Robert Klatt
In den 1960er- und 1970er-Jahren gab es massive Bauprogramme für Atomkraftwerke, in denen ein Großteil der noch heute aktiven Reaktoren entstanden ist. Eine nun publizierte Studie belegt, dass die kommerzielle Kernkraft nur aufgrund von Subventionen entstanden ist und nach 1980 kaum neue Atomkraftwerke gebaut wurden, weil diese nicht konkurrenzfähig waren.
Berlin (Deutschland). Das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Welt, Calder Hall in Sellafield, in Cumbria im Vereinigten Königreich (UK), wurde 1956 in Betrieb genommen. Der Ausbau der Kernkraft im größeren Maßstab fand vor allem in den 1960er und 1970er Jahren statt und wurde vor allem durch massive Bauprogramme in den U.S.A., Frankreich, Japan und Deutschland eingeleitet. Ein Großteil der noch heute aktiven Reaktoren wurde in diesem Zeitraum errichtet.
Eine nun publizierte Studie der Technische Universität Berlin (TU Berlin) zeigt, dass der rapide Ausbau nur aufgrund von Subventionen stattgefunden hat, ohne die diese Art der Stromerzeugung für die Betreiber nicht wirtschaftlich gewesen wäre. Die Staaten und Unternehmen haben aus drei Hauptgründen in die Atomkraft investiert, die damals als eine Wette auf das Potenzial gesehen wurde, aber nicht eingetreten ist.
Die Staaten haben vor allem in Atomkraftwerke investiert, weil sie zum damaligen Zeitpunkt davon ausgegangen sind, dass die Fördermengen von Erdöl und Erdgas bald abnehmen werden. In diesem Szenario würden diese Optionen zur Stromproduktion entfallen und Atomkraftwerke wären erforderlich, um die Lücke zu schließen. In der Realität sind die Fördermengen aber nicht gesunken und fossile Brennstoffe bleiben auf einem niedrigen Preisniveau. In den letzten Jahrzehnten haben zudem neue, preisgünstige Stromquellen, vor allem die Wind- und Solarenergie, dazu geführt, dass die ökonomische Attraktivität der Atomkraft weiter gesunken ist.
In den 1960er-Jahren ging man zudem davon aus, dass die Investitionskosten der Kernenergie durch Lerneffekte schnell sinken und der Bau sowie der Betrieb von Atomkraftwerken dadurch günstiger werden. Die Lernkurve war in der Realität aber kaum vorhanden und das Preis-Leistungs-Verhältnis hat sich kaum verbessert.
Westinghouse und General Electric, die damals führenden Produzenten von Kernreaktoren, haben diesen Effekt noch verstärkt, indem sie ihre ersten Produkte zu unrealistisch niedrigen Preisen, mit hohen Verlusten, verkauft haben. Sie wollten dadurch die Atomkraft etablieren, um in Zukunft als führende Anbieter hohe Absatzzahlen erzielen zu können, zu einer Zeit, in der die Stromproduktion aus Kohle und Gas noch teurer als Atomstrom wäre.
Diese Faktoren haben in Kombination mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl dazu geführt, dass die Atomkraft kaum noch ausgebaut wurde. Die Gesamtleistung der globalen Kernreaktoren ist seit 1990 nahezu gleich, obwohl vor allem in China und Indien noch neue Atomkraftwerke entstehen.
In den kommenden Jahrzehnten rechnen die Forscher aufgrund der alten Reaktoren mit einem Rückgang der Gesamtleistung. Daran wird laut ihnen auch der Klimawandel und die daraus dringend benötigte Reduzierung der CO₂-Emissionen nichts ändern, weil Alternativen zur Atomkraft, etwa Wind- und Solarkraftwerke, ökonomisch deutlich sinnvoller sind.
Quellen:
Studie der Technische Universität Berlin (TU Berlin)
Forschungsprojekt des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE)