschung nicht erst im Vorschulalter verortet, sondern als Bestandteil normaler Entwicklung diskutiert. Für Eltern bedeutet das vor allem, frühe Tricks nicht sofort moralisch zu überhöhen. Im weiteren Kontext von Kindern und ihrer frühen Entwicklung geht es hier eher um soziale Lernprozesse als um Charakterurteile.

Cognitive Development, The Early Deception Survey EDS: Its psychometric properties in children aged 10 to 47 months; doi:10.1016/j.cogdev.2026.101677
Infant Behavior and Development, Changes in the affect of infants before and after episodes of crying; doi:10.1016/j.infbeh.2013.04.005

Spannend & Interessant
VGWortpixel